Künstliche Intelligenz: „NRW ist schon heute der KI-Hotspot in der Welt“
Düsseldorf, Berlin. Gerade erst ist die Gipfelkonferenz in Paris zu Ende gegangen, da meldet – nach dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron – der nächste Politiker für sein Land an, eine Führungsrolle bei Künstlicher Intelligenz (KI) übernehmen zu wollen. „NRW ist schon heute der KI-Hotspot in der Welt”, sagte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) auf der Zukunftskonferenz des Landes „Von der Kohle zur KI”.
Ähnlich wie Macron in Paris will Wüst mit seiner KI-Konferenz Start-ups und große Tech-Firmen von einem Investment in der Region überzeugen.
Für Wüst gibt es einen guten Grund, NRW zum führenden KI-Standort Deutschlands machen zu wollen. Wohl kein anderes Bundesland steht vor so großen Herausforderungen durch den strukturellen Wandel: So sollen allein durch den Kohleausstieg bis 2030 noch rund 14.500 bestehende Arbeitsplätze in NRW wegfallen.
Große Ambitionen des Ministerpräsidenten
Durch die gestiegenen Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2024 sind etwa 40.000 Stellen bedroht, und auch die Stahlindustrie ist krisengebeutelt. So hat die Stahlsparte von Thyssen-Krupp, deren Hauptsitz in Duisburg liegt, angekündigt, 11.000 Arbeitsplätze bis 2030 abbauen zu wollen.
Dank KI hofft Wüst den Trend aufzuhalten. Doch die Ambitionen des Ministerpräsidenten sind groß, denn auch andere Bundesländer haben Führungsanspruch beim Thema KI angemeldet.
Möglicherweise ein „wirtschaftlicher Gamechanger“
„Künstliche Intelligenz kann für Deutschland zum echten wirtschaftlichen Gamechanger werden“, sagte Wüst dem Handelsblatt. Das geht auch aus einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt und im Auftrag des Landes NRW erstellt wurde.
In der Studie heißt es: „Generative KI hat das Potenzial, bis zu 67,8 Milliarden Euro zur Bruttowertschöpfung in NRW beizutragen – das höchste Potenzial unter allen Bundesländern.“ Deutschlandweit liegt der Wert sogar bei 330 Milliarden Euro. Für die Studie hat das IW berechnet, wie Automatisierung die Produktivität in verschiedenen Berufen steigern könnte.
CDU-Politiker Wüst ist überzeugt: „Eine flächendeckende Nutzung von KI kann entscheidend zur Wiederbelebung Deutschlands als internationale Wirtschaftsgröße beitragen – und die brauchen wir dringend, nachdem die Ampelregierung dreieinhalb Jahre lang für Stillstand und Schieflage gesorgt hat.“
Hubertus Bardt vom IW sagt: „KI kann dazu beitragen, einen guten Teil der Arbeitskräfte zu kompensieren, die durch den demografischen Wandel fehlen werden.“ Damit das Potenzial der Technologie ausgeschöpft werde, müssten laut Bardt drei Bedingungen erfüllt sein: Erstens müssten mehr Unternehmen KI nutzen – setzt heute jedes fünfte Unternehmen in NRW generative KI ein, müsste es dann jedes zweite sein. Zweitens müssten Forschung und Entwicklung neue Einsatzfelder erschließen. Drittens sollten entlastete Arbeitskräfte ihre freie Zeit für wertschöpfende Aufgaben nutzen.
Laut Wüst müssten vor allem neue KI-Anwendungen entwickelt und „in bestehende Geschäftsmodelle und Produktionsprozesse“ integriert werden. Deutschland habe die Chance, KI als Wettbewerbsvorteil zu nutzen und künftig Arbeitsplätze zu schaffen, besonders in der industriell und maschinell geprägten deutschen Wirtschaft.
Claudia Pohlink, Chief Data Officer beim Logistikunternehmen Fiege, sagt, dass NRW dafür seine Kompetenzen bündeln müsse: „Wichtige Voraussetzung für den wertstiftenden Einsatz von KI ist es, eine performante Dateninfrastruktur aufzubauen und deren Komplexität im Griff zu behalten.“ Dafür brauche es außerdem eine Datenkultur.
