1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kommentare
  4. Wasserstoff: Bloß nicht die Nerven verlieren, Herr Merz!

WasserstoffBloß nicht die Nerven verlieren, Herr Merz!

Der Kanzlerkandidat der Union glaubt nicht an den grünen Umbau der Stahlindustrie mit Wasserstoff. Wer aber jetzt wackelt, gefährdet die Existenz der Branche. Ein Kommentar.Isabelle Wermke 15.01.2025 - 14:19 Uhr aktualisiert
Artikel anhören
Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz zweifelt am grünen Umbau der Stahlindustrie mit Wasserstoff. Foto: dpa

Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz bezweifelt den ökologischen Umbau der Stahlindustrie mit Wasserstoff. Und das ist ein Problem. Auf halbem Weg die Nerven zu verlieren und umzukehren, wäre aus mehreren Gründen fahrlässig.

„Ich glaube persönlich nicht daran, dass der schnelle Wechsel hin zum wasserstoffbetriebenen Stahlwerk erfolgreich sein wird. Wo soll der Wasserstoff denn herkommen?“, hatte Merz auf einer Veranstaltung zu bedenken gegeben und ergänzt: „Den haben wir nicht. Und wenn wir das mit Wasserstoff machen, dann ist die Tonne Stahl immer noch mindestens 300 Euro teurer, als wenn sie bisher konventionell erzeugt wird.“ Stattdessen solle man sich, so der CDU-Politiker, mehr auf CO2-Speichertechnologien konzentrieren.

Ja, der Hochlauf der Stahlproduktion mit grünem Wasserstoff gestaltet sich schwieriger als geplant und dauert länger als anfangs kalkuliert. Dass grüner Wasserstoff noch nicht verfügbar ist, bremst die Transformation aus, und Unternehmen verlegen den Start ihrer grünen Anlagen nach hinten. Trotzdem: Es braucht jetzt Vertrauen in die Zukunft, denn es gibt keinen Weg zurück.

Deutschlands große Stahlkonzerne Thyssen-Krupp Steel, Salzgitter AG und Arcelor-Mittal Germany haben bereits den Bau ihrer Anlagen begonnen, mit denen sie direktreduziertes Roheisen (DRI) herstellen wollen – langfristig mithilfe von grünem Wasserstoff. Dafür wurden die Konzerne mit insgesamt sieben Milliarden Euro von Bundes- und Landespolitik gefördert.

Für eine klimafreundlichere Stahlerzeugung braucht es außerdem nicht sofort grünen Wasserstoff. Die Anlagen können den Betrieb in den kommenden Jahren mit Erdgas aufnehmen – auch dann können die Emissionen schon um rund 50 Prozent reduziert werden.

Der Zeitfaktor wiegt schwer

Teurer wäre Stahlproduktion nicht nur mit Wasserstoff, sondern auch mit den von Merz gepriesenen CO2-Speichertechnologien. Rechnet man die Kosten für die CO2-Lagerung, die Pipelinekilometer und die Investitionen für den Umbau der Hochöfen hinzu, kommt man auf ähnlich hohe Preise für eine Tonne Stahl.

Noch schwerer wiegt der Zeitfaktor: Deutschland verfügt derzeit nicht über eine Infrastruktur, um CO2 aus Stahlhochöfen abzutrennen und einzulagern. Experten gehen davon aus, dass der Aufbau einer deutschen Infrastruktur mindestens ein Jahrzehnt dauern würde. Eine Abkehr vom Wasserstoffpfad und die Fokussierung auf eine andere Technologie werfen die Transformation also massiv zurück.

Andere Länder machen das schon, sagt Merz. Das mag sein, aber nicht in der Stahlproduktion. Nirgendwo auf der Welt gibt es eine großtechnische Anlage zur Stahlerzeugung im Hochofen, die CO2 im industriellen Maßstab abscheidet. Einige Pilotprojekte zeigen bisher nur verschwindend geringe Reduktionen des Klimagases.

Was andere Länder jedoch bereits praktizieren, ist die Erzeugung von Roheisen über DRI-Anlagen. China und der Nahe Osten investieren derzeit in die Erzeugung von Grünstahl durch Direktreduktionsanlagen.

Wer jetzt aus Ungeduld den Rückwärtsgang einlegt, gefährdet die Existenz der deutschen Stahlindustrie. Denn noch kann sich Deutschland bei der Produktion von grünem Stahl gut positionieren. Wer auf halbem Weg umkehrt, verliert Zeit – und verschafft der Konkurrenz einen Vorsprung.

Verwandte Themen
Friedrich Merz
Deutschland
Wasserstoff
Erdgas

Weder die eine noch die andere Technologie kann allein zu einer vollständig CO2-neutralen Stahlproduktion in Deutschland führen. Der grüne Umbau der Stahlindustrie braucht ein Potpourri an Innovationen und Technologien. Dazu gehören grüner Wasserstoff, Erdgas, Recyclingstahl und irgendwann vielleicht auch die CO2-Speicherung. Und vor allem: Nerven aus Stahl.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt