1. Startseite
  2. Meinung
  3. Morning Briefing
  4. Morning Briefing Plus – Die Woche: Ein Besuch als Balanceakt, bei dem viel schiefgehen kann

Morning Briefing Plus – Die WocheEin Besuch als Balanceakt, bei dem viel schiefgehen kann

In China steht Kanzler Olaf Scholz vor einer „unmöglichen Mission“. Seine Reise ist ein Balanceakt, bei dem viel schiefgehen kann.Sebastian Matthes 13.04.2024 - 08:30 Uhr
Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser

herzlich willkommen zurück, diese Woche schauen wir zunächst nach vorn: Drei Tage, drei Städte, eine Delegation – am Wochenende bricht Bundeskanzler Olaf Scholz zu seiner großen Chinareise auf, und das ist für die Handelsblatt-Redaktion natürlich ein besonders großes Thema. Vielleicht erinnert Sie das Set-up des Regierungstrips ja auch an frühere Zeiten, als Kanzlerin Angela Merkel mit einer Delegation tagelang durch China tourte – und die CEOs massenhaft Neugeschäft machten.

Doch die Welt ist heute eine andere. Für viele Unternehmen ist China zwar noch der unverzichtbare Wachstumsmarkt. Doch die USA und auch viele Länder der EU fordern längst einen kompromissloseren Umgang mit Peking. Vor wenigen Tagen erst schrieb Brüssel einen umfangreichen Bericht, wie China mit Dumping-Produkten den Weltmarkt flutet. Und die Bundesregierung ist in ihrer Haltung Peking gegenüber ohnehin tief gespalten. 

Bundeskanzler Olaf Scholz zusammen mit Chinas Präsident Xi Jinping in der Großen Halle des Volkes in Peking (Archiv) Foto: dpa

Scholz steht vor einer „unmöglichen Mission“, wie Meinungschef Jens Münchrath in seinem Essay argumentiert: Kein Land ist so auf Kooperation mit China angewiesen wie Deutschland. Und kein Land tut sich schwerer mit Derisking und Entflechtung.

Der Besuch ist daher ein Balanceakt, bei dem viel schiefgehen kann. Wohl auch deshalb gibt es in den offiziellen Briefings für die Presse vor Aufbruch der Delegation kaum konkrete Details zum Programm. Jeder Stopp, jeder Programmpunkt würden schon vorher auf ihre Tauglichkeit hin zerpflückt werden. Und natürlich steht der Kanzler bei dieser Reise unter besonderer Beobachtung, viel mehr als bei den meisten anderen Auslandsreisen.

Die wichtigste Frage dabei: Trifft der Kanzler in China die richtigen Töne?

Korrespondenten Martin Benninghoff und Sabine Gusbeth Foto: Handelsblatt

All das werden Sabine Gusbeth und Martin Benninghoff für Sie beobachten. Die beiden Chinakorrespondenten sind das ganze Wochenende für Sie im Einsatz. Sabine in Peking und Martin in Shanghai. Dort ist der Kanzlerbesuch seit Tagen Topthema unter den Deutschen, berichtete Martin mir gerade. Für viele ist Deutschland nach Jahrzehnten in China in weite Ferne gerückt, da bringt Scholz mit seiner Delegation ein Stück Heimat mit. 

Die Erwartungen an Scholz sind „riesig und niedrig zugleich", berichtet er: Riesig, weil der Kanzler die drängenden Probleme mit Peking adressieren soll – die Überkapazitäten, die drohenden Strafzölle, Pekings Treueschwur Richtung Putin. Niedrig, weil niemand tatsächlich glaubt, Scholz könne wirklich bei Xi durchdringen. Dabei muss der Kanzler irgendetwas erreichen, was er zu Hause als Erfolg verkaufen kann.

Kurz vor der Reise hat sich noch der chinesische Botschafter in Deutschland, Wu Ken, in durchaus scharfem Ton zu Wort gemeldet: Im Handelsblatt-Interview kritisiert er das Antisubventionsverfahren gegen chinesische Autohersteller und warnt vor den Folgen eines Verbots von Huawei-Komponenten. 

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Fast jede Woche kommen neue Prognosen oder Studien heraus, in denen Deutschland zurückfällt: beim Wachstum, bei Investitionen, bei Innovationen. Die Wirtschaft fühlt sich im Stich gelassen. Doch einen scheint das alles nicht zu interessieren: Olaf Scholz. Der Riss zwischen dem Kanzler und der Wirtschaft war seit Jahrzehnten nicht so tief, wie das Treffen zwischen Scholz und den Verbänden diese Woche gezeigt hat. „Der Kanzler wird zu einem Risiko für den Standort", kommentiert Martin Greive.

2. In einem Bereich ist Deutschland dagegen stets sicher im Spitzenfeld: bei den Steuern. Während eine Steuererklärung in Estland drei Minuten dauert – wenn man langsam ist, dauert es in Deutschland für Arbeitnehmer vier Stunden – wenn man schnell ist. Wie die Politik das System immer komplizierter macht, auf was das Finanzamt gerade besonders schaut, und wie Sie trotzdem das Maximum herausholen, beschreibt ein Handelsblatt-Autorenteam in einem umfangreichen Dossier für Sie.

