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Der 2,3-Sterne-Hauptbahnof von Bonn. Foto: Sebastian Dalkowski

Deutsche BahnIst dieser Hauptbahnhof wirklich der schlimmste Deutschlands?

Dreckig, unpünktlich, gefährlich. Der Hauptbahnhof Bonn landet in zwei Rankings ganz unten. Zu Recht? Unser Autor ist hingefahren, um sich vom Gegenteil zu überzeugen.Sebastian Dalkowski 08.11.2024 - 15:53 Uhr Artikel anhören

Bonn. Ich liebe es, Orte zu besuchen, die niemand mag. Nicht bloß, weil ich alles interessant finde, was Ablehnung hervorruft. Solche Orte fordern mich heraus: Haben sie auch eine schöne Seite? Deshalb stehe ich an einem Dienstagvormittag im Oktober vor dem Hauptbahnhof von Bonn. Und eine Woche später noch einmal.

Wenn es darum geht, in Ranglisten ganz unten zu landen, macht dem Bonner Hauptbahnhof niemand etwas vor: Eine Webseite für Verkehrsverbindungen hat gerade die Bahnhöfe der meistgebuchten Zugreiseziele untersucht. Was zählte, waren die Pünktlichkeit, die durchschnittliche Google-Wertung, außerdem das Angebot an Fressbuden und Shops. Auf Platz eins Leipzig, auf Platz 30 von 30: Bonn.

Nicht der erste Tiefschlag. Ein Reiseportal hat im Frühjahr die Hauptbahnhöfe der 100 beliebtesten deutschen Urlaubsstädte ausschließlich nach Google-Wertung sortiert. Möglich sind ein bis fünf Sterne. Auf dem ersten Platz wieder die Infrastruktur-Streber aus Leipzig. Bonn schob sich mit 2,3 Sternen noch so gerade vor Bad Salzuflen auf Platz 99.

Dieser Hauptbahnhof spiegelt den Zustand der Bundesrepublik

Vermutlich hätte man auch die 1,9 Sterne der Heilbad-Metropole noch unterboten, hätten nicht einige Bahnhof-Bonn-Survivor ihre Kommentare wie „Wurde mit Kondomen beworfen“ ironisch mit fünf Sternen versehen. Andere kritisieren fehlende Sicherheit und Sauberkeit, Verspätungen, überfüllte Bahnsteige, die Anwesenheit von Obdachlosen und Abhängigen. Fazit: „Dieser Hauptbahnhof spiegelt den Zustand der Bundesrepublik.“ Der Hauptbahnhof wird hier mit einer Verve gehasst wie sonst nur Robert Habeck von Menschen rechts der SPD. „Wenn man sich mit einer amtlichen Depression erden will, gibt es keinen besseren Ort, um auf einen Zug zu warten, der nie kommen wird.“

Ich selbst erinnere mich dunkel an einen früheren Kommilitonen, der mal atemlos zum Bonner Hauptbahnhof rannte, um bloß nicht den Zug nach Köln zu verpassen. Ob es die Angst war, am Gleis auf die nächste Bahn warten zu müssen oder doch Bonn als Ganzes noch länger zu ertragen, weiß ich nicht mehr. Denn trostlos wirkt das Schicksal von Bonn, das einst von der Bundeshauptstadt zur Bundesstadt degradiert wurde, weil immerhin noch sechs Ministerien nicht wegziehen durften.

Ein Bahnhof mit Armen in Ocker

Doch Internet und Studienfreunde können viel Unsinn erzählen. Ich selbst war seit mindestens zehn Jahren nicht mehr dort. Als guter Reporter halte ich es deshalb für meine Pflicht, selbst zum Höllenschlund unter den Verkehrsknotenpunkten aufzubrechen. Nicht unvoreingenommen, aber immerhin unbewaffnet. So schlimm wird’s schon nicht werden. Oder?

Da liegt er nun also vor mir, der Hauptbahnhof von Bonn, in seiner auf alt gemachten Architektur des 19. Jahrhunderts, auch bekannt als Neorenaissance. Ein altes, müdes Tier, der Kopf in Rotbraun, die beiden langen Arme in Ocker geziegelt. Nicht mehr ganz so schön wie die Modellbahnhofversion, die ein Hersteller noch immer für 144,99 Euro anbietet. Schwierigkeitsgrad: anspruchsvoll.

