Volkswagen-Konzern: Seat-Betriebsrat fordert eigenes 20.000-Euro-Auto
Madrid, Düsseldorf. Inmitten der Diskussion um einen Billigstromer von Volkswagen fordern Arbeitnehmervertreter der spanischen VW-Tochter Seat eine elektrische Zukunft für das ikonische Modell Ibiza. Preislich könne der Elektro-Ibiza an Volkswagens geplantes 20.000-Euro-Auto herankommen. Einen entsprechenden Vorschlag habe man dem Management bereits unterbreitet, sagte Seat-Betriebsratschef Matías Carnero am Donnerstag dem Handelsblatt. „Bisher haben wir dazu aber noch keine Informationen erhalten.“ Carnero sitzt auch im Aufsichtsrat des Volkswagen-Konzerns.
Der Ibiza ist Seats kleinstes Auto und kostet in der günstigsten Ausstattung aktuell 19.470 Euro. Das Modell ist allerdings zurzeit nur als Verbrenner verfügbar. „Der Seat Ibiza würde sich aber auch gut als elektrifiziertes Modell eignen“, sagt Carnero.
Ein Seat-Sprecher wollte die Pläne nicht weiter kommentieren und verwies auf Aussagen von VW-Markenchef Thomas Schäfer aus der vergangenen Woche. Anlässlich der Jahreszahlen hatte Schäfer kürzlich angekündigt, bis 2027 einen preiswerten Stromer unter dem Arbeitstitel ID.1 für 20.000 Euro auf den Markt zu bringen. Nach Informationen des Handelsblatts liegt das Projekt zurzeit vollständig bei der Kernmarke Volkswagen, die Schäfer leitet.
Entscheidung zu ID.1 in Kürze erwartet
Derzeit würden Projektteams vier verschiedene Szenarien für das Modell prüfen, erklärte Schäfer, allerdings ohne näher zu erläutern, wie diese Szenarien im Detail aussehen. Eine Entscheidung soll kurzfristig „in den nächsten Wochen“ fallen, sagte der VW-Markenchef bei der Jahreszahlen-Präsentation. Konzernchef Oliver Blume sprach kurz zuvor noch davon, dass man bis Jahresende die Richtung für das Projekt festlegen wolle.
Für VWs Pkw-Sparte ist der ID.1 strategisch von höchster Relevanz, denn zuletzt schwächelten die elektrischen ID-Modelle der Traditionsmarke fast durchgängig. Zusätzlich steht Volkswagen wegen strengerer CO2-Vorgaben aus Brüssel unter Druck, die sich ab 2025 verschärfen. Die neuen Vorgaben kann VW nur mit höheren Absatzzahlen bei Elektroautos erfüllen. Dafür ist Masse nötig.
Nicht nur wegen der Klimavorgaben muss Volkswagen bei Elektroautos auf hohe Stückzahlen kommen. Auch für die Profitabilität sind große Skaleneffekte nötig. Eine Option ist deshalb, dass VW sein elektrisches 20.000-Euro-Auto mithilfe eines externen Partners entwickelt und produziert. Wie das Handelsblatt bereits im Dezember 2023 berichtete, laufen dazu Gespräche zwischen Volkswagen und Renault. Diese hatte Renault-Chef Luca de Meo kürzlich auf dem Genfer Autosalon bestätigt.
Konkret geht es in den Verhandlungen darum, dass sich VW an der Plattform des Kultkleinwagens Twingo bedienen könnte, dessen elektrische Markteinführung für 2026 geplant ist. Umgekehrt könnte Volkswagen Renault mit anderen Komponenten versorgen.
Eine andere Option ist, dass der ID.1 – wie sein größerer Bruder ID.2 auch – bei einer VW-Volumenmarke im Ausland, namentlich Seat oder Skoda, produziert werden würde. Allerdings wird dieser Variante in Konzernkreisen wegen der hohen Investitionen wenig Erfolg in Aussicht gestellt. „Ohne Partner wird es schwierig“, heißt es.
Diskussion um Seats elektrische Zukunft
Mit seiner Ibiza-Idee will Carnero zwei Dinge sicherstellen. Erstens dass Seat bei dem 20.000-Euro-Projekt am Ende nicht mit leeren Händen dasteht. Und zweitens dass es eine elektrische Zukunft für Seat als Automarke gäbe. Bislang tragen alle E-Modelle aus dem Hause Seat das Logo des sportlichen Unternehmensablegers Cupra. Immer wieder gab es in der Vergangenheit Diskussionen darum, dass Cupra eines Tages Seat als Marke vollständig ablösen könnte. Sowohl Seat als auch VW haben dem jedoch stets widersprochen. Allerdings ist weiter unklar, ob und wie Seat im Elektrozeitalter als Automarke weiterexistieren wird.
Wirtschaftlich erfolgreich ist Cupra als neue Marke allemal und hat dazu beigetragen, Seat vom Sorgenkind des VW-Konzerns zum verlässlichen Ergebnisbringer zu entwickeln. Schrieben die Spanier 2020 und 2021 noch rote Zahlen, hat die kleinste Pkw-Marke im VW-Reich im abgelaufenen Geschäftsjahr die große Wolfsburger Kernmarke bei der operativen Marge sogar überholt – wenn auch nur knapp. So erzielte Seat/Cupra 2023 eine Umsatzrendite von 4,4 Prozent, die Kernmarke VW landete hingegen bei 4,1 Prozent.
In Unternehmenskreisen heißt es, die Marge bei Cupra sei zwei- bis dreimal so hoch wie die von Seat. Cupra ist in einem höheren Preissegment angesiedelt als die spanische Traditionsmarke Seat, die vor allem Kleinwagen produziert. Die Cupra-Modelle haben vor allem bei jungen Käufern um die 40 Jahre Erfolg, der durchschnittliche VW-Kunde ist dagegen älter.
„Das ist das beste Finanzergebnis in der 73-jährigen Geschichte von Seat“, sagte Seat-Chef Wayne Griffiths bei der Präsentation der Jahreszahlen in Barcelona.
Das Rekordergebnis fuße neben Effizienzeffekten auf dem starken Wachstum von Seat und dem Rekordergebnis von Cupra. Die Marke hatte 2023 etwa 50 Prozent mehr Autos ausgeliefert als noch 2022 und soll bis Ende des Jahrzehnts in die USA expandieren. Der Jahresumsatz der Spanier lag bei 14,3 Milliarden Euro und damit 31 Prozent über dem Jahr zuvor. Das operative Ergebnis betrug 625 Millionen Euro und die operative Marge 4,4 Prozent.
Griffiths kündigte für Ende des Jahres einen Facelift für die beiden Seat-Beststeller-Modelle Ibiza und Arona an. „Mit 40 ist das Leben noch lange nicht vorbei“, sagte Griffiths mit Blick auf die 40-jährige Geschichte des Ibiza. „Glauben Sie mir, ich bin 58 Jahre alt.“
„Es war immer klar, dass die Marke Seat nicht verschwinden wird“, beteuerte Griffiths. „Wir prüfen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, Seat zu elektrifizieren, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür.“