Hall of Fame: Martin und Maximilian Viessmann: Mit doppelter Kraft
Das Unternehmen Viessmann ist im Jahr 2018 um fünf Prozent gewachsen und setzte 2,5 Milliarden Euro um. Der Auslandsanteil des 1917 als Schlosserei gegründeten Unternehmens liegt bei 54 Prozent. Das Familienunternehmen, das sich gerade vom Heizungshersteller zum Anbieter von Lösungen beim Wärme- und Kältebedarf entwickelt, beschäftigt 12.000 Mitarbeiter, davon 6.900 in Deutschland, in insgesamt 23 Werken in zwölf Ländern. Viessmann-Lösungen gibt es in 74 Ländern.
Allendorf. Es ist ein emotionaler Moment, als Martin Viessmann 2017 Bundeskanzlerin Angela Merkel im nordhessischen Allendorf begrüßt. „Viessmann verkörpert den Grundgedanken der Sozialen Marktwirtschaft“, sagt sie.
Sie kommt nicht zu jedem 100. Geburtstag eines Familienunternehmens. Die beiden kennen sich, seit Angela Merkel Umweltministerin war. Viessmann war beim ersten Energiegipfel 2006 dabei und auch beim zweiten, nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima 2011.
Immer wieder hat Viessmann gemahnt: Der Wärmesektor steht für 40 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs, oft aber werde nur über Mobilität und Strom gesprochen. Zudem werde zu viel über die Substitution fossiler Energien geredet statt über Effizienz, also Energie, die man am besten erst gar nicht erzeugen muss.
„Effizienz ist unsere wichtigste und wertvollste Ressource“, lautet seine Überzeugung. Der Wärmesektor sei ein schlafender Riese, hat die Kanzlerin dann Viessmanns Gedanken weitergedacht. Beim 100-jährigen Firmenjubiläum 2017 sagte Viessmann ihr: „Der Riese schläft noch immer.“ Allerdings nicht in Allendorf.
Tatsächlich setzt Martin Viessmann schon früh auf Nachhaltigkeit. Bereits 2012 erfüllt der Heizungshersteller die Standards, die die Bundesregierung für 2050 den Unternehmen ins Aufgabenheft geschrieben hat. „Wer heute keine nachhaltige Marke hat, überlebt nicht“, urteilt der Unternehmer.
1917 Johann Viessmann gründet eine kleine Schlosserei im bayerischen Hof, in der er zunächst Landmaschinen baut. Später repariert er auch Textilmaschinen und Automobile.
Foto: Viessmann1928 baut Johann Viessmann den ersten Heizkessel, angeregt durch die speziellen Bedürfnisse einer örtlichen Gärtnerei. Wenn zu dieser Zeit auch der Gusskessel am weitesten verbreitet war, macht sich Viessmann die Vorteile von Stahl als Baumaterial zu Nutze. Dieser ist druckstabil, liefert schneller die benötigte Wärme und verbraucht somit weniger Brennstoff.
Foto: Viessmann1930 führt Johann Viessmann moderne Schweißtechniken ein und kann somit schneller arbeiten und neue Kesselkonstruktionen entwickeln. Das Thema Energiesparen ist schon damals eine Triebfeder.
Foto: Viessmann1937 verlegt der Unternehmensgründer das Unternehmen an den heutigen Stammsitz in Nordhessen. Die Produktion soll so auf eine breitere Basis gestellt werden. Während des Zweiten Weltkrieges werden in Allendorf Stahlheizkessel gefertigt.
1947 übernimmt Sohn Hans Viessmann den väterlichen Betrieb mit 35 Mitarbeitern. Der gelernte Maschinenschlosser entwickelt neue Heizkessel.
In den 1950er-Jahren wird der Energieträger Koks durch Öl ersetzt, Viessmann setzt auf Stahl, statt Gusskessel. Hans Viessmann entwickelt viele technische Innovationen – aus dem Familienbetrieb wird ein Industrieunternehmen. In den 1960er-Jahren wächst das Unternehmen weiter. 350 Mitarbeiter produzieren anfangs rund 5.000 Kessel jährlich. Gegen Ende der 1960er sind es bereits 1.400 Mitarbeiter, die rund 40.000 Kessel herstellen. Mit Beginn der automatischen Ölfeuerung gewinnt die Regelungstechnik an Bedeutung.