Ich ziehe die Stahltür auf mit ihren vielen, vielen Kratzern und stehe in der Empfangshalle, wobei Halle zu viel gesagt ist, für den Begriff „Raum“ aber die Decke zu hoch ist. Vor mir die DB-Information, darüber ein Glasbogen, der für Klosterfrau wirbt („Wir machen aus Natur Arznei“). Rechts die Wiener Feinbäckerei und das Reisezentrum von enormem Ausmaß. Links der unvermeidliche Pizzazungen-Ditsch. Den Gang runter die Reisebank und ein riesiger Zeitschriftenladen, schließlich ein McDonald’s. Ansonsten zweimal sechs Sitzgelegenheiten. Das war’s. Es fehlt schlicht der Platz für mehr.

Die Hälfte der Sitzgelegenheiten auf einem Foto. Foto: Sebastian Dalkowski

Hinter der Halle geht’s nicht weiter durch einen breiten Gang mit Imbissen oder Shops, wie man es aus Köln oder Düsseldorf kennt, sondern gleich raus zum Gleis 1. Vom Bahnsteig kann ich locker bis ans andere Ende des Bahnhofs schauen, es sind bloß fünf Gleise. Meist versperrt kein Zug den Blick. Der Bahnsteig von Gleis 1 ist der einzige, der zu Stoßzeiten richtig voll wird. Von dort fahren die Regionalzüge über Köln Richtung Ruhrgebiet. Ist so ein RE5 oder eine RB26 erst mal weg, sind auch die Leute für eine Weile weg, bevor sich der Bahnsteig wieder allmählich füllt.

Gelegentlich rast ein endlos langer Güterzug ungebremst über die Schienen, einmal laut hupend, dann stürmt es für einige Sekunden. Die Bahnsteigüberdachung haben sie vor einigen Jahren neu gemacht. Statt Holz nun grauer Stahl, der sich schützend über die Wartenden beugt. An den alten Flachdächern der hinteren Bahnsteige stößt man sich fast den Kopf.

Gleis 1 ist beliebt, denn auf Gleis 1 geht’s nach Köln. Foto: Sebastian Dalkowski

Die Gleise 2 bis 4 sind schnell erzählt. Auf Gleis 2 fährt ab und zu mal eine Regionalbahn nach Wuppertal und noch seltener ein ICE nach Berlin. Ein bisschen Action bietet Gleis 3, von wo aus die Reise nach Koblenz und Mainz und manchmal sogar nach Frankfurt geht. Auf Gleis 4 verlässt einmal in der Stunde die Rhein-Ahr-Bahn den Bahnhof Richtung Remagen. Auf Gleis 5 pendelt die Voreifelbahn zweimal in der Stunde nach Euskirchen und zweimal bloß bis Rheinbach. Bauzäune sichern den Bahnsteig zur anderen Seite ab. Es geht ungefähr zwei Meter runter. Wer sich an Gleis 5 auf eine Bank setzt, den wartenden und brummenden Dieselzug vor sich, der vergisst leicht, dass er in der Beethoven- und UN-Stadt Bonn ist.

Ansonsten: Leere

Wer das Gleis wechseln möchte, muss unter die Erde, in den linken oder den rechten Tunnel. Im linken riecht es an immer derselben Stelle dermaßen nach Urin, dass mir das Ammoniak gleich bis in die Augen schießt, obwohl hier regelmäßig die Reinigungsfachkraft vorbeikommt. Immerhin, viel Müll sehe ich nirgendwo rumliegen. Der schmale Tunnel besteht aus dunklen Bodenplatten und niedrigen Decken, ab und zu lässt ein bisschen bunter Backstein-Klinker an die 60er-Jahre denken. An den Wänden hängen Hausordnung und Fahrpläne, ansonsten Leere.

Der rechte Tunnel ist fast ebenso düster, aber breiter. Man wirbt für die neue Yoko-Ono-Ausstellung oder die Deutsche Bahn. Es gibt einen Automaten für Snacks, einen für Geld und zwei von Fotofix.

