Energie: Mexikos Ölreserven schwinden
Die Bohrplattform „Lolair“ des mexikanischen Ölkonzerns Pemex.
Foto: ReutersMexiko City. Mexiko ist auf dem Weg vom Ölriesen zum Ölzwerg. Nach einem Bericht der US-Energiebehörde EIA gehen die Energiereserven des siebtgrößten Erdölförderers der Welt dramatisch zur Neige. Bereits 2020 könnte sich Mexiko nach Berechnungen der Energieexperten von einem Öl-Exporteur zu einem Netto-Importeur verwandeln.
Hauptgrund sind fehlende Investitionen in den Sektor und weitgehend ausgebeutete Ölfelder. Von dem Niedergang der mexikanischen Ölproduktion wären auch die Vereinigten Staaten massiv betroffen, da Mexiko nach Kanada und Saudi-Arabien der drittwichtigste Lieferant der USA ist.
Mexiko kämpft schon lange mit sinkender Produktion und abnehmenden Reserven. 2008 förderte das Land täglich rund 3,2 Millionen Fass Öl. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 2,55 Millionen Fass, Tendenz weiter fallend. Die Vorkommen wie das große Erdölfeld Cantarell im Golf von Mexiko geben immer weniger Petroleum her, und neue nachgewiesene Reserven sind kaum in Sicht. Vor zwölf Jahren betrugen die bestätigten Reserven Mexikos noch 25 Milliarden Fass. Mittlerweile sind diese auf rund 13 Milliarden gesunken.
Bei gleichbleibender Fördermenge ist Mexikos Ölreserve selbst nach optimistischen Schätzungen spätestens 2021 aufgebraucht. Als Reaktion auf den Bericht der EIA kündigte der scheidende Präsident Felipe Calderón vergangene Woche mit Pauken und Trompeten einen riesigen Ölfund im Golf von Mexiko an. 2000 Meter unter dem Meeresboden lägen vermutlich Reserven von bis zu 400 Millionen Fass.
Experten wie der britische Ölanalyst David Shields sind jedoch skeptisch. "Das sind weder vermutete noch nachgewiesene Reserven", sagte er dem Handelsblatt. Es seien geologische Schätzungen, aufgrund derer man über mehrere Jahre viele Probebohrungen vornehmen müsse, um Existenz und Ausbeutbarkeit der Felder zu prüfen. "Man muss dafür sehr viel Geld in die Hand nehmen", betont Shields.
Dem staatlichen Ölmonopolisten Petroleos Mexicanos (Pemex) aber fehlen sowohl das Know-how als auch die Mittel für teure Probebohrungen. Und ausländische Unternehmen können faktisch nicht engagiert werden. Haupthindernis ist die komplizierte Rechtslage. Multinationalen Konzernen ist laut Verfassung faktisch jede Investition und Beteiligung am mexikanischen Öl verboten.
Ausländische Unternehmen können nur als Subunternehmer für Pemex engagiert werden. Daran hat kaum ein Konzern Interesse. Pemex wiederum muss einen Großteil seines Gewinns an den Fiskus abführen. Der Staatskonzern ist der größte Steuerzahler des Landes und hat im vergangenen Jahr umgerechnet 53 Milliarden Euro an Abgaben gezahlt. Das entspricht laut Finanzministerium rund einem Drittel des Staatshaushalts.
Ölexperten kritisieren, dass Pemex so die Luft zum Atmen genommen werde und die Möglichkeit, die Gewinne aus dem Ölverkauf zu reinvestieren. Um die schwindenden Vorräte in Cantarell adäquat ersetzen zu können, müsste Pemex jährlich 16 Milliarden Dollar in die Erschließung neuer Vorkommen stecken. Geld, das der Staatsgigant nicht hat.
Pemex ist mit knapp 160.000 Mitarbeitern das größte Unternehmen Lateinamerikas, aber auch eines der am höchsten verschuldeten. Also hoffen sowohl Pemex als auch internationale Konzerne, dass der künftige Präsident Enrique Peña Nieto die notwendige Reform des Energiesektors durchsetzt. Der Präsident tritt Anfang Dezember sein Amt an und wird dabei auf eine Mehrheit auch im Parlament setzen können.
Die Aussicht auf neue Ölquellen ist zumindest da: Die US-Energiebehörde EIA geht davon aus, dass auf der mexikanischen Seite des Golfs ebenso große Reserven schlummern müssen wie in den USA. Insbesondere die Schieferöl-Vorkommen im texanischen Eagle Ford würden vermutlich nicht auf der mexikanischen Seite plötzlich aufhören.