NRW soll als KI-Standort vorangehen
Laut NRW-Ministerpräsident Wüst ist klar, dass die Politik die richtigen Rahmenbedingungen auf allen Ebenen schaffen muss, um das Potenzial der Technologie auszuschöpfen. Dafür nimmt er die kommende Bundesregierung in die Pflicht: „Ich erwarte von der neuen Bundesregierung, dass sie die Künstliche Intelligenz zu einem zentralen Handlungsfeld ihrer Politik macht.“
In NRW will der CDU-Politiker beispielhaft vorangehen. Das zeigt auch die Zukunftskonferenz des Landes am Donnerstag. „Wir treiben den Ausbau von Glasfaser- und 5G-Netzen voran, um den Zugang zu KI-Anwendungen auch in der Breite zu ermöglichen“, sagte Wüst.
Außerdem sorge die Landesregierung für die Umwandlung ehemaliger Kraftwerksstandorte in Rechenzentren und Datendrehkreuze. „Hinzu kommt die Bereitstellung leistungsstarker Kapazitäten“, so Wüst. Er verweist auf den geplanten Supercomputer „Jupiter“ in Jülich und das Microsoft-Rechenzentrum.
Rechenkapazitäten sind für das Entstehen von KI-Ökosystemen entscheidend. Deswegen ist man in NRW besonders stolz auf die Milliardeninvestition von Microsoft im Rheinischen Revier.
Agnes Heftberger, Deutschlandchefin von Microsoft, sagt: „Was hier passiert, ist Strukturwandel in Aktion.“ Microsoft habe sich aus verschiedenen Gründen für den Standort NRW entschieden: So gebe es viele Microsoft-Kunden, die die Dienste nachfragten, ausreichend Zugang zu Energie, um die Rechenzentren klimafreundlich zu betreiben, qualifizierte Arbeitskräfte und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen.
„NRW liegt noch immer deutlich hinter Berlin und Bayern“
Noch ist NRW aber nicht die führende KI-Region Deutschlands. Laut dem Applied AI Institute liegt NRW beim Ranking der Bundesländer mit den meisten KI-Start-ups hinter Berlin, Bayern und Baden-Württemberg mit zehn Prozent nur auf Platz vier.
Und auch Google, Microsoft, Meta und OpenAI haben ihre Büros in München eröffnet – und nicht in NRW. In der bayerischen Metropole haben mit der Ludwig-Maximilians-Universität und der Technischen Universität auch zwei der führenden KI-Universitäten der Welt ihren Sitz.
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Jan Harries ist Gründer des KI-Start-ups Ellamind und hat selbst knapp 20 Jahre in NRW gewohnt. Sein Unternehmen jedoch hat er in Bremen gegründet. Laut Harries ist das Ökosystem in NRW noch nicht ausgereift. Zwar gebe es einige kleinere Hubs, doch fehle es noch an Wagniskapitalgebern und Talenten. „Die kritische Masse an Techies und KI-Talenten, die es braucht, um ein Unternehmen aufzubauen, fehlt“, sagt Harries. Noch heute fühlt er sich der KI-Szene in NRW aber eng verbunden.
Annika von Mutius, Mitglied im Vorstand des KI-Bundesverbands und Gründerin des KI-Start-ups Empion, sagt: „Es gibt eindrückliche Leuchttürme wie DeepL, doch NRW liegt noch immer deutlich hinter Berlin oder Bayern.“
Dennoch traut sie NRW große Chancen zu. Allerdings müssten die richtigen Weichen gestellt werden. Durch die Investitionen von Microsoft sowie das Rechenzentrum in Jülich sei zwar schon eine starke KI-Infrastruktur geschaffen worden, doch müsse noch einiges getan werden. „Ganz besonders in Bezug auf den Forschungstransfer und die Anwendung KI-basierter Technologien.“
Laut Christian Temath, Geschäftsführer der Plattform KI NRW, ist das Bundesland dennoch ein ausgezeichneter Standort: „Nordrhein-Westfalen bietet als ein eng vernetztes Zentrum eine ideale Umgebung für Innovationen.“ Neben etwa 70 Hochschulen verfüge NRW auch über führende Forschungsinstitutionen und mit DeepL über eines von Deutschlands führenden KI-Start-ups. Temath ist überzeugt: „NRW kann KI“.