Dieses Foto kann man riechen. Foto: Sebastian Dalkowski

Freundlicher wird’s erst dort, wo der DB-Tunnel endet. Wo dunkle in helle Bodenplatten übergehen und die unterste Etage vom Maximilian Center beginnt, die gleichzeitig auch zu den U-Bahnen führt. Unbedingt sollte man wissen, dass sich ungefähr hier einst etwas befand, für das Bonn so berühmt war wie sonst nur für Beethoven und Bundestag: das Bonner Loch.

Das Bonner Loch war eigentlich ein abgesenkter Platz aus den 1970er-Jahren, gut gemeint und gedacht für laue Sommerabende, der aber vor allem Treffpunkt des lokalen Drogenhandels und -konsums wurde. Der schlechte Ruf des Hauptbahnhofs, vielleicht sogar von ganz Bonn, hat auch mit diesem Loch zu tun. Noch mal für alle: Es existiert nicht mehr.

So schlimm wars nicht

Nun verkaufen hier im Tunnel Imbisse vielerlei Brötchen, Porridge, Kaffee, Döner, Pizza, Falafel, koreanische Eintöpfe, chinesische Hotpots, Hunderte Sorten Bier. Außerdem gibt es einen größeren und einen kleineren Supermarkt sowie eine Drogerie. Aber weil’s eben nicht zum Hauptbahnhof gehört, hilft’s nicht für die verdammten Ranglisten.

Nach einer Runde Hauptbahnhof fühle ich die leichte Enttäuschung eines Reporters, der eine Katastrophe erwartet hatte. So schlimm war’s nicht. Ich habe die Dinge, die im Internet kritisiert wurden, vorgefunden, aber nicht ständig und überall. Sicher, regelmäßig wird man nach Kleingeld gefragt. Wie an jedem Bahnhof. Auf jeden Fall nehmen hier Menschen Drogen. Die Verspätungen kommen mir nicht dramatischer vor als anderswo. Ansonsten ist der Bahnhof eher Provinz statt Hölle, auch wenn das für einige dasselbe sein mag. Mir ist klar: Je nach Wetter, Geschlecht und Uhrzeit könnte das Urteil härter ausfallen. Aber reicht das wirklich fürs Tabellenschlusslicht in der Bahnhofsbundesliga?

Statt Selfie: Journalist im Bild versteckt. Foto: Sebastian Dalkowski

Ein wenig liegt das an den Rankings, die nur bedingt wissenschaftlichen Kriterien genügen. Kurz-mal-weg.de nennt es wirklich „Ranking-Methodik“, dass sie die 100 beliebtesten Urlaubsstädte nach Google-Bewertungen sortieren. Im Fall von Bonn gibt es zwei verschiedene Google-Einträge für den Hauptbahnhof mit jeweils diversen Kommentaren und unterschiedlichen Durchschnittswerten. 2,3 ist der schwächere, der auch in der Wertung auftaucht. Mit der anderen von 3,4 wäre Bonn nicht 99., sondern 84. geworden. Und niedrige Wertungen bleiben ewig, selbst wenn der kritisierte Mangel behoben wurde. Der Hauptbahnhof wird das Bonner Loch nie so richtig abschütteln können.

Die Buchungsplattform Omio lässt die bessere Google-Wertung einfließen, gewichtet aber die Pünktlichkeit der Züge anderthalbfach. Dabei bezieht sich die Website aber nur auf eine Datenrecherche der FAZ, die sich wiederum auf Daten bezieht, die nur für den Fern- und nicht für den Nahverkehr gelten.

So sehr Provinz wie die Stadt

Doch ich will nichts beschönigen, nur zu bedenken geben. Ein wenig attraktiver Hauptbahnhof mit fünf Gleisen, das klingt ja nach wie vor ein bisschen wenig für eine Stadt mit fast 340.000 Einwohnern, die nach der Herabstufung von der Bundeshauptstadt zur Bundesstadt zwar an Bedeutung, aber nicht an Bevölkerung verloren hat. Sie ist sogar gewachsen. Es gibt kleinere Städte mit größeren Bahnhöfen. Aber genau genommen ist auch Bonn eine kleinere Stadt, die bloß 1969 durch Eingemeindungen von Kommunen wie Beuel und Bad Godesberg ihre Bevölkerungszahl mehr als verdoppelte.

