Freight-Tech: So will das türkische Start-up Yolda den deutschen Logistikmarkt aufmischen
Murad Özsert (links) und Volkan Özkan wollen die Logistik für kleine Frachten vereinfachen.
Foto: PressebildIstanbul. Gerade der Versand kleiner Gütermengen ist für viele Firmen nur mit viel Aufwand zu organisieren. Volkan Özkan und Murad Özsert haben eine Idee, wie es besser gehen könnte. Ihr Start-up heißt „Yolda“, auf Türkisch heißt das „unterwegs“ oder „auf Achse sein“. Die beiden Gründer wollen Firmen und Spediteure digital zusammenbringen und so die Logistik vereinfachen.
Yolda ist auf kleinere Lieferungen zwischen Firmen spezialisiert, insbesondere auf sogenannte Teilladungen (Less than truckload, LTL). Das Potenzial im deutschen Markt schätzen die beiden Gründer auf rund eine Milliarde Euro.
Über die Yolda-App können Versender ihren Frachtauftrag inklusive Route einstellen und erhalten umgehend drei Angebote. „Wir nutzen maschinelles Lernen, um in Echtzeit Preise über verschiedene Börsen vergleichen zu können“, erklärt Co-Gründer Özkan im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Preise sollen wettbewerbsfähig sein, betont er. Spediteure können sich im Gegenzug ebenfalls bei der Plattform anmelden und sehen die Anfragen der Versendefirmen.
Anschließend können die Versender ihre Sendung direkt über die App buchen. „Alles – ob Angebotsauswahl, Paketverfolgung, Auftragsverwaltung oder Bezahlung – ist komplett digital und kommt von einem einzigen Anbieter“, erklärt Özkan. Die mitunter lange Angebotsrecherche und der anschließende Papierkram entfallen. Auch Telefonanrufe oder E-Mails seien nicht nötig, die App übernimmt den Rest.
Kurz vor Beginn der Pandemie ist das Unternehmen gestartet – zunächst in der Türkei. Nun wollen die beiden Gründer auch in Deutschland Fuß fassen. „Der Handel zwischen beiden Ländern ist immens, hier steckt großes Potenzial“, so Özkan.
Der türkische Tech-Sektor wächst
Der türkische Tech-Sektor wächst stetig. Trotz der autoritären Politik der türkischen Regierung und einer Rekordinflation von derzeit 70 Prozent fördern zwei Umstände die Gründung neuer Unternehmen: Die Bevölkerung ist jung und digitalaffin. Darüber hinaus sorgt die ökonomisch herausfordernde Lage dafür, dass Unternehmen ein höheres Risiko eingehen können – und so mitunter auch schneller skalieren. Von diesem Umfeld hat zuletzt auch Yolda profitiert.
Ein Verkaufsbüro in Köln haben die beiden Yolda-Gründer bereits aufgebaut. Konkrete Kundennamen will der 36-jährige Özkan nicht nennen. Doch die App werde von Kunden in zahlreichen Branchen eingesetzt – vom Ersatzteilehersteller über die Möbelindustrie bis zu Nahrungsmittelproduzenten und Maschinenbauern, erläutert Özkan auf Nachfrage. Zehn neue Kunden habe man im April gewonnen, 30 im Mai und 70 im Juni.
Der Umsatz der Logistik in Deutschland steigt seit Jahren an. Insgesamt lag das Marktvolumen im Jahr 2019 laut Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) bei über 114 Milliarden Euro. Dazu zählt auch der Transport per Schiene sowie von großen Gütern und Lieferungen an Privatpersonen.
Özkan selbst hat seine Erfahrungen in der Logistikbranche während seines Studiums in Frankfurt gesammelt. Als Werksstudent bei DHL erlebte er, „wie kompliziert und arbeitsintensiv Logistikprozesse sind“, erinnert er sich. Damals unterstützte er die Disponenten, die für Paket- und Frachtsendungen Spediteure mit freier Ladefläche finden mussten. „Das bedeutete viel Arbeit am Telefon, Preise vergleichen, Angebote abwarten.“
Er sei damals verwundert gewesen, wie viele Lastwagen leer durch Europa fahren. „Das war mir vorher nicht bewusst“, so Özkan. Da die An- und die Ausgangslogistik jedoch oft unterschiedlichen Mustern folgen, fehle den Lkws oft eine Rückfracht. „Das ist ineffizient, verursacht unnötige Kosten für den Spediteur und erzeugt vermeidbare CO2-Emissionen.“
Fünf Millionen für die Expansion nach Deutschland
Digitale Erfahrung sammelte Özkan nach dem Studium beim türkischen Online-Bezahlanbieter Iyzico. Als er die Kündigung einreichte, fragte ihn der Gründer des Unternehmens, ob er ihn irgendwie weiter fördern könne. Özkan zögerte nicht lange und schilderte ihm seine Idee. Der ehemalige Chef war überzeugt.
Zuerst erhielten die beiden für diese Idee rund drei Millionen Euro, unter anderem vom türkischen Wagniskapitalgeber Collective Spark sowie von Speedinvest aus Österreich. In der Türkei waren die beiden so erfolgreich, dass sie schnell ein größeres Büro finden mussten. Nach nur einem Monat reichte der angemietete Platz in einem Co-Working-Space nicht mehr aus. „Wir hatten nicht erwartet, dass unsere Plattform so erfolgreich sein würde.“
Es sei eine Herausforderung gewesen, die Unternehmensstrukturen in diesem Tempo weiterzuentwickeln. „Wir haben phasenweise jede Woche neue Kollegen eingestellt.“ Für die Expansion nach Deutschland haben die beiden Gründer nun noch einmal weitere fünf Millionen Euro erhalten. Damit müssen sie nun hierzulande auf Mitarbeitersuche gehen.