Morning Briefing: Deutschland sitzt im Zug, der langsam gegen die Wand fährt
Rente – Wie man selbst am besten vorsorgt / Zölle: Trump droht teurer Gerichtsentscheid
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Es fühlt sich an, als säße ganz Deutschland in einem Zug, der sehr langsam aber sehr sicher vor eine Wand fährt. Allen Passagieren ist klar, dass die Katastrophe unvermeidbar ist, wenn man den Kurs nicht ändert, und doch diskutiert man schon seit Jahrzehnten einen Richtungswechsel, ohne ihn tatsächlich vorzunehmen. Die Rede ist vom deutschen Rentensystem, von dem alle längst wissen, dass es sein Ziel nicht mehr erreichen wird. Denn immer mehr Alte beziehen immer länger Rente, gleichzeitig zahlen aber zu wenig jüngere Menschen Beiträge ein.
Bereits heute fließen jährlich 130 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt in die gesetzliche Rente – in 35 Jahren könnten es bis zu 350 Milliarden Euro sein. Trotz der gewaltigen Unterstützung könnte das Geld im Alter selbst für Gutverdiener knapp werden. Wer sich nicht auf schlaue Reformen der Politik und die Zuwanderung von jungen, einzahlenden Menschen verlassen will, sollte selbst tätig werden.
Um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern, sollten die Passagiere des Rentenzugs selbst vorsorgen. Handelsblatt Geldanlageexperte Markus Hinterberger hat sich für den großen Freitagstitel die Frage gestellt, wie das am besten gelingen kann. Er hat Szenarien für Menschen unterschiedlicher Altersklassen mit unterschiedlichen Einkommen erstellt und gibt Tipps, wie man selbst am besten vorsorgen kann. Denn die gefürchtete Rentenlücke kann bei langer Lebenszeit gerade bei Gutverdienern schnell in die Millionen gehen.
Teure Gerichtsentscheidung zu Zöllen
Donald Trump könnte bald seinen Andreas-Scheuer-Moment erleben. Denn das Oberste Gericht der USA soll darüber entscheiden, ob die Zollpolitik des Präsidenten gesetzeskonform war oder nicht. Sollten die Pläne, wie einst bei Scheuer, vom Gericht abgeräumt werden, drohen erhebliche finanzielle Probleme. Während Scheuer, wie jetzt bekannt wurde, den Steuerzahlern einen Schaden von insgesamt 270 Millionen Euro zufügte, könnte er in den USA in die Milliarden oder sogar Billionen gehen.
Sollte sich ein Urteil des Obersten Gerichts bis Juni nächsten Jahres hinziehen, könnte das zu einem Szenario führen, „in dem 750 Milliarden bis eine Billion Dollar an Zöllen bereits eingenommen wurden und ihre Rückzahlung zu erheblichen Disruptionen führen könnte“, warnt Finanzminister Scott Bessent vor den Folgen seiner eigenen Politik. Ein Bundesgericht hatte am Mittwoch geurteilt, dass viele der von US-Präsident Donald Trump verhängten Zölle illegal sind. Jetzt soll der Supreme Court entscheiden – der mehrheitlich von Trump-Freunden besetzt ist.
Unicredit verfolgt Pläne trotz Kritik
Die Botschaft an die Bundesregierung, die Unicredit-Chef Andrea Orcel beim Handelsblatt-Bankengipfel überbrachte, war unmissverständlich. Orcel machte deutlich, dass ihn die Meinung der deutschen Regierung zu seinen Übernahmeplänen der Commerzbank herzlich wenig interessiert. Im Wortlaut drückte er sich diplomatischer aus: Die Meinung der Bundesregierung sei ein „kritischer Faktor – aber nicht der alleinige Faktor“, erklärte Orcel gestern in Frankfurt.