Doch weder das plötzliche Wachstum noch der Status als Hauptstadt führten in größerem Maße zur Aufrüstung des Hauptbahnhofs. So ist er bis heute provinziell geblieben. So wie Bonn auch immer Provinz war.

Sollten wir alle also unsere Erwartungen senken, um das Schöne an diesem Ort zu finden?

Es wäre wirklich Blödsinn, die Pizza-Lappen von Ditsch zu lobpreisen, weil das so wäre, wie sich die Kantinen-Currywurst schönzureden, die stets nur vorher eine gute Idee ist, bis das ungute Gefühl im Magen einsetzt. Ich könnte auch die USB-Auflademöglichkeiten an den (zur Erinnerung: zwölf) Sitzplätzen erwähnen, die Steckdosen aber sind teilweise abgeklebt. Ich könnte auch zur Bahnhofsmission gehen auf der Suche nach den Geschichten fürs Herz. Oder ich könnte die solide sauberen Bezahl-Klos loben, wo WDR4 läuft, gleich hintereinander „Octopus’s Garden“ von den Beatles und „Tage wie diese“ von den Toten Hosen, was zumindest im Schnitt besser ist, als die meisten deutschen Radiosender von sich behaupten können. Doch das wäre Kleinkram, das wären Glückstreffer.

Schönheit kommt von innen. Foto: Sebastian Dalkowski

Dieser Bahnhof lässt sich nicht auf eine direkte Art mögen. Dieser Bahnhof überrumpelt nicht, begeistert nicht, entzückt nicht. Dieser Bahnhof buhlt nicht um Liebe. Er ist auch nicht so rough, dass man ihn gerade deshalb lieben könnte, wie etwa den Hauptbahnhof in Dortmund oder Duisburg (den ich persönlich für den schlimmsten aller Hauptbahnhöfe halte).

Die Züge fahren fast nie nach Berlin

Ich möchte für etwas anderes plädieren: Es gilt, die kritisierte Piefigkeit unbedingt zu umarmen. Es gilt, die Stille zwischen den Zügen zu genießen. Hbf Bonn, das ist ganz alte BRD. Die Züge fahren fast nie nach Berlin, sondern nach Emden, Mainz, Koblenz, Remagen oder Köln. Es ist ein Hauptbahnhof, der gemäßigt auf die Provinz vorbereitet – südlich von Bonn tauchen bald die ersten Weinberge auf – und gemäßigt auf die NRW-Großstädte von Köln bis Dortmund. Auch in Zeiten des Bundestags kam dem Hauptbahnhof nie die Idee, auf dicke Hose zu machen. Er ist kein Ort für Angeber, aber für Nostalgiker.

Jetzt noch schnell die Bewerbung fertig machen. Foto: Sebastian Dalkowski

Welcher Hauptbahnhof einer größeren Großstadt kann sonst von sich behaupten, nicht alles, wo keine Schiene liegt, dem Ausgeben von Geld gewidmet zu haben? Zwei Bäckereien, ein Fast-Food-Imbiss, ein Zeitschriftenladen, das war’s. Während im Maximilian Center der Fast-Food-Kapitalismus Einzug gehalten hat mit seinen 100 Biersorten und „plant-based crunchy chicken“ und Pane Seelachsfilet und koreanischen Sandwiches für sechs Euro, ist der Hauptbahnhof ein Reservat für Kaufgeplagte.

Dass an den Bahnsteigen fast keine Werbeplakate hängen, ist vermutlich keine Absicht, aber trotzdem erholsam. Einfach mal in die Gegend gucken ohne Kaufhinweise. Gerade das, was fehlt, zeichnet den Bonner Hauptbahnhof aus. Es ist eine Leistung durch Unterlassen.

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Und ja, ich nehme in Kauf, dass das alles nur Gedanken sein könnten, die ich möglicherweise, eventuell, vielleicht entwickelt habe, um mich am Ende nicht zu fragen: Warum zur Hölle habe ich zwei Tage an diesem Bahnhof verbracht?

Erstpublikation: 31.10.2024, 10:27 Uhr.

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