1967: Mit Vitorange wird Viessmanns Markenfarbe eingeführt. In den 1970er-Jahren wird mit der Ölkrise Gas immer wichtiger. Die Auslandsexpansion beginnt in Europa und Kanada. 1976 entwickelt Viessmann entwickelt ein erstes Solarthermiesystem, 1978 eine Wärmepumpe und Biomassekessel.
1979 tritt Martin Viessmann als viertes von fünf Kindern ins Unternehmen ein. Der Betriebswirt wird mit der Zeit zum kaufmännischen Leiter und treibt die notwendige wirtschaftliche Restrukturierung voran. Mit der 2. Ölkrise gerät das Unternehmen in den 80er-Jahren in seine wirtschaftlich schwierigste Phase.
1988: Mit dem von Hans Viessmann entwickelten Tieftemperaturkessel Vitola biferral gelingt ihm ein Meilenstein. Der Wärmeerzeuger wird mehr als eine Million mal verkauft. Der Umsatz erreicht Ende der 1980er-Jahre erstmals die Schwelle von einer Milliarde DM.
1989 wird Martin Viessmann geschäftsführender Gesellschafter neben seinem Vater und promoviert. 1992 übernimmt er die Leitung des Unternehmens. Sein Vater Hans verlässt das Unternehmen und lässt sich in Bayern nieder. Dort kümmert er sich noch um das Werk in Hof, in dem Kältetechnik produziert wird.
Sohn Martin sieht sich mit dem Auslaufen eines Förderprogramms konfrontiert. Der Vater hatte zuletzt 2.500 Mitarbeiter eingestellt, der Sohn muss einigen von ihnen wieder kündigen. Ein schwerer Schritt gleich zu Beginn seiner Amtszeit.
In den 1990er-Jahren werden die Märkte Osteuropas für Viessmann immer wichtiger. Die Branche und auch Viessmann stehen vor einem weitreichenden Strukturwandel, vom Bodengerät zum Wandgerät, von der Heizwert- zur Brennwerttechnologie, vom Öl zu Gas als wichtigsten Energieträger.
Martin Viessmann internationalisiert, setzt die Marke in Szene und steigt ins Sportsponsoring ein. Im Schulterschluss mit dem Betriebsrat wird das Bündnis für Arbeit bei Viessmann geschlossen. Die Mitarbeiter arbeiten 38 statt 35 Stunden pro Woche, um den Aufbau einer Fertigungslinie für neue Gas-Wandgeräte in Allendorf zu ermöglichen.
Als zweites Unternehmen in Deutschland und drittes in Europa wird Viessmann 1995 nach dem Öko-Audit zertifiziert. Ende der 1990er Jahre: Viessmann bietet ein Komplettprogramm für alle Energieträger, also Öl, Gas und erneuerbare Energien (Solar und Biomasse) und für alle Anwendungsbereiche, also für Wohn- Gewerbe- und Industriegebäude.
Foto: PR2000er Jahre: Martin Viessmann führt Lean Production ein, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Standorte sicherzustellen. 2006 liegt der Exportanteil erstmals bei mehr als 50 Prozent. Martin Viessmann beschließt mit marktverfügbarer Technik die damaligen Klimaziele der Bundesregierung für 2050 anzugehen.
Foto: PR2012 erreicht Viessmann mit seinem Nachhaltigkeitsprojekt “Effizienz Plus” diese Ziele: 60 Prozent mehr regenerative Energien, Reduktion der fossilen Energien um 70 Prozent und der CO2-Emissionen um 80 Prozent. Mitte der 2000er Jahre: Viessmann kauft dringend benötigte Technologien zu und wächst fortan nicht mehr nur organisch. 2010er Jahre: Einstieg in die Kältetechnik.
