Tarifrunde: Chemie-Gewerkschaft fordert mehr Geld – sagt aber nicht, wieviel
„Den Beschäftigten rinnt das Geld täglich schneller durch die Finger.“
Foto: imago images/Future ImageDie im April vertagte Tarifrunde für die rund 580.000 Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie nimmt wieder Fahrt auf. Die Bundestarifkommission der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) bekräftigte am Mittwoch ihre bereits im Februar beschlossene Forderung nach einer nachhaltigen Kaufkraftsteigerung, nannte aber weiterhin keine konkrete Prozentzahl.
„Unser Beschluss ist heute aktueller denn je“, sagte IG-BCE-Verhandlungsführer Ralf Sikorski. „Den Beschäftigten rinnt das Geld täglich schneller durch die Finger, gleichzeitig verdienen die meisten ihrer Arbeitgeber weiterhin gut.“
Dagegen erklärte der Arbeitgeberverband BAVC, auf die Betrieb rolle eine Kostenlawine bei Gas und Strom zu, erste Unternehmen drosselten bereits Anlagen oder schalteten sie ab. Die Folgen des Ukrainekriegs seien „so dramatisch, dass an eine normale Tarifrunde nicht zu denken ist“, sagte BAVC-Verhandlungsführer Hans Oberschulte.
Am 17. und 18. Oktober geht es weiter
Beide Seiten hatten bereits im März auf Bundesebene Verhandlungen aufgenommen, sich angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheiten nach zwei Runden dann im April aber auf eine Vertagung bis Oktober geeinigt. Für die Zeit dazwischen erhielten die Beschäftigten eine „Brückenzahlung“ von einheitlich 1400 Euro. Notleidende Unternehmen konnten diesen Betrag auf 1000 Euro reduzieren, wovon nach IG-BCE-Angaben 149 von 1900 Betrieben Gebrauch machten.
Nun soll am 17. und 18. Oktober in Wiesbaden weiterverhandelt werden. Natürlich habe sich die Lage in den vergangenen Monaten deutlich zugespitzt, sagte Sikorski. „Das gilt aber vor allem für unsere Leute.“ Die explodierenden Energiepreise träfen nicht nur die Armen, sondern die breite Masse – die Chemie-Laborantin genauso wie den Anlagenführer oder die Pharma-Referentin.
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Dass nachhaltige Entgelterhöhungen die Unternehmen zusätzlich belasten würden, sei ein hohles Argument, sagte der Verhandlungsführer der Gewerkschaft. „Bei einem Personalkostenanteil von aktuell 12,3 Prozent an den Gesamtkosten sind auch höhere tarifliche Erhöhungen kein zusätzlicher Preistreiber.“ Damit deutet Sikorski an, dass sich die IG BCE kaum mit Einmalzahlungen oder einer Entgeltsteigerung im niedrigen Prozentbereich zufriedengeben dürfte.
BAVC-Verhandlungsführer Oberschulte verwies darauf, dass die Folgen des Ukrainekriegs zu weniger Wohlstand und explodierenden Kosten für die Beschäftigten, aber eben auch für die Unternehmen führten. „Dieses Dilemma lässt sich nicht lösen, indem der eine Betroffene mehr Geld vom anderen fordert.“
Bei den Metallern gibt es keine Annäherung
Die Wettbewerbsfähigkeit der Branche habe sich seit April deutlich verschlechtert, seit April hätten die Unternehmen die Produktion um mehr als zwölf Prozent zurückgefahren, die Geschäftserwartungen seien auf ein Allzeittief abgestürzt. „Wir brauchen einen Pakt für Wettbewerbsfähigkeit, kein Wettrennen um Lohnprozente“, sagte Oberschulte.
Keine Annäherung gibt es bisher in den zunächst auf regionaler Ebene laufenden Verhandlungen für die rund 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. Die IG Metall fordert acht Prozent mehr Geld.
Nach dem Auftakt im Bezirk Niedersachsen/Sachsen-Anhalt am Montag gingen beide Seiten am Mittwoch auch im Bezirk Mitte, der Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Thüringen umfasst, ergebnislos auseinander. Die Gewerkschaft habe ihre Forderung von acht Prozent mehr Geld für zwölf Monate ausführlich begründet, sagte IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Köhlinger. „Leider hat das erste Abtasten gezeigt, dass die Positionen sehr weit auseinanderliegen und die Arbeitgeber weiterhin den Verzicht predigen wollen.“
Auch in Baden-Württemberg ging die erste Verhandlungsrunde ohne konkretes Ergebnis zu Ende.