Gerade erst hat die Unicredit ihre Beteiligung an der Commerzbank auf 26 Prozent erhöht. Bis Jahresende werde das Mailänder Institut auf rund 30 Prozent aufstocken, plane aber vorerst kein Übernahmeangebot, sagte Orcel. „Vorerst“ ist hierbei ein wichtiges Stichwort. Denn Orcel betonte auch, dass es bereits einen Plan gebe, wie eine mögliche Übernahme von Deutschlands zweitgrößter Privatbank aussehen könnte.
Die Geschichte des falschen Barons
Wenn der Titel eines Artikels „Der falsche Baron von Thyssen-Krupp“ lautet und dahinter eine Recherche des Handelsblatt Investigativteams steckt, verspricht die Lektüre spannend zu werden. Meine Kolleginnen und Kollegen haben die Geschichte von Peter Baron von Bohlen und Halbach recherchiert, der weder Baron ist, noch ursprünglich den Namen der bekannten deutschen Familiendynastie trug. Einst hieß er einfach Peter Sommer und war mehrfach vorbestraft. Dann heiratete er in Las Vegas einen Oliver, der den klangvollen Namen von Bohlen und Halbach mitbrachte, der mit der Krupp-Dynastie assoziiert wird.
Doch die Familie kann sich nicht erklären, wie jener Oliver zu dem berühmten Nachnamen kam. Heute lebt der falsche Baron von Thyssen-Krupp im Norden der Vereinigten Arabischen Emirate, direkt am Persischen Golf. Dort besitzt er eine Firma, die mit Klimaprojekten wirbt und den klangvollen Namen als Aushängeschild für vermeintliche Seriosität verwendet.
Automobilbranche warnt vor Abhängigkeit
Kurz vor Beginn der Internationalen Automobilausstellung IAA in München in der kommenden Woche drängt die europäische Autoindustrie auf eine Abkehr vom sogenannten Verbrennerverbot. Branchenvertreter äußern die Angst, dass die Automobilbranche drastisch schrumpfen und die Abhängigkeit von China drastisch steigen könnte. Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius warnte gegenüber dem Handelsblatt, dass China in der Batteriewertschöpfungskette extrem dominant sei und nun fast ein Monopol in diesem Bereich habe.
China hat die Veredelung von Lithium und anderen Rohstoffen für Hochvoltspeicher in den letzten 25 Jahren strategisch weitsichtig vorangetrieben. In der EU gebe es dagegen keine derartigen ganzheitlichen Anstrengungen, warnt Källenius. Er und sein Branchenkollege Matthias Zink, Präsident des Europäischen Verbands der Automobilzulieferer, sprechen sich nach eigenem Kundtun nicht gegen Elektromobilität aus. Sie fordern allerdings mehr Technologieoffenheit und einen Realitätscheck, da der Hochlauf der Elektromobilität weit langsamer vonstattengeht, als viele Vertreter der Industrie einst angenommen hatten.
Porsche-Stellplätze in Salzburger Berg
Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick auf eine besondere Garageneinfahrt im Salzburger Umland. Dort soll in den idyllischen Kapuzinerberg bald ein Loch gebohrt werden, um Wolfgang Porsche Abstellplätze samt Zufahrtsweg für seine Autos zu ermöglichen. Der Aufsichtsratschef der Porsche AG hat in Österreich das ehemalige Haus des Schriftstellers Stefan Zweig erworben und plant, den Tunnel selbst zu bezahlen. Genug Geld hätte Porsche, schließlich ist er Milliardär. Gestern hat der Planungsausschuss der Stadt Salzburg dem Bauvorhaben zugestimmt.
Für mich klingt die Idee, als habe sich Porsche bei der Architektur von James-Bond-Bösewichten inspirieren lassen.
Mit diesen Zeilen übergebe ich das Morning Briefing wieder in die Hände von Christian Rickens und wünsche Ihnen einen maßvollen Freitag.
Es grüßt Sie herzlich Ihre
Teresa Stiens