Foto: ViessmannTechnologischer Meilenstein im Jahr 2014: Viessmann bringt als erster Anbieter ein in Serie gefertigtes Brennstoffzellen-Heizgerät auf den Markt. Brennstoffzellen sind effizient, umweltfreundlich und zuverlässig.
Foto: Viessmann2015 tritt Max Viessmann als Vertreter der 4. Generation ins Unternehmen ein, um die digitale Transformation voranzutreiben. 2016/17 wird er Chief Digital Officer, Joachim Janssen wird CEO, Martin Viessmann wird Präsident des Verwaltungsrats.
Foto: Vissmann2017 wird Viessmann 100 Jahre alt und feiert diesen Geburtstag für alle Mitarbeiter und ihre Angehörigen an drei Standorten (Allendorf, Berlin, Hof). Insgesamt nehmen über 15.000 Menschen an der “Familienfeier” teil. Das Technikum wird eingeweiht, mit der größten Einzelinvestition in der Firmengeschichte entsteht ein Innovationszentrum. Die Kanzlerin kommt und sagt: „Viessmann verkörpert den Grundgedanken der Sozialen Marktwirtschaft.“
Mit den Mitarbeitern entwickeln die Viessmanns ein neues Leitmotiv für das Unternehmen: „Wir gestalten Lebensräume für künftige Generationen“.
Das 2017 eröffnete Technikum steigert die Effizienz in Forschung und Entwicklung. Mit der Gründung digitaler Einheiten, auch einem eigenen Venture-Arm und einem Company Builder, wollen die Viessmanns das Kerngeschäft erweitern.
Foto: ViessmannEnde des Jahres wird Max Viessmann Co-CEO neben Joachim Janssen. Martin Viessmann (rechts) ist fortan Chairman des Executive Boards.
Foto: Kim Keibel für HandelsblattDas Unternehmen Viessmann ist im Jahr 2018 um fünf Prozent gewachsen und setzte 2,5 Milliarden Euro um. Der Auslandsanteil des 1917 als Schlosserei gegründeten Unternehmens liegt bei 54 Prozent. Das Familienunternehmen, das sich gerade vom Heizungshersteller zum Anbieter von Lösungen beim Wärme- und Kältebedarf entwickelt, beschäftigt 12.000 Mitarbeiter, davon 6.900 in Deutschland, in insgesamt 23 Werken in zwölf Ländern. Viessmann-Lösungen gibt es in 74 Ländern.
Auch die Digitalisierung beginnt bei dem Familienunternehmen früher als bei anderen, da Sohn Max seinen Vater für die Bedeutung der Digitalisierung sensibilisiert. Spätestens als Google 2014 den Thermostat-Hersteller Nest für 3,2 Milliarden Euro übernimmt, begreift Martin Viessmann, dass sein Unternehmen noch deutlich schneller digitaler werden muss.
Seine Lösung: Sohn Max, studierter Wirtschaftsingenieur mit Erfahrungen als Unternehmensberater bei Boston Consulting und als Business Angel, hat den Blick für die digitale Zukunft und das nötige nachhaltige Gewissen.
Was für viele Familienunternehmen zur Sollbruchstelle in der Historie wird – die familieninterne Nachfolge – sehen Martin und Max Viessmann deshalb als Chance. Sie arbeiten fortan mit der Kraft zweier Generationen an der Zukunft des Unternehmens. Und welche Energie das entfalten kann, bestaunen so manche Mittelständler seitdem.
Selbstverständlich ist dieser Weg nicht. Das 1917 von Johann Viessmann gegründete Unternehmen ist ein Handwerksbetrieb, den sein Sohn Hans 1947 übernimmt und zu einem Industriebetrieb formt. Martin Viessmann bezeichnet seinen Vater Hans daher, obwohl dieser ja bereits die zweite Generation repräsentiert, als „typischen Gründerunternehmer“, der das Unternehmen traditionell hierarchisch führte.
