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In der Coronakrise geraten europäische Start-ups bei US-Risikokapitalgebern ins Hintertreffen.

(Foto: picture alliance)

Risikokapital US-Investoren wenden sich von Europa ab – Start-ups erhalten weniger Geld

Start-up-Investoren aus dem Silicon Valley haben in den vergangenen Jahren Europa für sich entdeckt. Doch in der Coronakrise droht sich die Verbindung aufzulösen.
20.05.2020 - 09:22 Uhr Kommentieren

San Francisco Sarah Cannon isst jetzt vor dem Laptop zu Abend. Nicht weil sie überarbeitet ist. Die Partnerin beim Risikokapitalgeber Index Ventures verabredet sich mit Gründern zum Dinner, um sich kennen zu lernen und denkbare Investments auszuloten. Wofür die 36-Jährige früher um die Welt geflogen ist, erledigt sie nun von ihrem Haus in San Francisco. So gut es eben geht: „Es ist schwer, einen Deal mit jemandem zu schließen, den man noch nie persönlich getroffen hat“, sagt Cannon. „Aber wir sind offen dafür.“

Das müssen Cannon und ihre Kollegen auch sein. Index hat viel Geld zu investieren: Der einstige Facebook- und Skype-Investor hat erst Anfang April zwei neue Fonds mit rund zwei Milliarden Dollar Volumen an den Start gebracht.

Auch andere große kalifornische Start-up-Geldgeber, im Branchenjargon Venture Capitals (VC) genannt, gehen mit vollen Taschen in die Rezession: General Catalyst, Investor in Airbnb und Stripe, hat noch vor der Coronakrise drei Fonds mit 2,3 Milliarden Dollar eingeworben, New Enterprise Associates (Uber, Buzzfeed) 3,6 Milliarden, Insight Partners (Twitter, Shopify) erhielt von seinen Geldgebern sogar Zusagen für 9,5 Milliarden Dollar.

Zumindest bei den großen, traditionsreichen VCs und ihren Geldgebern war im ersten Quartal zumindest noch keine Angst bemerkbar. Eher im Gegenteil: In den USA warben VCs laut dem Fachdienst Pitchbook zwischen Januar und März 21 Milliarden Dollar für neue Fonds ein, im ganzen Jahr 2019 waren es nur 51 Milliarden. Das billige Geld des letzten Jahrzehnts sucht seine Rendite auch in Start-ups.

„Den Zahlen nach ist alles wie immer: Wir haben seit dem 1. März zehn neue Seed- und A-Serien-Finanzierungen in den USA abgeschlossen“, sagte Andrew Reed, Partner bei Sequoia Capital, vergangene Woche bei einer virtuellen Diskussionsrunde. Dazu hat der renommierte VC aus dem Silicon Valley eine 280-Millionen-Finanzierung für die Investment-App Robinhood angeführt.

„Der Alltag ist völlig anders: Als die Gründer von Robinhood mich angerufen haben, saß ich in diesem Raum“, sagt Reed in seine Laptop-Kamera. „Als wir das Geld überwiesen haben, saß ich auch in diesem Raum.“

Die Branche, die bisher mit Pitches in Meetingräumen und Kennenlerndates über Espressotassen arbeitet, muss einen neuen Modus Operandi finden. In Start-ups investieren ist plötzlich ein Schreibtischjob, Reisen nach Europa sind unmöglich. Aktuell macht das den Wettbewerb zwischen Start-ups im Silicon Valley und in Europa in der Theorie sogar fairer. Doch die Cafés in Palo Alto werden früher wieder öffnen als Tech-Konferenzen in Europa.

Enger Kontakt zu den Gründern kaum möglich

Sarah Cannon ist ein interessanter Fall. Ihre Spezialität sind „Produktivitäts-Start-ups“, die die Kollaboration in dezentralen Unternehmen erst ermöglichen und deshalb von den aktuellen Ausgangssperren und dem Zwang zum Homeoffice profitieren. Sie saß im Board der Büro-Messenger-Firma Slack und betreut heute unter anderem das Index-Investment in das Berliner Start-up Pitch von Wunderlist-Gründer Christian Reber, das an einem besseren PowerPoint arbeitet. Auf der These, dass Zusammenarbeit auch ohne persönlichen Kontakt möglich ist, baut ihre ganze Karriere auf.

