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Künstliche Intelligenz„Ich glaube nicht, dass Kapitalismus und Demokratie in ihrer jetzigen Form fortbestehen werden“

Die Algorithmen können so gut werden, dass sie den Menschen programmieren, sagt Ian Bremmer. Der Politikwissenschaftler über den Verlust von Arbeitsplätzen und ein weltweites bedingungsloses Grundeinkommen.Oliver Voß, Anja Wehler-Schöck 07.10.2023 - 14:00 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Künstliche Intelligenz wird für uns weitreichendere Folgen haben als das Internet, meint Ian Bremmer.

Foto: Moment/Getty Images

Berlin. Herr Bremmer, gemeinsam mit Mustafa Suleyman, einem der Pioniere auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz, haben Sie ein Szenario für 2035 entworfen, wie sich KI auf unser Leben auswirken wird. Womit müssen wir rechnen?
Künstliche Intelligenz wird für uns weitreichendere Folgen haben als das Internet. Sie ist die größte technologische Umwälzung, die wir zu unseren Lebzeiten erfahren werden. Die Anwendung von KI auf jeden Aspekt des menschlichen Wissens wird zu einer zweiten Phase der Globalisierung führen. Wir werden über mehrere Jahrzehnte umfangreiche Innovation erleben, und die Produktivität wird steigen.

Was ist die Kehrseite?
Schon die erste Phase der Globalisierung in den vergangenen 50 Jahren hatte negative Effekte, auf die niemand vorbereitet war: vor allem den Klimawandel, aber auch soziale Verwerfungen und die Aushöhlung der Mittelschicht weltweit. Die negativen Auswirkungen der KI werden nicht nur genauso gravierend sein – sondern wir werden sie auch sehr viel schneller zu spüren bekommen.

Ian Bremmer
Ian Bremmer, 53, ist Gründer und Präsident der Beratungsfirma Eurasia Group sowie Initiator des Global Political Risk Index an der Wall Street. Sein Buch „The Power of Crisis“ erschien kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs. Er schreibt regelmäßig Analysen für den Tagesspiegel. Über seine eigene Verwendung von KI sagt er: „In meiner Arbeit nutze ich KI vor allem für erste Recherchen und Brainstorming. Ich teste auch Gegenargumente damit, da erhält man oft spannende Ergebnisse. Als Werkzeug, um meine Arbeit zu verbessern, ist die KI für mich jetzt schon mindestens genauso relevant wie Suchmaschinen.“

Welche Probleme erwarten Sie konkret?
Zum einen wird sich Desinformation explosiv ausbreiten. Viele Menschen werden nicht mehr erkennen können, ob sie es mit echten oder gefälschten Informationen, mit Bots oder mit Menschen zu tun haben. Fortschritte in der KI werden bald zu einer Flut von Bots führen, die noch menschlicher wirken als die, die wir bislang beobachten. Ausgeklügelte Audio- und Video-Deepfakes werden in bislang ungekanntem Ausmaß das Vertrauen in diejenigen erschüttern, die in der Politik oder im Journalismus arbeiten. Das ist eine enorme Bedrohung, auch für die Demokratie. Man muss auch kein Technologieunternehmen sein, um mit KI zu arbeiten. Jeder mit einem Laptop und etwas Programmierkompetenz kann das. Das bietet natürlich auch ganz neue Möglichkeiten für böswillige Akteure.

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