Hans Viessmann ist ein Vollbluttechniker. Schon in den 1970er-Jahren setzt er auf Solarkollektoren und Wärmepumpen, als viele Menschen „Ökos“ noch für Spinner halten. Martin, das vierte von fünf Kindern, studiert Betriebswirtschaftslehre in Erlangen-Nürnberg. Eine Entscheidung, die sich für das Unternehmen noch als wertvoll herausstellen wird. Gleich nach dem Studium ruft Vater Hans seinen Sohn Martin ins Unternehmen, dort steigt er schrittweise zum kaufmännischen Leiter auf.
Generationswechsel
Mit der zweiten Ölkrise gerät das Unternehmen in seine wirtschaftlich schwierigste Phase. Gemeinsam mit seinem Vater restrukturiert Martin das Unternehmen. Sie setzen auf energieeffiziente Produkte und moderne IT. Zusammen gelingt ihnen der Turnaround.
Im Jahr der Wende wird Martin geschäftsführender Gesellschafter neben seinem Vater und beendet seine Promotion. „Es war eine gute Arbeitsteilung“, sagt Martin rückblickend. Doch der Vater will nicht ganz loslassen, umschreibt Martin Viessmann die Situation. Ihm wird klar: Seine eigene Nachfolge will er anders regeln.
Auf der Weihnachtsfeier 1991 schließlich verabschiedet sich Hans Viessmann aus dem Unternehmen. Silvester 1991 endet aber auch eine Förderung für die Modernisierung von Heizungsanlagen. Martin Viessmann, nun allein an der Spitze, muss Stellen abbauen.
In dieser erneut schwierigen Zeit blickt er ganz weit nach vorne; er internationalisiert und steigt ins Wintersport-Sponsoring ein. Unternehmensintern schafft er den ersten Kulturwandel: weniger Hierarchie, arbeitsteilige Geschäftsleitung, Workshops und gemeinsame Erlebnisse mit dem Management gehören fortan dazu. „Ich musste die Mitarbeiter abholen, ich musste sie anders führen, Vertrauen aufbauen“, sagt Martin – vor allem zu den Mitarbeitern aus der Technik, denn Martin ist ja nun mal Kaufmann.
Die Entscheidung, Gaswandgeräte zu produzieren, ist auch so eine Weggabelung im Unternehmerleben. Damals sind die Berufsbilder des Heizungsbauers und des Gas-Wasser-Installateurs noch getrennt, und Viessmann hat kaum Zugang zu den Installateuren.
Die neuen Geräte müssen also besonders montage- und wartungsfreundlich sein, statt unzähliger Einzelteile werden Funktionsbaugruppen verwendet, so dass die Handwerker damit zurechtkommen. „Das war eine Revolution und der Marktdurchbruch“, erinnert sich Martin Viessmann. Dadurch hebt er den Auslandsanteil, der bei seinem Amtsantritt noch bei unter zehn Prozent lag, bis 2006 auf mehr als 50 Prozent.
Die Energiewende sieht er früher als andere, ihm wird klar, dass er Technologien zukaufen muss. Und er tut es tatkräftig: Wärmepumpen, Blockheizkraftwerke, Holzfeuerungsanlagen, Solarenergie und Biogastechnologie. Das betrifft aber auch die Produkte und die Produktion: Heute zeigt das Energie-Cockpit in der Unternehmenszentrale an, wie regenerativ Viessmann in Echtzeit produziert.
Mit Lean Production wird die gesamte Produktion neu aufgebaut; Gas, Wasser, Druckluft und Strom kommen von oben, unten – in der Werkshalle – können Prozesse stetig optimiert werden. Die Produktivität steigt um mehr als 15 Prozent. Die Motivation: Als Familienunternehmen, das in der Mitte Deutschlands produziert, muss man wettbewerbsfähig bleiben, um die Arbeitsplätze zu sichern. Am Standort Allendorf zweifelt er nie.
Ulrich Bettermann, Geschäftsführer von OBO Bettermann, kennt Martin Viessmann seit rund 40 Jahren, er teilt mit ihm die Liebe zum Fliegen. Martin Viessmann, der einen Pilotenschein besitzt, flog auch mal Henry Kissinger im Auftrag von Bettermann.
