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Einzelhandel Aldi verspricht mehr Tierwohl - Doch Klimaschutzgesetze bremsen die Pläne

Aldi will die Tierhaltung in Deutschland revolutionieren. Das möchten auch viele Bauern, doch ohne eine Anpassung von Bau- und Umweltrecht ist das gar nicht möglich.
13.07.2021 - 11:31 Uhr Kommentieren
Aldis Frischfleisch soll künftig von Tieren mit mehr Platz und Frischluftkontakt stammen. Quelle: dpa
Schweinestall

Aldis Frischfleisch soll künftig von Tieren mit mehr Platz und Frischluftkontakt stammen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Mit dem Vorstoß zum Tierwohl hat Aldi für Aufsehen gesorgt: Die Discounterkette will Billigfleisch aus Stallhaltung bis 2030 vollständig aus der Frischetheke verbannen. Von da an soll Schweine-, Rind-, Puten- und Hühnerfleisch nur noch von Tieren stammen, die im Freien oder zumindest in Ställen mit Frischluftkontakt gehalten werden.

Doch nun zeigt sich: So einfach, wie es klingt, ist es gar nicht. Denn um Fleisch in dieser Qualität anzubieten, muss die Landwirtschaft massiv umgebaut werden. Und davor stehen hohe Hürden.

Hubertus Beringmeier hat Aldis Ankündigung „stark irritiert“. Er ist Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands und vertritt die Interessen der heimischen Bauern. Die hätten sich gewünscht, man hätte sie im Vorfeld nach ihrer Einschätzung gefragt. Denn: „Zurzeit ist eine Umsetzung der Pläne nicht realisierbar, weil weder das Baurecht noch das Umweltrecht angepasst ist“, erklärt er. Eine Genehmigung für einen Stallumbau zu bekommen dauere Jahre – wenn man sie überhaupt bekomme.

Insbesondere für die geforderten Ställe mit Außenbereich werden mittlerweile nur noch selten Baugenehmigungen erteilt. Grund dafür sind die bei der Tierhaltung entstehenden Emissionen. Gülle erzeugt Ammoniak, das sowohl der menschlichen Gesundheit als auch Umwelt und Klima schadet. In den Ställen wird die Luft mithilfe von Filtern gereinigt, in Außenbereichen ist diese Kontrolle nicht möglich.

Aldi weist die Verantwortung diesbezüglich von sich. Auf Nachfrage teilt der Discounter mit, es sei die Aufgabe der Politik, in diesem Zusammenhang klare und verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen.

Landwirte fordern Planungssicherheit

Das Ziel, das Tierwohl in deutschen Ställen zu verbessern, eint Landwirte und Händler. Aldis angekündigter Zeitplan, innerhalb von neun Jahren vollständig auf Fleisch aus Stallhaltung zu verzichten, sorgt jedoch für erhebliche Verunsicherung in der Branche.

Um die Anforderungen des Handels für mehr Tierwohl erfüllen zu können, appellieren landwirtschaftliche Erzeuger, dem Tierwohl beim Baurecht Vorrang einzuräumen. Doch diese Forderung ist nicht neu und eine Lösung derzeit nicht in Sicht. Ausnahmen gibt es bisher lediglich für Sauenhalter.

Der Discounter hat weiterhin den Anspruch, Preisführer zu sein. Quelle: dpa
Aldi

Der Discounter hat weiterhin den Anspruch, Preisführer zu sein.

(Foto: dpa)

Der Druck aus dem Handel ist groß, Aldi ist mit seiner Forderung längst nicht mehr allein. Reaktionen anderer großer deutscher Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland ließen nicht lange auf sich warten. Die Handelskette Kaufland kündigte am Donnerstag an, „ab sofort“ kein frisches Schweinefleisch mehr anzubieten, bei dem die Tierhaltung nur die gesetzlichen Mindestanforderungen erfülle. Lidl und Rewe haben ähnliche Pläne.

Doch die Landwirte wissen nicht, wo das Angebot für diese vollmundigen Ankündigungen herkommen soll. Häufig sei es schwierig, bisherige geschlossene Ställe an die Vorschriften der höheren Haltungsform anzupassen, erklärt Lea Fließ, operative Geschäftsführerin des Forums Moderne Landwirtschaft. Stattdessen seien Neubauten nötig.

Für 200 Mastplätze bedeute das Kosten in Höhe von 100.000 bis 400.000 Euro, je nach Modell und Rahmenbedingungen, rechnet Fließ vor. Hinzu kämen weitere Investitionen, etwa für Luftkühlungsmaßnahmen im Sommer oder den Verzicht auf gentechnisch verändertes Sojaschrot.

