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Morning BriefingDeutsche Unternehmen wittern Chancen durch US-Zölle

Teresa Stiens 03.09.2025 - 06:29 Uhr
Morning Briefing

Deutsche Unternehmen wittern Chancen durch US-Zölle

03.09.2025
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

dass ökonomische Kennzahlen politisch sind, stellte US-Präsident Donald Trump jüngst unter Beweis, als er die bisherige Chefin des Amts für Statistik feuerte. Sie hatte es gewagt, die schlechte Nachricht zu überbringen, dass weniger neue Jobs geschaffen wurden als erwartet.

Seitdem sind ehrliche Vitalzeichen der amerikanischen Wirtschaft deutlich schwerer zu finden. Der Chef des Handelsblatt Datenteams, Haluka Maier-Borst, hat sich auf die Suche begeben und Daten gefunden, die nicht von staatlicher Seite erhoben werden – und deshalb also potenziell ein realistisches Bild der Lage zeichnen.

Das Ergebnis dürfte der US-Regierung nicht gefallen. Zahlen des Finanzanalysten S&P Global deuten darauf hin, dass in diesem Jahr so viele Unternehmen in die Insolvenz rutschen könnten wie seit dem Krisenjahr 2010 nicht mehr.

Die sogenannte Private Credit Default Rate (PCDR) der Ratingagentur Fitch deutet zudem an, dass Kredite immer öfter anders bedient werden als eigentlich vorgesehen. Zain Bukhari von S&P Global schreibt in einem neuen Report dazu:

Dieser Trend versteckt oder verzögert potenziell Warnsignale darüber, dass Firmen in Schwierigkeiten stecken.

Deutsche Discounter profitieren vom Preisschock

Nicht nur für amerikanische Unternehmen sehen die Zahlen schlecht aus. Auch US-Supermarktkunden spüren die Auswirkungen der aktuellen ökonomischen Lage. Marc Houppermans, Executive Partner der Branchenberatung Discount Retail Consulting, spricht von einem echten „Preisschock“.

Laut Zahlen des Budget Labs der Yale University erhöhen alle derzeit geltenden amerikanischen Zölle den Preis für Obst und Gemüse kurzfristig um sechs Prozent. Für Fischereiprodukte müssen Verbraucher sogar etwa zehn Prozent mehr zahlen.

Aldi und Lidl: Die deutschen Discounter könnten erheblich von Inflation und Trumps Zollpolitik profitieren. Foto: Illustration, Gemini, Getty Images (M)

Doch wo Probleme entstehen, sehen deutsche Supermärkte Chancen. Denn die zwei deutschen Discounter, Lidl und Aldi, könnten erheblich davon profitieren, dass Verbraucher in den USA zunehmend auf die Preise achten müssen.

Während die angespannte Lage viele US-Supermärkte unvorbereitet trifft, sind die beiden deutschen Ketten mit einem passenden Geschäftsmodell gut aufgestellt. Aldi, Lidl und Aldi-Nord-Tochter Trader Joe’s verzeichneten im ersten Halbjahr 2025 deutlich höhere monatliche Kundenzuwächse als ihre US-Konkurrenz.

Wie gelingt den Deutschen dieser Erfolg? Der entscheidende Vorteil liegt in ihren effizienten, straffen Strukturen mit weniger Personal und geringeren Mietkosten. Dadurch bieten sie vergleichsweise günstige Preise und konnten die Kostensteigerungen besser abfangen.

Dafür verzichten Aldi und Lidl allerdings auch auf aus deutscher Sicht unnötigen Service. Kunden müssen ihre gekauften Produkte selbst in die Einkaufstüten packen.

Hoffnung auf Handel mit Indien

Auch an anderer Stelle hofft die deutsche Wirtschaft, von den Folgen der aktuellen amerikanischen Zollpolitik indirekt zu profitieren. Außenminister Johann Wadephul (CDU) bereist gerade Indien und lässt sich dabei von einer großen Wirtschaftsdelegation begleiten.

Die Chancen für mehr wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und dem bevölkerungsreichsten Land der Erde stehen besser denn je – denn Indien wurde gerade mit 50-prozentigen Zöllen auf seinem wichtigsten Exportmarkt belegt.

Dass die USA einen Handelsstreit mit Indien vom Zaun gebrochen haben, könnte deutschen Unternehmen zugutekommen. Denn anders als die USA steuert die EU mit Indien in Richtung eines Freihandelsabkommens – das allerdings bereits seit 2007 verhandelt wird und immer noch viele Streitpunkte aufweist. Eine Einigung würde bei vielen Unternehmen der Republik für Freude sorgen. Innerhalb der EU ist Deutschland Indiens größter Handelspartner.

