Hidden Champion Wilo: Von Pumpen und Pionieren
Die kleinste Pumpe im Wilo-Werk misst gerade einmal 30 Zentimeter, die größte kommt auf 15 Meter und wird in Kraftwerken verwendet.
Foto: dpaDortmund. Es ist ein historisch geprägtes Gebiet – bislang eher mit schlechten als mit guten Erinnerungen verbunden. Doch im Schatten des denkmalgeschützten Hoesch-Gasometers im Dortmunder Süden verbirgt sich ein deutsches Vorzeigeunternehmen: der Pumpenspezialist Wilo. Anders als der einst weit über die Grenzen hinaus bekannte Stahlkocher, der 1991 mit der feindlichen Übernahme durch Thyssen-Krupp quasi Geschichte wurde, herrscht bei Wilo seit langem Aufbruchstimmung. Der Hauptsitz des Unternehmens wird gerade kräftig ausgebaut – das ist auch ein klares Bekenntnis zum Ruhrgebiet.
„Wir glauben an die Stärke der Region“, versichert Oliver Hermes, Vorstandsvorsitzender von Wilo, dem Handelsblatt. „Und wir investieren als eines der wenigen Unternehmen in das produzierende Gewerbe.“
Wilo gehört zu den weltweit führenden Anbietern von High-Tech-Pumpensystemen, die überall da gebraucht werden, wo Wasser bewegt wird. Die kleinste Pumpe im Werk misst gerade einmal 30 Zentimeter, die größte kommt auf 15 Meter und wird in Kraftwerken verwendet. Zu den Kunden gehören Heizungsbauer wie Vaillant und Stiebel-Eltron, die die Pumpen beispielsweise in ihre Boiler einbauen. Viele Menschen wissen aber nicht einmal, dass sie Wilo-Produkte bereits in ihrem eigenen Haus haben.
Den Antrieb der Pumpen baut Wilo selbst und ist so einer der größten Hersteller von Elektromotoren in Europa. Weltweit beschäftigt das Unternehmen mehr als 7.000 Mitarbeiter in über 60 Produktions- und Vertriebsgesellschaften. Wilo profitiert von Megatrends wie dem Drang der Menschen in die Städte oder dem weltweit steigenden Wasserbedarf. Zentrale ist und bleibt aber Dortmund. Der Standort wird mit 30 bis 50 Millionen Euro modernisiert – das ist viel für die einstige Bergbauregion. Das Bauvorhaben soll bis 2020 abgeschlossen sein.
Wilo wurde an gleicher Stelle 1872 von Caspar Ludwig (Louis) Opländer gegründet – ein Jahr später als Hoesch. Damals firmierte das Unternehmen noch unter Kupfer- und Messingwarenfabrik und fertigte Destillerieanlagen für die Getränkeindustrie. Sein Ruf als Innovationsführer leitet sich aus der Historie ab: Schon 1928 entwickelte das Unternehmen die erste Heizungspumpe der Welt. 2001 brachte Wilo die erste Hocheffizienzpumpe der Welt auf den Markt, 2009 das erste dezentrale Pumpensystem.
Heute ruht das Geschäft auf drei Säulen: Gebäudetechnik, Wasserwirtschaft und industrielle Anwendungen, etwa in der Metallverarbeitung und im Energiesektor. Zurzeit treibt Wilo-Chef Hermes vor allem die Serviceorientierung und die Abstimmung auf die Kundenbedürfnisse voran.
„Wir sind kein reiner Komponentenhersteller, sondern entwickeln uns immer mehr zum Systemanbieter“, betont der Wilo-Chef. Das sei wichtig, weil auch die asiatischen Pumpenhersteller stärker würden. Daher reiche es nicht, die neuesten und innovativsten Produkte zu haben, sondern es müsse Mehrwert für die Kunden geschaffen werden. „Nicht nur in den reifen Märkten, sondern auch in den Emerging Markets wird es immer wichtiger, einen starken Service zu haben“, erklärt Hermes.
In deutschen Haushalten ließen sich laut Wilo durch Hocheffizienzpumpen für die Heizung bis zu 166 Euro Stromkosten sparen.
