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Nagel-GroupKehrseite der Sparsamkeit: Europas größter Lebensmittel-Spediteur ringt um Kapazitäten

Nagel spürt die Folgen der rigiden Sparmaßnahmen, mit denen CEO Carsten Taucke das Unternehmen durch die Coronakrise brachte. Die hohe Nachfrage kann kaum bedient werden.Christoph Schlautmann 16.08.2022 - 11:15 Uhr Artikel anhören

Der CEO der Nagel-Group plant nach der abgeschlossenen Sanierung, in das Geschäft mit der Direktbelieferung von Verbrauchern einzusteigen.

Foto: Nagel/Andre Zelck

Hamburg. In der Coronakrise rettete die Sparsamkeit den Speditionskonzern Nagel-Group vor einem drohenden Geschäftseinbruch. Mitten in der Pandemie gelang es dem Familienkonzern 2020 sogar, sein Betriebsergebnis um 60 Prozent zu verbessern. Der mit zwei Milliarden Euro Umsatz nach eigenen Angaben größte Lebensmittellogistiker Europas hatte schon im Jahr zuvor begonnen, Stellen abzubauen. Nun kündigte er noch Subunternehmern und ließ Lkw-Verbindungen ausfallen.

CEO Carsten Taucke fuhr den Betrieb wegen der Lockdowns teilweise herunter. Den in der Bilanz ausgewiesenen „Materialaufwand“, im Wesentlichen die Entlohnung von Lkw-Subunternehmern, drosselte er so um mehr als zwölf Prozent. „Wir haben auf Extrareserven verzichtet und dadurch die Profitabilität verbessert“, erklärt der Manager. Während der Pandemie sei dies schon deshalb unvermeidlich gewesen, weil kaum noch Hotels, Restaurants oder Kantinen zu beliefern waren.

Nagel-Group ringt nach Corona-Sparmaßnahmen um Kapazitäten

Im westfälischen Versmold, wo Kurt und Rudolf Nagel die Transportfirma 1935 unter dem Namen „Gebr. Nagel“ gründeten, fühlte man sich im vergangenen Jahr im Sanierungskurs bestätigt, der Rohertrag stieg. Heute aber rächt sich das Streichprogramm, Firmenchef Carsten Taucke kämpft seit Wochen mit den Folgen. „Wir wären froh, wenn wir mehr Subunternehmer fänden“, sagt er.

„Unsere Transportvolumina liegen aktuell deutlich über dem Vorjahr“, berichtet der CEO zwar. Allein in Deutschland sei die Tonnage, also die insgesamt bewegte Warenmenge, im Juli 2022 im Vergleich zum Vorjahreswert um fast 14 Prozent gewachsen. Überbordender Jubel kommt bei ihm dennoch nicht auf. „Weil die hohe Nachfrage unsere Transport- und Lagerkapazitäten stark strapaziert, bringt dies die Kostenstrukturen durcheinander“, sagt er. Das bereinigte Betriebsergebnis könnte dadurch womöglich leicht unter den Vorjahreswert von rund 65 Millionen Euro sinken.

Auch auf Kundenseite sorgen die Engpässe für Ärger. „Es kommt vor, dass die Ware bei unseren Lieferanten stehen bleibt“, berichtet ein Einkäufer eines Kölner Handelskonzerns. Zum Teil müsse sie dann vernichtet werden, weil bei schnell verderblichen Artikeln wie etwa Salat das zugesicherte Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mehr einzuhalten sei.

Der Spediteur baut nach der Restrukturierung das Geschäft wieder aus.

Foto: Frederik Dulay-Winkler

Der Boom in der Lebensmittelzustellung, der für die Lieferschwierigkeiten sorgt, dürfte angesichts von Ukrainekrieg und hoher Inflation selbst Logistikexperten überraschen. Die Teuerung hatte die realen Umsätze der Supermärkte laut Statistischem Bundesamt zuletzt um 7,2 Prozent gedrückt.

In Versmold spürt man davon nach eigenen Angaben jedoch nichts. Nagel liefert rund ein Fünftel aller Lebensmittel an Hotels, Restaurants und Kantinen. Weil viele von ihnen 2021 ihren Betrieb noch massiv einschränken mussten, schnellte ihr vergleichbarer Umsatz im Mai 2022 gegenüber dem Vorjahresmonat um enorme 127 Prozent nach oben. Neuere Daten fehlen bislang.