Geht es ums Investieren, setzt die Index-Partnerin aber auf den Nahkampf – der jetzt viel schwieriger möglich ist. So überzeugte sie Mitte März auch das derzeit boomende Kollaborations-Start-up Notion, sein erstes großes Investment über 50 Millionen Dollar anzunehmen.

Die 36-Jährige erledigt nun alles von ihrem Haus in San Francisco aus. Quelle: PR
Sarah Cannon

Die 36-Jährige erledigt nun alles von ihrem Haus in San Francisco aus.

(Foto: PR)

Davor hatte sie dessen kunstsinnigen Gründer Ivan Zhao mit einer Postkarte mit einem Bild des Dadaisten Marcel Duchamp, ihrem Lieblingskünstler, zu einer Ausstellung in San Francisco eingeladen. Sie umwarb das Start-up mehr als ein Jahr lang, beriet Zhao in Strategie- und Personalfragen, bevor er schließlich einem Investment zustimmte. „Wer auf Anrufe wartet, verliert“, sagt sie über ihren Job.

Etwa einmal pro Quartal sei sie bisher nach Europa gereist, für Board-Meetings und um sich mit Start-ups zu treffen. Cannon hat eine 80-Prozent-Theorie über die Welt nach der Krise. Die Normalität werde in vielen Bereichen zurückkehren, aber nicht vollständig. Menschen würden weiterhin in Supermärkten einkaufen, sich aber häufiger als bisher Lebensmittel liefern lassen. Und sie werde wohl nur noch drei- statt viermal im Jahr nach Europa fliegen.

Zuletzt hat sich die Branche der Risikokapitalgeber globalisiert, auch zugunsten europäischer Start-ups. Der Softbank Vision Fund, der weltgrößte Tech-Fonds, hat dreistellige Millionensummen in europäische Unternehmen gesteckt, 2018 in den Gebrauchtwagenhändler Auto1 und 2019 in die Berliner Tourismus-Plattform Get Your Guide. Sequoia hat kurz vor Beginn der Krise eine Partnerin in Europa eingestellt, die im September beginnen soll.

„Seit vergangenem Jahr sehen wir, dass der Rest der Welt unseren Glauben an die europäische Tech-Szene teilt“, sagte Tom Wehmeier, Partner beim Londoner Fonds Atomico, noch im Januar. Laut einer Studie von Atomico haben die Start-ups des Kontinents mit 34,3 Milliarden Dollar so viel Kapital eingeworben wie nie zuvor. An mehr als jeder fünften Finanzierungsrunde in Europa war 2019 ein Investor aus den USA oder Asien beteiligt, eine Verdoppelung binnen fünf Jahren.

Doch die Krise droht den Trend umzukehren und den noch zarten Faden zwischen den mächtigen VC-Firmen des Silicon Valley und Europas Start-ups zu durchtrennen – zumindest wenn sich Geschichte wiederholt. Schon im ersten Internetboom, kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase, streckten die Geldgeber des Silicon Valley ihre Fühler nach Europa aus. Doch längst nicht alle blieben nach dem Absturz.

Im Jahr 2000 eröffnete Benchmark, das mit AOL und Ebay Milliarden verdient hatte, eine Dependance in London – sieben Jahre später wurde sie abrupt abgespalten und heißt heute Balderton. Kleinere VCs wie IDG Ventures verschwanden ganz. Von den kalifornischen VCs, die in dieser Zeit kamen, wuchs einzig Accel zu einer bleibenden Größe in der europäischen Investorenszene heran – und finanzierte mit Spotify oder der finnischen Spielefirma Supercell einige der größten Tech-Unternehmen Europas.

Im Moment redet noch niemand offen über Rückzug. Und es gibt Gegenbeispiele: Man wolle die Aktivitäten in Europa ausbauen, sagt Sequoia-Partner Roelof Botha dem Handelsblatt. „Bei Themen wie KI-Mikroprozessoren, Design oder Fintech gibt es in Europa ebenso spannende Unternehmen wie in den USA.“

Der Sequoia-Partner schaut weiterhin nach Europa. Quelle: PR
Roelof Botha

Der Sequoia-Partner schaut weiterhin nach Europa.