Komplizierte Steuererklärung: Verglichen mit anderen Ländern brauchen die meisten deutschen Steuerzahler dafür ein Vielfaches an Zeit. Foto: Emma Jacobsen

3. Es ist ein altes Versprechen der Energiepolitik: Wenn wir nur möglichst schnell auf eine grüne Energieversorgung umstellen, dann wird es zwar ein paar Milliarden kosten. Aber dann, und zwar ziemlich schnell, wird Energie ganz, ganz billig sein. Doch diese Rechnung geht womöglich gar nicht auf, warnt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm: Laut ihren Berechnungen werden die Strompreise in Deutschland dauerhaft hoch bleiben. Erinnern Sie sich noch an Habecks Brückenstrompreis? Es ist offenbar eine Brücke ins Nirgendwo. 

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm Foto: dpa

4. Ich möchte Ihnen noch ein neues Schlagwort mit ins Wochenende geben, das wir in den nächsten Jahren wahrscheinlich noch öfter hören werden: Es geht um Climateflation. Dahinter steckt das Problem, dass klimabedingte Ernteausfälle heute schon zu Engpässen und steigenden Preisen führen. Wissenschaftler rechnen mit einer Lebensmittelinflation in Europa um 3,2 Prozentpunkte jährlich bis 2035. Hier lesen Sie, wo die Climateflation heute schon zu sehen ist.

5. Die Autohersteller haben ein Problem – und das ist gar nicht einmal klein: Ihre Elektro-Strategie funktioniert nicht. In Zahlen sieht das Desaster bei Mercedes zum Beispiel so aus: Allein im vergangenen Jahr verfehlte das Unternehmen die geplanten Verkaufsziele für vollelektrische Neuwagen um rund 170.000 Einheiten. Im ersten Quartal 2024 sind die Auslieferungen der Stromer sogar um neun Prozent geschrumpft. Der Autobauer reagiert nun, und überarbeitet seine gefloppten E-Modelle. Franz Hubik hat die Details.

6. Mein Kollege Felix Holtermann hatte neulich einen spannenden Termin und zwar bei Microsoft. Als erster Vertreter eines deutschen Mediums durfte er das Zentrum von Microsofts KI-Initiative besuchen: das neue Chiplabor in Redmond. Dabei erfuhr er allerhand exklusive News, zum Beispiel, dass Microsoft seit vielen Jahren nicht so viele neue Kunden gewonnen hat wie in den vergangenen Monaten. Jeder zweite Dax-Konzern hat die neuen KI-Angebote von Microsoft schon ausprobiert. Der Tech-Konzern erlebt ein Rekordwachstum. Warum das womöglich erst der Anfang war, beschreibt Felix in seinem lesenswerten Report.

Microsoft-Chef Satya Nadella (M.): Bisher ist der Konzern bei KI stark abhängig von Sam Altmans (r.) OpenAI und Nvidia unter Führung von Jensen Huang (unten l.). Foto: Microsoft, Reuters, Bloomberg [M]

7. Diese Zahl hat mich vergangene Woche am meisten überrascht: 
Trotz einer schwachen Konjunktur in Deutschland haben die Dax-Konzerne 2023 rund 50.000 neue Jobs geschaffen, das zeigen Berechnungen des Handelsblatts. Welche Firmen die meisten neuen Stellen aufgebaut haben, welche Branchen eher schwach einstellen – und warum sich der Trend nun umkehrt, hat Ulf Sommer analysiert.

8. Tesla arbeitet an der Fabrik der Zukunft, beschreibt unser Technologieteam diese Woche. Das Unternehmen will die Autoproduktion mit einem neuen Verfahren namens „Unboxing“ revolutionieren. Dabei werden Autos in einer neuen Reihenfolge zusammengebaut, nämlich von innen nach außen. In der deutschen Industrie sind die Reaktionen auf die Idee verhalten. Das waren sie allerdings auch schon bei der letzten großen Idee von Elon Musk: beim Elektroauto. 

Der Tesla-Chef ließ sich im April bei der Eröffnung der Gigafactory 5 wie ein Popstar feiern. Foto: IMAGO/ZUMA Wire

9. Viele 30- bis 45-Jährige hadern mit ihrer Arbeitswelt. Sie meiden klassische Karrierepfade, wollen nicht führen, kündigen ohne Plan B und erleben früh eine Sinnkrise im Job. Warum hadern so viele Millennials mit der Arbeitswelt? Und was wollen sie eigentlich? Teresa Stiens und Franziska Teller sind den Fragen in einer höchst lesenswerten Analyse nachgegangen, die alle lesen sollten, die schon immer geglaubt haben zu wissen, was die junge Generation antreibt. 

Verwandte Themen
Deutschland
Olaf Scholz
Microsoft
Sachverständigenrat

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Herzlich
Ihr

Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt