Gehalt: Lohntransparenz lässt Verdiensterwartung steigen
In der Großbäckerei: Wer die Löhne im Betrieb vergleichen kann, richtet seine Verdiensterwartungen danach aus, so eine Studie.
Foto: mauritius images / ROSENFELDBerlin. Der Grundsatz, dass über Geld nicht gesprochen wird, ist im Arbeitsleben weit verbreitet. Viele Beschäftigte wissen nicht, was ihre Kolleginnen und Kollegen verdienen. Dabei können Informationen über gezahlte Löhne die eigenen Verdiensterwartungen und das Konsumverhalten beeinflussen. Dies zeigt das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in einer noch unveröffentlichten Studie, die dem Handelsblatt vorliegt.
RWI-Forscher Bernhard Schmidpeter hat eine unerwartete Nachricht auf dem US-Arbeitsmarkt aus dem Jahr 2017 analysiert. Damals kündigte der Auftragsfertiger und Apple-Zulieferer Foxconn an, in Racine County im Bundesstaat Wisconsin eine neue Fabrik zu bauen.
Medien berichteten, dass bis zu 13.000 Arbeitsplätze mit einem Durchschnittslohn von rund 54.000 Dollar entstehen sollten. Damals arbeiteten in Racine County etwa 77.000 Beschäftigte zu einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 43.000 Dollar.
Schmidpeter fand mithilfe von Umfragedaten der New Yorker Notenbank heraus, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach der Foxconn-Ankündigung auch in ihrem aktuellen Job höhere Verdienstmöglichkeiten sahen.
Ihre Einkommenserwartung erhöhte sich dabei in einer Größenordnung, die der Differenz zwischen dem Durchschnittslohn in Racine County und dem bei Foxconn gezahlten Verdienst gleicht. Die positiven Arbeitsmarktnachrichten ließen auch das Konsumniveau der Befragten steigen – wenn auch nicht ganz so stark wie die Einkommenserwartungen.
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Umgekehrt wirken sich allerdings auch schlechte Nachrichten aus. Im Jahr 2021 strich Foxconn seine Investitionspläne für Racine County deutlich zusammen. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer reduzierten nach dieser Ankündigung ihre Erwartungen an das eigene Einkommen wieder in Richtung des Basisniveaus.
Gehalt: Lohntransparenz kann Ungleichheiten beim Einkommen verringern
„Die Veröffentlichung von Informationen kann dazu beitragen, Einkommen zu erhöhen und Lohnungleichheiten zu verringern“, sagt RWI-Ökonom Schmidpeter. Arbeitsmarktforscher wie der Chef des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Simon Jäger, sprechen sich deshalb für eine höhere Lohntransparenz auf dem Arbeitsmarkt aus.
Diese führe mit dazu, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich dorthin orientierten, wo mehr gezahlt werde. Gerade bei einer schrumpfenden Bevölkerung sei es wichtig, den knappen Faktor Arbeit dort einzusetzen, wo er den höchsten Mehrwert schafft.
Mehr Durchblick bei den gezahlten Löhnen soll auch das seit 2017 geltende deutsche Entgelttransparenzgesetz schaffen. Es dient dem Ziel, Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern einzuebnen.
Vor allem Frauen sollen dabei unterstützt werden, ihren Anspruch auf gleiches Entgelt bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit besser durchzusetzen. Dazu haben sie in Betrieben oder Dienststellen mit mindestens 200 Beschäftigten das Recht zu erfahren, was eine Vergleichsgruppe männlicher Kollegen in vergleichbaren Tätigkeiten verdient.
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Allerdings gilt die Regelung als bürokratisch, der Auskunftsanspruch wird nur selten in Anspruch genommen. Deshalb fordert Schmidpeter: „Die Lohntransparenzgesetze sollten so angepasst werden, dass sie eine breitere Öffentlichkeitswirkung entfalten können.“
Lohntransparenz reduziert nicht automatisch Unterschiede beim Gehalt
Nach der neuen Lohntransparenzrichtlinie der Europäischen Union müssen die Mitgliedstaaten bis Mitte 2026 Transparenzinstrumente in ihrem nationalen Recht einführen. So sind Arbeitgeber nach der Richtlinie verpflichtet, Arbeitssuchende über das Einstiegsgehalt zu informieren oder die Entgeltspanne der ausgeschriebenen Stelle offenzulegen – entweder schon in der Ausschreibung oder vor dem Vorstellungsgespräch.
Nach Annahme des Stellenangebots sollen neue Mitarbeiter Anspruch auf eine nach Geschlecht aufgeschlüsselte Aufstellung über das Durchschnittsentgelt für die jeweilige Position erhalten.
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Allerdings reduziert Lohntransparenz nicht automatisch Einkommensunterschiede, wie das IZA in einer im vergangenen Jahr erschienenen Studie am Beispiel Österreichs zeigte. Dort müssen Arbeitgeber seit 2011 bei Stellenausschreibungen eine Lohnuntergrenze angeben.
Doch führte diese Offenlegung nicht dazu, dass Frauen häufiger in besser bezahlte Jobs wechselten als vor Inkrafttreten des entsprechenden Gesetzes. Die IZA-Forscher führten dies unter anderem darauf zurück, dass vielen Frauen offenbar andere Dinge wichtiger seien als Geld, beispielsweise flexible Arbeitszeiten.