Noch ist Deutschland zusammen mit der Schweiz und Österreich die wichtigste Region. Allerdings gilt der Pumpenmarkt als gesättigt. Die deutschen Pumpenhersteller haben nach Angaben des Fachverbands VDMA im vergangenen Jahr ihre Umsätze um zwei Prozent gesteigert und rechneten Anfang Mai noch mit einem Umsatzwachstum von einem Prozent. Im ersten Halbjahr lagen die Bestellungen für Pumpen und Systeme laut VDMA allerdings um sechs Prozent unter dem Vorjahresniveau. „In einigen Märkten steht alles still“, konstatierte gerade erst auch der dänische Wilo-Konkurrent Grundfos.
„Wir profitieren in Dortmund aber nicht nur vom Wachstum im eigenen Land, sondern auch vom Wachstum beispielsweise in den osteuropäischen EU-Staaten“, erklärt Hermes die geplanten Investitionen im Ruhrgebiet. Und vom Hauptsitz schickt Wilo seine „Pioniere“ in die ganze Welt. Sie entwickeln neue Standorte.
Stark ist Wilo bereits in der Türkei, in China und in Südkorea. Nachholbedarf sehen die Dortmunder in Lateinamerika, in Zentral-, West- und Ostafrika. „Wir gehen jetzt in die Emerging Markets der zweiten Generation“, sagt Hermes. Seine „Pioniere“ sondieren den Standort und schaffen die Basis für Geschäfte. Mit wachsendem Umsatz wird aus der Niederlassung – vielleicht – eine Tochtergesellschaft.
Wie schnell das Geschäft wächst, zeigt das Beispiel Nigeria. Hier hat der Manager Cyril Ogu Pionierarbeit geleistet. Er ist im November 2010 angetreten, hat den Markt analysiert und Kontakte geknüpft. Knapp ein Jahr später ist Wilo in Nigeria offiziell gestartet. Im vergangenen Jahr wurde am Ogun River eines der größten Wasserwerke Afrikas mit Wilo-Pumpen ausgestattet.
Sorgen bereitet dem Unternehmen die Entwicklung in der Ukraine-Krise. Langfristig will der Pumpenbauer 25 bis 30 Millionen Euro in ein neues Werk in Moskau investieren; der Beschluss wurde schon vor der Krise gefasst. Der erste Spatenstich ist bislang für Ende dieses Jahres geplant. „Schon heute generieren wir rund 100 Millionen Euro Umsatz in Russland“, sagt Hermes. Das entspricht knapp zehn Prozent des letztjährigen Gesamtumsatzes von 1,23 Milliarden Euro. Wilo hofft daher kurz- bis mittelfristig auf eine politische Entspannung. Die Sanktionen treffen die Dortmunder bisher nicht, da sie keine Pumpen für die Rüstungsindustrie herstellen.
Die treibenden Faktoren des Geschäfts leitet Hermes aus den aktuellen Megatrends ab: Globalisierung, Urbanisierung, technologischer Fortschritt, Wassermangel, Energieeffizienz und Klimawandel. „Die Pumpen müssen immer intelligenter werden“, sagt er. Das gelte für die etablierten und die sich entwickelnden Märkte gleichermaßen.
„Rund 90 Prozent der Pumpen in Gebäuden in Europa sind veraltet“, kritisiert der Wilo-Chef. Das sollte seiner Ansicht nach ebenfalls ein Ansatz im Zuge der Energiewende sein. „Ein Austausch würde allein in Deutschland vier mittelgroße Kohlekraftwerke einsparen“, rechnet er das immense Einsparpotenzial vor. In deutschen Haushalten ließen sich durch Hocheffizienzpumpen für die Heizung bis zu 166 Euro Stromkosten sparen. Eine Investition, die sich in der Regel innerhalb von zwei Jahren amortisiert.
Davon würde Wilo natürlich profitieren und seinem ehrgeizigen Ziel ein Stück näherrücken: Bis 2020 will der Pumpenspezialist den Umsatz auf zwei Milliarden Euro steigern. „Doch wir wollen nicht wachsen um des Wachstums willen“, sagt Hermes. Eine Rendite von durchschnittlich zehn Prozent gilt als gesetzt. Das laufende Jahr entwickelt sich für Wilo bisher zufriedenstellend: „Wir bewegen uns in der Nähe des Rekordniveaus und erwarten weiteres Wachstum“, sagt Hermes. Dabei verlässt sich das Unternehmen nur auf die eigene Stärke, ein Börsengang steht nicht auf dem Programm; die Aktienmehrheit liegt ohnehin in der Familienstiftung. „Wir finanzieren uns selbst, das ist auch Teil unserer Strategie.“