„Martin ist zu 100 Prozent verlässlich und hat das Unternehmen in seiner Amtszeit weit nach vorne gebracht“, sagt Bettermann. „Auch weil er immer ans Geschäft denkt.“ Er habe die Zeichen der Zeit immer früh erkannt und auch den Übergang zu seinem Sohn frühzeitiger als andere eingeleitet. „Martin verfügt über das wichtige Bauchgefühl des erfahrenen Unternehmers.“
Das bestätigt auch der Gesamtbetriebsratsvorsitzende, Matthias Godziek, der ihn seit 30 Jahren kennt. „Martin Viessmann ist eine Persönlichkeit, die Mut zur Entscheidung hat.“ Er habe Betriebsrat und Belegschaft „früh mitgenommen, einbezogen“, sagt dieser, der seit 2009 dem Gesamtbetriebsrat vorsitzt und die konstruktive Zusammenarbeit schätzt.
„Bisher gab es keinen Ärger – auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren.“ Es sei völlig normal, ihn in der Kantine zu treffen, auch wenn er natürlich eine Respektsperson sei. „Wir haben ein gutes Verhältnis.“
Martin Viessmann selbst sieht sich als sehr fordernd. „Geduld gehört nicht zu meinen Tugenden“, sagt er. Er sei sehr umsetzungsorientiert und neige „eher zur Erfolgskontrolle“. Zum vollständigen Bild gehöre aber auch, dass er „sehr empathisch sein kann“. Bei seinem 40. Dienstjubiläum bekommt er die ganze Empathie zurück. Die Mitarbeiter ehren ihn mit einem selbst produzierten Film, vielen Geschenken und einer Überraschungsparty. Daran erinnert er sich sehr beglückt.
Selbstironie ist die Hohe Schule
Selbstreflexion ist eine Tugend für einen Unternehmer, Selbstironie die Hohe Schule. Als zum 100. Firmenjubiläum der neue Imagefilm herauskommt, zeigt sich das. Am Ende des Films kommt Max in Papas Büro. „Du wolltest mich sprechen?“ Vater Martin antwortet: „Ich habe einen Brief an die Mitarbeiter geschrieben.“ Der Sohn: „Und jetzt hast du ein Problem mit dem Mailprogramm?“
Der Vater blickt auf zig gelbe Post-Kisten voller weißer Briefe und fragt: „Wieso Mailprogramm?“ Martin Viessmann weiß, wann die Zeit für eine neue Generation gekommen ist.
Als Max 18 ist, führt der Vater die ersten konkreten Gespräche mit ihm und fragt ihn, ob er sich vorstellen könne, in der Firma Verantwortung zu übernehmen. Max antwortet mit Ja. Während er das Abi locker schafft, geht es im Studium zum Wirtschaftsingenieur in Darmstadt nicht immer so glatt.
Einige technische Klausuren mit hohen Durchfallquoten gelingen auch ihm nicht im ersten Anlauf. Wie bei den vielen Sportarten, die er betreibt, Fußball, Motocross, Downhill oder Boardercross, lernt er auch dort, wie sich Scheitern anfühlt. Und er lernt, schnell wieder aufzustehen.
Bei der Boston Consulting Group ist Max froh, dass er eher strenger als andere beäugt wird, sein Nachname ihm keine Vorteile bringt und er von seinen „starken Kolleginnen und Kollegen“ lernen kann. Er bewegt sich in der Venture-Capital-Szene in Asien und Europa und ist dort ein gefragter Gesprächspartner. Eigentlich möchte er noch in einer größeren Tech-Company in Asien oder Amerika weitere Erfahrungen sammeln.
Als er jedoch 2015 zusammen mit seinem Vater in den Bergen ist, kommt es zu einem einschneidenden Gespräch, erinnert sich der heute 30-Jährige. Sein Vater und er hätten die vielen Opportunitäten in digitalen Technologien gesehen, aber auch, dass Viessmann davon noch nicht profitiere. Vater und Sohn diskutieren. Am Ende ist klar: Ohne Digitalisierung wäre die Vergangenheit von Viessmann länger als die Zukunft.
