Autobiografie: Was Wolfgang Schäubles Memoiren über Kohl, Merkel und Merz verraten
Berlin. Kein Politiker war länger Mitglied des Deutschen Bundestags (51 Jahre), niemand erlebte Aufstieg und Absturz ebenso wie Siege und Niederlagen, Vertrauen und Enttäuschungen näher: Wolfgang Schäuble war Chef des Bundeskanzleramts rund um die deutsche Einheit, Bundesinnen- und -finanzminister, CDU-Fraktionsvorsitzender, Bundestagspräsident, nicht zuletzt Parteisoldat, der es bis an die Spitze der CDU schaffte – und dann selbst tief über die Parteispendenaffäre um Helmut Kohl stürzte.
Nun sind posthum die Memoiren Schäubles erschienen, die er kurz vor seinem Tod am zweiten Weihnachtstag 2023 noch fertiggestellt hatte.
Der Ausnahmepolitiker berichtet viel von Stürzen und Umsturzversuchen. Immer wieder spielte er selbst eine entscheidende Rolle – auch rund um ein mögliches Ende der Kanzlerschaft Angela Merkels.
Zunächst aber war es Schäubles Sturz selbst, der den Weg für Merkel und den Umweg für den heutigen CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz öffnete. 1999 bebte die Republik. Ex-Kanzler Helmut Kohl hatte eingeräumt, als CDU-Chef Spenden angenommen und nicht im Rechenschaftsbericht der Partei ausgewiesen zu haben. Der neue Vorsitzende Schäuble musste aufklären, geriet aber selbst in den Sog.
Für Schäuble war es rückblickend ein „Intrigenspiel“ Kohls, dem er „destruktive manipulative Energie“ attestiert. Aus seiner „Lust am Untergang des Nachfolgers“ habe Kohl in einem letzten Gespräch keinen Hehl gemacht. Die lange Freundschaft der beiden zerbrach. Sie sprachen danach nie mehr miteinander.
Schäuble blieb loyal – solange er mitregierte
Schäuble trat zurück. Merkel folgte als Parteichefin – und Merz als Fraktionschef. Der musste indes mit ansehen, wie Merkel CSU-Chef Edmund Stoiber den Vortritt bei der Kanzlerkandidatur ließ, sich dafür aber ausbedingte, Fraktionschefin zu werden. Schäuble riet Merz noch in der Wahlnacht 2002 von einer Kampfkandidatur ab, wie er schreibt: „Es dauerte noch einen weiteren Tag, bis er das realisierte. Zeit genug, um das Verhältnis der beiden wohl für alle Zukunft zu beschädigen.“ Es war der Beginn der Dauerfehde Merz/Merkel.
Als Erster soll Stoiber auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise zum Sturz Merkels aufgerufen haben. „Mich wollte er dazu bewegen, Merkel zu stürzen, um selbst Kanzler zu werden“, hinterlässt Schäuble als Erinnerung. „Ich lehnte das entschieden ab.“ Merkel habe „in jeder Phase“ wissen können, „dass sie sich auf mich verlassen konnte“ – zumindest als Mitglied ihrer Regierung.
Im Herbst 2018 aber – Schäuble war nicht mehr Finanzminister, sondern Bundestagspräsident – positionierte er Merkels Widersacher Merz. Die Umfragen waren schlecht, bei den Landtagswahlen sowohl in Bayern wie auch in Hessen drohten Niederlagen. Schäuble sprach mit seinem Freund Merz. „Ich sagte Merz, am Abend der Hessen-Wahl müsse er wissen, was er wolle, denn dann sei alles möglich.“
In der Tat: Am Morgen nach den Rekordverlusten in Hessen erklärte Merkel im CDU-Präsidium ihren Rückzug vom Parteivorsitz. Merz wusste, was er wollte – und erklärte als Erster öffentlich seine Kandidatur. Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und Präsidiumsmitglied Jens Spahn reagierten und kandidierten ebenfalls.
Lange Kanzlerschaften bedeuten „Verschleiß“
Das Ende der Ära Merkel nahte. Seit 2013, Merkel hatte bereits zwei Wahlperioden erfolgreich regiert, wurde in der CDU im Stillen über die Nachfolge beraten. Vom Rekordkanzler Helmut Kohl wussten die Parteikollegen, dass lange Kanzlerschaften irgendwann „Verschleiß“ (Schäuble) und Machtverlust bedeuteten, wenn der Übergang nicht rechtzeitig eingeleitet würde.
Schäuble hatte als Kohls Kronprinz lange vergeblich gewartet. Dabei war Kohl selbst nach dem Attentat 1990, das Schäuble sein Leben lang an den Rollstuhl fesselte, der Meinung gewesen, dass Schäuble „der richtige Mann als mein Nachfolger war, und zwar sowohl als Bundeskanzler wie auch als Parteivorsitzender“, wie er in seinen Memoiren schrieb. Im Gegensatz zu Konrad Adenauer aber ließ sich Kohl zu Beginn seiner letzten Amtsperiode nicht vorschreiben, nach zwei Jahren das Zepter abzugeben.
Auch Merkel nicht. Kein Wunder, dass 2018 ihrer Nachfolgerin als Parteivorsitzende auch Umsturzfantasien nahegelegt wurden. „Merkel spürte wohl auch, dass Kramp-Karrenbauer Ratschläge erhielt, schon vor der Bundestagswahl Kanzlerin zu werden, nicht zuletzt von Friedrich Merz“, erinnert Schäuble. Die Saarländerin habe die Unterstützung von Spahn und Merz gehabt – nicht aber von Armin Laschet, dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. Merkel soll den Rheinländer unterstützt haben – und wehrte sich so erfolgreich.
Schäuble fühlte sich da Merkel längst nicht mehr verpflichtet. Sie habe in seiner Zeit als Finanzminister mit ihrem Führungsstil seine Loyalität „strapaziert“. Loyalität bedeutete für Schäuble „immer auch Kritik, Widerspruch und Eigenständigkeit“. So sei es bei Helmut Kohl gewesen und ebenso bei Angela Merkel. Kohl selbst schrieb in seinen Erinnerungen: „Unsere Freundschaft funktionierte nicht zuletzt auch deswegen so gut, weil wir zwar häufig erhebliche Auseinandersetzungen um Sachfragen und um den besseren Weg hatten, diese aber ganz offen miteinander austrugen.“
Im Amt des Bundestagspräsidenten nahm Schäuble seinen ganz eigenen Einfluss auf den Lauf der Dinge im Machtapparat der CDU. Nun ist es an Merz, dem Schäuble sich „seit Langem auch außerhalb der Politik freundschaftlich verbunden“ fühlte, die Dinge zu richten.