Audi setzt auf Äußerlichkeiten

Bei hochpreisigen Autos kommt es nicht nur darauf an, dass sie vier Räder haben und eine Handbremse – bei Luxuskarossen fährt das Auge mit. Audi möchte jetzt mithilfe einer Designinnovation aus der Krise kommen und die mickrigen Gewinnmargen wieder deutlich steigern.

Concept C: Mit dem zweisitzigen Elektrosportwagen stellt Audi-Chef Döllner in Mailand die künftige Design-Sprache von Audi vor. Foto: AUDI AG

Mit gewaltigem Aufwand präsentiert Audi-Chef Gernot Döllner in der norditalienischen Mode- und Designmetropole Mailand kurz vor der Internationalen Automobilausstellung (IAA) ein Konzeptauto, das stilprägend für die Ingolstädter werden soll.

Das „Concept C“, ein zweisitziger Elektrosportwagen, soll die neue Designphilosophie der kriselnden Premiummarke verkörpern und in zwei Jahren auf den Markt kommen. Döllner hofft, mit dem Wagen eine Art „TT-Moment“ auszulösen. Falls es Ihnen geht wie mir und Sie sich an diesen Moment nicht im Detail erinnern: 1998 hatte Audi mit dem Modell TT weltweit für Aufsehen gesorgt. Das Design des zweisitzigen Sportcoupés galt als Zäsur für das Unternehmen.

Das Ende des kurzen Deutschlandbooms

Das Narrativ, dass Deutschland dank der schuldenfinanzierten Investitionsprogramme und mutiger Reformen der neuen Regierung wiedererstarken wird, ist erst ein paar Monate alt, verliert aber schon wieder an Glaubwürdigkeit – vor allem, was den Reformteil angeht, kommentiert Handelsblatt Finanzressortleiter Michael Maisch.

Grund für seinen Pessimismus sind die strauchelnden Kurse der deutschen Bankaktien. Eigentlich geht es den deutschen Banken so gut wie lange nicht mehr. Doch mein Kollege ist sich sicher, dass dieses kleine Bankenwunder an Wirkmacht verliert und dass die Gründe dafür eng mit den Problemen des Standorts Deutschland zusammenhängen.

Zwar haben die meisten deutschen Banken schmerzhafte Restrukturierungen hinter sich und hart an ihrer Profitabilität gearbeitet. Aber mein Kollege analysiert, dass sich die Euphorie der letzten Monate vor allem aus der Hoffnung auf die wirtschaftliche Wende auf dem Heimatmarkt speise. Doch die deutsche Wirtschaft lahmt noch immer und wird wahrscheinlich auch 2025 nicht aus der Rezession kommen. Das Urteil meines Kollegen:

Der Vertrauensvorschuss ist aufgebraucht.

Erleichterung bei Google

Im mit Spannung erwarteten Wettbewerbsprozess rund um die Google-Mutter Alphabet ist gestern Abend deutscher Zeit das Urteil gefallen. Demnach muss die Suchmaschine Daten mit Konkurrenten teilen. Den Antrag der Staatsanwaltschaft, den Internetriesen zum Verkauf seines beliebten Chrome-Browsers zu zwingen, wies der Richter jedoch ab. Die Anleger reagierten erleichtert auf die Nachricht. Die Google-Aktie schoss nachbörslich um rund acht Prozent nach oben, nachdem sie im Tagesverlauf noch gefallen war.

Schwedische Leitkultur voller Klischees

Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick nach Schweden, wo die Regierung gestern einen „kulturellen Kanon“ veröffentlicht hat – eine Art Handbuch für schwedisches Kulturgut. Hand aufs Herz, was hätten Sie in diesen Kanon geschrieben? Ikea? Pippi Langstrumpf? Die Nobelpreise? Was sich anhört wie eine Liste voller Klischees ist tatsächlich im schwedischen Kulturhandbuch gelandet, neben einigen anderen Dingen wie dem Stockholmer Rathaus.

Wer oder was würde wohl in einem deutschen kulturellen Kanon auftauchen? Nena? Volkswagen? Eisbein mit Sauerkraut? Ich würde nominieren: Gartenzwerge, Pfandflaschen und Socken in Sandalen.

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Ich wünsche Ihnen einen guten Tag voller kultureller Highlights.

Es grüßt Sie herzlich Ihre
Teresa Stiens

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