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Stahlindustrie„Keine Lust mehr, negativ zu sein“ – GMH Gruppe investiert

Während viele deutsche Stahlunternehmen im Krisenmodus verharren, investiert die GMH Gruppe Millionen und bündelt das Schmiedegeschäft. Eine Ressource bereitet dem Konzernchef aber Sorgen.Isabelle Wermke 13.01.2026 - 14:48 Uhr Artikel anhören
Alexander Becker: Er sieht erste Entlastungen in der Stahlbranche. Foto: GMH

Düsseldorf. Schwache Nachfrage, Produktionskürzungen, Investitionsstopps: Die deutsche Stahlindustrie ist im Krisenmodus, doch Alexander Becker setzt mit dem Stahlhersteller Georgsmarienhütte (GMH) auf Wachstum.

„Wir haben keine Lust mehr, negativ zu sein“, sagt der Konzernchef, der das Schmiedegeschäft neu ordnet. Dafür bündelt er drei Traditionsunternehmen und kündigt Investitionen von etwa 30 Millionen Euro an. Mit der Zusammenführung von Kind & Co., Buderus Edelstahl und den Schmiedewerken Gröditz entsteht die neue „GMH Open-Die Forging Group“.

Die Neuaufstellung ist Teil einer neuen Strategie der Unternehmensgruppe aus dem niedersächsischen Georgsmarienhütte – und ein Signal aus einer Branche, die in den vergangenen Jahren vor allem durch Unsicherheit geprägt war.

Gesunkene Netzentgelte wirken sich positiv aus

Auch für die GMH Gruppe seien die vergangenen Jahre schwierig gewesen. Darüber spricht Becker offen. Zwei Jahre lang habe der Mittelständler bei Investitionen sehr vorsichtig agieren müssen, sagt er. Hohe Energiepreise, volatile Märkte und politische Unsicherheiten hätten das Geschäft belastet. Inzwischen sieht der Manager erste Entlastungen.

Die seit Januar gesunkenen Netzentgelte wirkten sich positiv aus, auch wenn der Industriestrompreis aus seiner Sicht noch nicht dort sei, wo er sein müsste. „Die Strompreiskompensation bleibt zumindest“, sagt Becker. „Trotzdem sind die Strompreise in Deutschland immer noch mit die höchsten der Welt.“

Gerade vor diesem Hintergrund habe sich die GMH Gruppe bewusst für Zukäufe entschieden. Kind & Co. sowie Buderus Edelstahl wurden in den vergangenen Jahren integriert, nun folgt der nächste Schritt: die organisatorische und operative Zusammenführung mit den Schmiedewerken Gröditz. Ziel ist es, die Kompetenzen der drei Unternehmen enger zu verzahnen und Effizienzpotenziale zu heben, in der Produktionsplanung ebenso wie in Metallurgie, Logistik und Vertrieb.

Stahlproduktion in Georgsmarienhütte: Millionen-Investitionen. Foto: Friso Gentsch/dpa

Die Investitionen von etwa 30 Millionen Euro sollen diese Integration absichern. Geplant sind unter anderem ein neuer Gießwagen in Gröditz sowie ein Härteofen für große Struktur- und Gigacasting-Teile am Standort Bielstein. Hinzu kommen weitere Modernisierungsmaßnahmen innerhalb der gesamten Gruppe.

Becker betont, dass es dabei nicht nur um Kapazitätserweiterung geht, sondern auch um Energieeffizienz und technologische Erneuerung. Die GMH Gruppe produziert ihren Stahl ausschließlich in Elektroöfen mit recyceltem Schrott.

Dadurch ließen sich CO2-Einsparungen von bis zu 80 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen Hochofenverfahren erzielen. Becker bezeichnet GMH deshalb als „das grünste Stahlwerk Deutschlands“.

Schrott könnte ab 2030 knapp werden

Schrott ist für GMH eine strategische Schlüsselressource, doch spätestens ab 2030 könnte sie in Europa knapp werden. Entsprechend habe der Konzern seine Schrottaktivitäten gezielt ausgebaut.

Schrott ist nur ein Teil des Problems. Die gesamte Stahlbranche steht beim Umbau hin zu klimafreundlicheren Produktionsverfahren unter Druck. Die Transformation ist kapitalintensiv und trifft auf einen Markt, der derzeit nur begrenzt bereit ist, höhere Kosten zu tragen.

Auch hohe Energiepreise, volatile Nachfrage und zunehmender Wettbewerbsdruck aus Asien belasten die Branche. Viele Unternehmen fahren Kapazitäten zurück, verschieben Investitionen oder prüfen strukturelle Einschnitte. Entsprechend vorsichtig agieren zahlreiche Hersteller.

Hinzu kommt die Unsicherheit über Förderbedingungen und die künftige Nachfrage nach klimafreundlichem Stahl. Wie schwierig die Transformation ist, zeigt das Beispiel Arcelor-Mittal Deutschland: Der Konzern hatte seine Projekte für die Grünstahlproduktion im Juni 2025 vorerst gestoppt, da hohe Stromkosten und unklare Rahmenbedingungen Investitionen erschweren.

GMH-Chef spricht sich für Importzölle aus

Die Neuaufstellung des Schmiedegeschäfts ist auch eine Antwort der GMH Gruppe auf veränderte Marktbedingungen. Becker, der seit 2021 Vorsitzender der Geschäftsführung und CEO ist, verweist auf eine steigende Nachfrage nach verlässlichen europäischen Bezugsquellen etwa aus dem Automobilbau, dem Maschinenbau und dem Druckguss.

Die Lagerbestände in Deutschland, Italien, China und den USA sollen die Materialverfügbarkeit erhöhen und internationale Lieferkettenrisiken abfedern. Die Jahresproduktion liegt bei mehr als 100.000 Tonnen.

Gleichzeitig wird der studierte Wirtschaftsingenieur, der vor seiner Zeit bei der GMH Gruppe unter anderem für die Continental AG in Brasilien und China sowie für Thyssenkrupp tätig war, deutlich politisch. Der europäische Markt werde aktuell von Material aus China und Indien „überrollt“, sagt er. Europa agiere hier weiterhin zu naiv. Aus seiner Sicht braucht es dringend Importzölle, um Wettbewerbsverzerrungen zu begrenzen.

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Der GMH-Chef geht davon aus, dass sich die Stahlpreise wieder erholen werden, sieht aber ohne politischen Schutz erhebliche Risiken für europäische Anbieter.

„Wir hatten 20 sehr gute Jahre“, sagt Becker. Jetzt müsse die Wirtschaft wieder kämpfen, wenn die nächste Generation denselben Wohlstand haben solle. Dafür benötige Deutschland auch eine Belegschaft, die bereit sei zu arbeiten. Während in anderen Ländern 40 Stunden pro Woche und mehr üblich seien, liege der Schnitt hier bei 35 Stunden.

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