Nagel baut das Geschäft wieder aus und investiert massiv in die IT

Der vor allem mit Kühllastern aus 130 eigenen Kühlstandorten operierende Spediteur baut das eigene Geschäft massiv wieder aus. Neue Umschlagzentren in Bochum, Nürnberg, Hamburg sowie im Münchener und Allgäuer Raum sind ebenso im Bau wie in Polen, Dänemark und Österreich. 150.000 Quadratmeter Lagerfläche kommen allein in den nächsten Monaten hinzu.

Auch mit vielen neuen Trailern, Gabelstaplern und Lieferverbindungen will die Nagel-Group die Engpässe beseitigen – neben erheblichen Investitionen in die IT. Zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro hat sich der CEO von den Familiengesellschaftern als Investitionssumme in den nächsten zehn Jahren zusichern lassen. Nagel wird damit im Jahr weit mehr investieren, als der Spediteur in den vergangenen Jahren als Betriebsgewinn verdient hat.

Die investierten Mittel muss das Unternehmen auch wieder erwirtschaften. Die Grundlage dafür hat Taucke mit einem umfangreichen Konzernumbau geschaffen. Der CEO wechselte Ende 2018 von Imperial Logistics nach Versmold, nachdem die Nagel-Group 2017 einen operativen Verlust geschrieben hatte.

Zugmaschine und Fahrer stellen für das Versmolder Unternehmen meist Subunternehmer.

Foto: Frederik Dulay-Winkler

Taucke verkaufte die mäßig profitablen Landesgesellschaften Niederlande, Belgien, Italien und Großbritannien an den französischen Wettbewerber Stef Group. Seitdem teilen die Unternehmen sich den europäischen Markt faktisch auf. Per Kooperationsabkommen vereinbarten die beiden Speditionskonzerne zudem, in den eigenen Ländern die Zustellungen für den jeweils anderen zu erledigen.

So hielt Nagel trotz des Verkaufs der britischen Konzerntochter Langdon etwa den Kunden Storck („Merci“, „Werthers“, „nimm2“), für den die britische Insel einer der stärksten Auslandsmärkte ist. Die Nagel-Group überwacht die Sendungen des Süßwarenherstellers aus Versmolds Nachbarstadt Halle (Westfalen) nun weiterhin. Ausgeführt aber werden die Lieferaufträge jenseits des Ärmelkanals vom Geschäftspartner Stef.

Taucke unterzog auch die defizitären Konzerndivisionen Osteuropa (Tschechien, Slowakei, Ungarn) und Nordeuropa (Dänemark, Norwegen) einer harten Sanierung. „Es gab dort viel zu große Standorte, und das meist an falscher Stelle“, sagt er rückblickend. Das habe man geändert. Zudem ordnete er einen Personalabbau an. „Heute ist Osteuropa nach Deutschland der zweitprofitabelste Markt des Unternehmens“, sagt Taucke.

Spedition Nagel-Group erklärt Sanierung für beendet

Der in Münster wohnende 57-Jährige hält die Sanierung der Nagel-Group damit für abgeschlossen. Doch dabei soll es nicht bleiben. Ende 2021 übernahm das Unternehmen zu einem ungenannten Kaufpreis die Firma B+S Logistik im nahen Borgholzhausen, einen Dienstleister für sogenannten „Quick Commerce“ mit 100 Millionen Euro Jahresumsatz und 1000 Mitarbeitern. So könne man künftig in ein völlig neues Segment expandieren: die eilige Zustellung von Lebensmitteln an Endverbraucher.

Bislang kommissioniert und verschickt B+S nur Onlinebestellungen aus dem Non-Food-Sortiment, etwa Gasgrillgeräte, Kochhandschuhe oder Räucherbretter für den Hersteller Grillfürst. Doch künftig will Nagel den Neuerwerb nutzen, um zusätzlich Lebensmittel an private Haushalte zu versenden. Den ersten Firmenkunden habe man dazu bereits gefunden, berichtet Taucke: ein Unternehmen aus der Molkereibranche.

Das ist ein völlig neues Geschäftsmodell für den Versmolder Speditionskonzern. Denn bislang beliefert Nagel vor allem Supermärkte und Kantinen mit großen Lkws. Diesen Markt teilt sich der Konzern im Wesentlichen mit den Konkurrenten Dachser und Nordfrost.

Für das neue Geschäft müsse die Nagel-Group „ganz andere Transportmittel einsetzen“, sagt Taucke, „eventuell sogar einzelne Städtemodelle konzipieren“.

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Dass der bisherige Sanierer dennoch über eine möglicherweise kostspielige Expansion nachdenkt, begründet er mit erfolgreichen Vorbildern in Schanghai oder Südkorea: „Wir glauben daran, dass sich hier etwas entwickelt.“

Erstpublikation: 15.08.22, 14:46 Uhr.

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