(Foto: PR)

Auch für Index ist ein Rückzug keine Option, sagt Sarah Cannon. Die Firma hat ihren Ursprung in der Schweiz und seit Langem zwei Zentralen, in San Francisco und London. Keine Firma führte 2019 mehr Frühphasen-Investments in europäische Start-ups an als Index. „Es war schön, weniger Konkurrenz in Europa zu haben“, sagt sie. „Aber es ist gut für Europa, dass sich das geändert hat.“

Erfolgreiche Börsengänge wie der des niederländischen Zahlungsdienstleisters Adyen oder der britischen Mode-Plattform Farfetch hätten das europäische Ökosystem völlig verändert, ihm in den Augen von US-Investoren Glaubwürdigkeit verliehen, sagt sie. Das sei Mitte der 2000er-Jahre noch anders gewesen. Es gebe mehr Kapital, mehr Investmentfirmen, mehr erfahrene Start-up-Mitarbeiter.

Eine Einschränkung hat Cannon dann aber doch: „Wenn die Zentrale eines VCs schlechter performt, als die Investoren es erwarten, werden sich viele auf das zurückziehen, was sie kennen.“ Wer aber Reisen einschränkt oder gar Büros schließt, wird letztlich auch weniger in Europa investieren. „Man kann einen VC-Fonds nicht dauerhaft aus der Entfernung führen“, sagt Cannon.

Weniger Geld für europäische Start-ups

Es deutet sich bereits an, dass das Risikokapital wieder eher in US-Start-ups fließt: Laut dem Branchendienst Crunchbase sammelten im ersten Quartal 2020 erstmals seit dreieinhalb Jahren Start-ups in Nordamerika wieder mehr Geld ein als in alle im Rest der Welt zusammengenommen. In nur einem Quartal sprang der Anteil von 41 auf 54 Prozent.

Während die VC-Investments weltweit von 69 Milliarden Dollar im ersten Quartal 2019 auf 63,8 Milliarden Dollar ein Jahr später zurückgingen, stiegen sie in den USA und Kanada sogar leicht. In China und Europa dagegen wurde weniger investiert.

Frühphasen-Start-ups sind besonders stark betroffen. Während weiterentwickelte Unternehmen anhand von Umsatz und anderer Metriken besser vergleichbar sind, müssen Neugründungen durch ihre Vision oder ihren Teamspirit überzeugen. „Für solche Investments verbringen wir viel Zeit in Coffee Shops“, sagt ein Investor aus San Francisco. „Keine Chance, dass ich einen Fünf-Millionen-Scheck über Zoom ausstelle.“

Die fehlende Reisefreiheit ist nur ein Problem. Europa war bislang auch deshalb attraktiv für US-Investoren, weil die Start-up-Bewertungen dort oft niedriger waren. Inzwischen kritisieren manche, dass die Bewertungen in Europa aufgeholt haben, ohne dass es genügend Exits, also Verkäufe oder Börsengänge, gebe.

Zudem kühlt sich der US-Markt ab: Selbst bei gesunden Start-ups, deren Märkte von Corona allenfalls durchschnittlich betroffen sind, prognostiziert Cannon viele „flache Runden“, also neue Investments zu der gleichen Bewertung und den gleichen Konditionen der vorhergegangenen Runde. Stärker betroffene Unternehmen wie die Reiseplattform Airbnb oder der E-Scooter-Anbieter Lime mussten für frisches Kapital sogar deutlich schlechtere Bedingungen hinnehmen.

Für Investoren mit einem Rest Optimismus bedeutet das aber: Auch in den USA sind wieder gute Deals zu machen. „Die Bewertungen sinken bereits und werden weitersinken“, sagt ein Investor von der US-Westküste, der auf sogenannte „Secondaries“ spezialisiert ist. Er kauft Start-up-Anteile nicht von den Unternehmen selbst, sondern von Gründern, Mitarbeitern oder anderen Fonds, die Liquidität brauchen.

Solche Transaktionen sind häufiger als Finanzierungsrunden, weswegen Secondaries ein Frühindikator für den Gesamtmarkt sind. „Angebots- und Nachfragepreise sind noch weit auseinander, das wird sich in den kommenden Monaten aufeinander zu bewegen“, sagt er.

Im vergangenen Jahr war er noch nach Europa gereist, sein Fonds hatte eine Mitarbeiterin in einer europäischen Hauptstadt eingestellt, um den Markt zu erkunden. Nun hat er in den USA genug zu tun: „Wir haben hier in den vergangenen Wochen einen sehr guten Dealflow“, so der Investor.

Mehr: Die Coronahilfen der Bundesregierung für deutsche Start-ups kommen zu langsam, warnen Christian Miele und Jeanette zu Fürstenberg vom Startup-Verband – und warnen vor zahlreichen Insolvenzen in der Branche.

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