Die Idee: Max kommt für ein halbes Jahr ins Unternehmen und führt dann seine Lernkurve woanders fort. Doch „als ich die Füße über die Schwelle ins Unternehmen gesetzt habe, war die Leidenschaft einfach zu groß, um wieder zu gehen“. Und er fügt an: „Ich bereue absolut nichts.“
Max ist wichtig, dass auch Nachfolger ihrem Vorgänger mit der nötigen Demut und Kooperationsbereitschaft begegnen. „Dann ist ein Generationswechsel eine echte Chance.“ Sein Vater jedenfalls habe sich klar hingestellt und gesagt: „Mein Sohn hat mein volles Vertrauen. Auch wenn er vieles infrage stellt, stehe ich voll dahinter.“ Das war ein Statement, das viel geholfen hat, ist Max überzeugt.
„Wir gestalten Lebensräume für künftige Generationen“
Er sieht bei sich eine ähnliche unternehmerische Ungeduld, wie sie auch sein Vater sich selbst zuschreibt. Er sei aber immer bedacht, „Augenhöhe mit allen herzustellen“, ganz gleich, was die Mitarbeiter – er nennt sie Familienmitglieder – im Unternehmen machen.
Hinzu käme, dass er zwar nicht harmoniebedürftig sei, aber doch finde, man solle gut miteinander auskommen. Es sei durchaus vielschichtig in einem Familienunternehmen. Einerseits müsse die Performance stimmen, andererseits müsse man das Vertrauen haben, auch scheitern und lernen zu können.
Klar ist: Beide, Martin und Max Viessmann, haben viel investiert, finanziell, persönlich, aber auch in Kommunikation und Transparenz. Sie legen viel Wert auf Werte. Sie haben früh begriffen, dass die Transformation eines Unternehmens mit 2,5 Milliarden Euro Umsatz dann gelingt, wenn man die Mitarbeiter mitnimmt.
Max diskutiert mit allen 12.000 jeden Monat in sogenannten „State of the World“- Meetings, was das Unternehmen antreibt. Im Rahmen des 100. Firmenjubiläums entwickelten sie mit den Mitarbeitern ein Leitmotiv: „Wir gestalten Lebensräume für künftige Generationen.“
In zehn Jahren soll der Auftrag zu 100 Prozent erfüllt sein, sagt Martin Viessmann. Zurzeit sei man bei 30 Prozent. Er arbeitet heute anders und sagt, freimütig: „Was ich nicht mehr habe, ist der Druck.“ Das falle auch seinem Umfeld auf. Sein Sohn trägt die Last nun mit.
„Das Unternehmen hat viel in interne Kommunikation und Agilität investiert. Sie wollen die Menschen wirklich mitnehmen.“ Die Viessmann-Mitarbeiter-App V2go sei der direkte Draht auf die Smartphones aller Mitarbeiter, egal, ob sie in der Fertigung oder am Schreibtisch arbeiten.
Christian Berner, Vorstandschef der Berner Group, der ähnlich jung an die Firmenspitze rückte, findet, dass Unternehmertum im Kern zwei Dinge beinhalte: weiter vorausdenken und konsequenter entscheiden als andere.
„Max Viessmann ist einer der stärksten Vorausdenker, die wir aktuell in der europäischen Unternehmerlandschaft haben“, ist Berner überzeugt. Ein großes Lob für den jungen Firmenchef, der 2016 Chief Digital Officer und Ende 2017 Co-CEO neben Joachim Janssen wurde.
Seit 2019 hat er darüber hinaus die direkte Verantwortung für den größten Geschäftsbereich. Bodenhaftung ist da wichtig. „Die Erziehung meiner Eltern mit klaren Werten hat die Basis geschaffen. Darüber hinaus sind meine Frau und unser Nachwuchs ein wesentlicher Ankerpunkt.“
Höhenflüge machen Martin und Max nur im Flugzeug. „Wir feiern Erfolge“, sagt Max. „Aber danach wissen wir, dass wir wieder hart arbeiten müssen.“