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Tom Arne Rüsen„Es ist ein Drama, wenn die Familie allein gelassen wird“

Der Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen spricht im Interview über die Folgen des Aldi-Nord-Urteils, unzeitgemäße Stiftungslösungen und posthum mitregierende Patriarchen.Anja Müller 07.12.2017 - 19:42 Uhr Artikel anhören

„Die drei Stiftungen sind so konstruiert, dass sie mit unterschiedlicher personeller Besetzung, aber in allen drei Fällen mit Familienmitgliedern einstimmig entscheiden müssen.“

Foto: Handelsblatt

Tom Rüsen lehrt und forscht seit Jahren über Familienunternehmen. Und weil er mit ihnen als Coach in Workshops auch Konflikte löst, sind ihm Familienstreits nicht fremd.

Herr Rüsen, Theo Albrecht muss sich jetzt nicht mit dem Nasenring durch die Manege führen lassen, wie er im Handelsblatt-Interview sagte. War das Urteil eine richtige Entscheidung für Familie und Unternehmen?
Für das Unternehmen ist die Lösung erst einmal gut, aber für die Familie katastrophal. Sie werden den Streit womöglich über Generationen weiter tragen.

Wie groß ist der Schaden für Familie und Unternehmen?
Nachdem sich die Familie Albrecht jahrzehntelang nicht in der Öffentlichkeit gezeigt hat, wird nun sehr öffentlich gestritten. Ich glaube, dass Erwartungen in der Familie eine sehr große Rolle spielen, danach wurde offenbar regiert und reagiert. Die Erwartung lautet in solchen Fällen: Verhaltet Euch so, wie Vater es gewollt hätte. Das ist das Drama, wenn eine Familie mit diesen Erwartungen alleine gelassen wird. Alle Parteien verlieren dabei.

Das heißt, der Patriarch regiert posthum noch mit?
Es gab ja mal den handschriftlichen Vermerk von Theo senior, dass die Brüder sich vertragen sollen.

Familienstreit bei Aldi Nord

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Stiftungen gelten doch als Königsweg, bei Familienunternehmen, die immer mehr Gesellschafter satt machen müssen. Was ist bei den drei Stiftungen von Aldi Nord falsch gelaufen?
Die drei Stiftungen sind so konstruiert, dass sie mit unterschiedlicher personeller Besetzung, aber in allen drei Fällen mit Familienmitgliedern einstimmig entscheiden müssen. Dahinter steht der Gedanke, dass doch alle „Familie“ sind und daher an einem Strang ziehen, der Konfliktfall ist da nicht vorgesehen. Diese Konstruktion birgt die hohe Gefahr, dass es eben keine einstimmigen Entscheidungen gibt, was ganz normal ist.

Von der fehlenden Einstimmigkeit bis zur öffentlichen Eskalation ist der Weg weit….
Die Eskalation ist der Tatsache geschuldet, dass der Familienzweig um Theo junior und die Witwe des Seniors nachträglich den Familienzweig von Berthold entmachten wollten, um die Entscheidungsfähigkeit für das Unternehmen wieder zu erleichtern, aber um welchen Preis? Man muss alle Familienmitglieder miteinbeziehen, transparent agieren.

Gibt es denn die optimale Stiftungslösung?
Nein, die gibt es nicht. Ob Familienmitglieder in Aufsichtsgremien oder als Stiftungsvorstände streiten, ist egal. Aber: Es gibt die Möglichkeit, Konfliktklauseln in der Familienverfassung festzuschreiben. Im Falle eines Streits innerhalb der Familie, entscheidet ein externer Beirat zum Beispiel. Die Entscheidung wird dann in die Hände Dritter gelegt.

Also muss die Entscheidungsfähigkeit der Familie im Vordergrund stehen, ohne gleich eine Einstimmigkeit zu fordern?
Ja, die Entscheidungsfähigkeit des Unternehmens kann im Zweifel auch auf Kosten einzelner Familienmitglieder gehen. Die Unternehmerfamilie muss bereit sein, über Einzelbedürfnisse hinweg zu gehen, aber für diesen Fall braucht es eine Familienverfassung und einen Gesellschaftervertrag inklusive Konfliktlösungsmanagement.

Wie viele Familienunternehmen haben so etwas?
Nehmen wir mal die ganz großen Familienunternehmen, die pro Jahr mehr als eine Milliarde Euro umsetzen. Von diesen 100 bis 150 Firmen haben geschätzt rund ein Drittel eine mehr oder weniger ausgefeilte Familienstrategie, davon wiederum die Hälfte verfügen über Konfliktklauseln.

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