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ChemieindustrieUS-Konzern Dow schließt zwei Großanlagen in Ostdeutschland

Die hohen Energiepreise und die schwache Nachfrage führen zum nächsten Aus für große Chemieproduktionen in Deutschland. 550 Stellen sind betroffen. Doch es droht mehr.Bert Fröndhoff 08.07.2025 - 16:08 Uhr Artikel anhören
Dow Chemical in Böhlen: Die Politik hatte um den Erhalt der Anlagen in Ostdeutschland gekämpft. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Düsseldorf. Der US-Chemiekonzern Dow Chemical wird mehrere Großanlagen in Ostdeutschland dauerhaft schließen. Dazu gehört die zentrale chemische Großanlage in Böhlen südlich von Leipzig. Der sogenannte Cracker gilt als „Herz“ der Verbundproduktion von Dow in der Region. Chemiemanager fürchten, dass von dem Aus weitere Firmen und damit Arbeitsplätze betroffen sein könnten.

Geschlossen wird des Weiteren eine Anlage in der Basischemie-Produktion von Chlor-Alkali und Vinyl. Wie der Konzern am Montag mitteilte, sind bei Dow insgesamt 550 Arbeitsplätze betroffen.

Der US-Konzern betreibt in der ostdeutschen Chemieregion zwischen Halle und Leipzig eines der Zentren seines Deutschlandgeschäfts, dort werden an vier Standorten etwa Basiskunststoffe und Bauchemikalien gefertigt. Jetzt reagiert Dow Chemical auf die absehbar weiter hohen Energiepreise sowie auf die weiterhin schleppende Nachfrage in ganz Europa.

Dazu kommen Billigimporte aus Asien, die in Europa für anhaltenden Preisdruck sorgen. Auch eine Anlage in Großbritannien wird geschlossen.

Als weitere Gründe nennt Dow steigende CO2-Kosten sowie einen hohen Investitionsbedarf für Modernisierungen. Die zunehmende regulatorische Belastung etwa durch die EU-Chemiepolitik mache eine Planbarkeit zudem schwierig, heißt es im Konzern.

„Unsere Branche sieht sich in Europa nach wie vor mit schwierigen Marktdynamiken und einem anhaltend herausfordernden Kosten- und Nachfrageumfeld konfrontiert“, sagte Dow-Chef Jim Fitterling. Die Schließung diene dazu, Produktionskapazitäten anzupassen, das Handelsrisiko zu verringern sowie teurere, energieintensive Anlagen aus dem Portfolio zu entfernen.

Das Dow-Management hatte im Frühjahr angekündigt, die Zukunft mehrerer Werke in Europa zu prüfen. Danach hatten die Bundesregierung sowie die Landesregierungen von Sachsen und Sachsen-Anhalt um den Erhalt der Anlagen gekämpft. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte schon vor seinem Antritt persönlich mit Dow-Chef Fitterling gesprochen und Entlastung durch eine neue Energiepolitik angekündigt.

Doch dies stimmte den größten US-Chemiehersteller nicht um. Dow fährt ein hartes Sparprogramm, um seine Rendite wieder zu verbessern. Die Amerikaner unterstreichen aber, dass es nicht um die gesamte Produktion in Ostdeutschland geht, sondern allein um zwei Anlagen an zwei Standorten.

Dow reiht sich in Serie von Werksschließungen ein

Dennoch ist die Dow-Entscheidung für die deutsche und europäische Chemieindustrie ein weiterer Schlag. BASF hat bereits mehrere größere Produktionen im Stammwerk Ludwigshafen geschlossen.

Bayer will ein Pflanzenschutzmittel-Werk in Frankfurt dichtmachen. Vor wenigen Tagen kündigte der britische Chemiekonzern Ineos die Schließung seiner Phenol-Produktion im Ruhrgebiet an.

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Dow wird beide Anlagen in Ostdeutschland voraussichtlich im vierten Quartal 2027 dauerhaft schließen. Bei dem Cracker handelt es sich um die erste Stufe der Chemieproduktion. Dort wird Rohbenzin unter großem Energieeinsatz in Vorprodukte für Kunststoffe und andere Chemikalien umgewandelt. Auch BASF betreibt mehrere Cracker an seinen großen Verbundstandorten wie Ludwigshafen.

Der Dow-Cracker in Böhlen versorgt mehrere umliegende Standorte des Konzerns, wo die Grundstoffe weiterverarbeitet werden. Dazu zählen die Werke in Schkopau und Leuna.

Der US-Konzern beschäftigt im ostdeutschen Chemiedreieck rund 1500 Menschen, insgesamt sind es 3400 in ganz Deutschland. Dow hatte 1995 die ehemaligen DDR-Chemiekombinate übernommen und danach zu modernen Produktionsstätten umgebaut.

Gewerkschaft IGBCE fürchtet weitere Schließungen

Arbeitnehmer und Gewerkschaften hatten in den vergangenen Wochen für den Erhalt der beiden jetzt betroffenen Anlagen demonstriert. Daran nahmen auch Beschäftigte von anderen umliegenden Chemiefirmen teil. Die Chemieproduktion ist vielfach über Unternehmensgrenzen hinweg eng miteinander verbunden.

Welche Auswirkungen das Aus der beiden Dow-Produktionen für andere Chemiehersteller in der Region hat, ist noch unklar. Die Gewerkschaft IGBCE fürchtet weitere Schließungen. „Wenn der Cracker in Böhlen abgeschaltet werden sollte, fallen vor- und nachgelagerte Anlagen in der Prozesskette wie die Dominosteine“, sagte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis.

An jedem Chemiearbeitsplatz hängen drei weitere.
Chemie-Landesverband VCI Nordost

Der Chemie-Landesverband VCI Nordost spricht von möglichen „katastrophalen Folgen“ für die Region. Von der Produktion der beiden Dow-Anlagen in Böhlen und Schkopau seien viele Unternehmen abhängig, vor allem in Mitteldeutschland.

„An jedem Chemiearbeitsplatz hängen drei weitere“, warnt der Verband. Die Schließung sei ein „riesiges Einfallstor und wird ganze Produktionsketten infrage stellen“.

Dow teilte mit, man werde „umgehend einen formalen Konsultationsprozess“ mit den Betriebsräten starten. Ziel sei es, die Auswirkungen auf die 550 betroffenen Mitarbeiter zu minimieren und sozialverträgliche Lösungen anzubieten.

In Mitteldeutschland betreibt Dow neben den betroffenen Anlagen noch mehrere Kunststoffanlagen in Schkopau und Leuna, eine Anlage zur Herstellung von Baumaterialien in Schkopau sowie die Anilin-Anlage in Böhlen. Diese Anlagen sind nicht von der aktuellen Entscheidung betroffen.

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Erstpublikation: 07.07.2025, 14:17 Uhr.

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