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Aldi will weiterhin günstige Preise bieten

Bedacht werden müssen auch die aktuellen Engpässe auf den Baustellen. Das führt nicht nur zu Verzögerungen, sondern hat auch Auswirkungen auf die Preise. Die Kosten für Materialien wie Holz, Kunststoff und Metalle sind zuletzt stark gestiegen.

Um Investitionen dieser Größenordnung tätigen zu können, brauchen Landwirte Planungssicherheit. Die Landwirte fordern verlässliche Liefervereinbarungen in Form von Verträgen. „Erst wenn ich Zahlen auf dem Tisch habe, kann ich das für mich ausrechnen“, sagt Fließ. Da reichten zeitliche Vorgaben als Grundlage nicht aus.

Die Investitionen müssen sich schließlich auch für die Bauern auszahlen. Pro Kilo Schlachtgewicht müssten Fließ zufolge ungefähr 30 Cent mehr gezahlt werden, damit auch der Erzeuger am Ende davon profitiere.

„Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis“, betont Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter. Mit dem Umschwung im Handel und den Herausforderungen für die Landwirte ist der Bedarf an Fleisch aus höheren Haltungsformen in den nächsten Jahren groß, das Angebot bleibt dagegen vorerst klein. „Was die Händler jetzt also vor allem anbieten müssen, ist ein ordentlicher Preis“, fordert Staack.

Ob Aldi das tun wird, ist bisher unklar, im Zuge des Bekenntnisses zu mehr Tierwohl hatte der Discounter auch verkündet, weiterhin den Anspruch zu haben, Preisführer zu sein. Wie sich die Preise für Frischfleisch langfristig entwickeln, lasse sich heute nicht verlässlich vorhersagen, teilt Aldi mit.

Deutsche Landwirtschaft fürchtet um Geschäft

Neben dem Preisdruck des Handels bereitet den deutschen Landwirten auch die Konkurrenz aus dem Ausland Sorgen. Was passiert, wenn es in Deutschland zu lange dauert, das Baurecht anzupassen? Wenn Aldi sein Versprechen 2030 einlöst, aber keine Lieferanten in Deutschland findet?

Die Landwirte befürchten, dass der Einzelhändler das Fleisch dann stattdessen aus dem Ausland importiert. Damit am Ende wirklich die lokalen Bauern profitieren, fehlt ein klares Bekenntnis des Handels zur deutschen Herkunft. Von Aldi bekommen sie lediglich das Versprechen „wo immer möglich auf deutsche Ware zu setzen“.

Die Tragweite seines Vorhabens ist auch Aldi bewusst, doch „so schwer es auch wird, wir glauben daran, das Richtige zu tun: für Tierwohl, für nachhaltiges Wirtschaften, für unsere Kunden und aus Überzeugung“, teilt das Unternehmen mit. Nur was das für die Landwirtschaft bedeutet, lässt der Discounter offen.

Die Bauern sind enttäuscht: „Wir hätten uns gewünscht, dass die jetzige Bundesregierung nach den Empfehlungen der Borchert-Kommission noch verlässliche Pläne vorgelegt hätte und Baurecht, Umweltrecht und Finanzierung geklärt hätte“, sagt Beringmeier. Die vom ehemaligen Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert geleitete Kommission hat Ideen erarbeitet, wie die Tierhaltung verändert werden kann, um mehr Tierwohl zu gewährleisten.

Auch die Initiative Moderne Landwirtschaft hätte politische Rahmenbedingungen bevorzugt. Denn mit den Vorgaben des Handels werde man als Landwirt zunehmend abhängiger von einzelnen Supermarktketten. „Wir können da jetzt keine Werbekampagne von Aldi gebrauchen, wo die mal für ein paar Jahre was ausprobieren und dann merken: Das ist jetzt auch nicht die richtige“, macht auch Jörn Ehlers, Vizepräsident des Landvolks Niedersachsen, deutlich.

Doch obwohl der Vorstoß für mehr Tierwohl nach Einschätzung vieler Landwirte von der falschen Seite kommt, seien sie doch froh, „dass der Lebensmittelhandel ein bisschen auf die Tube drückt“, wie Ehlers sagt. Irgendwann müsse man mit dem Thema weiterkommen, auch wenn es unangenehm werde, gibt er zu.

Mehr: Verschwindet Billigfleisch nun aus den Supermarktregalen? Mehr zum Thema erfahren Sie im Podcast Handelsblatt Green

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