Drogeriemarkt-Erbe Raoul Roßmann: Schicht im Schacht
Der Firmenlenker in zweiter Generation muss sich gegen externe Rivalen in Position bringen.
Foto: picture alliance/dpaBurgwedel. Einigkeit demonstrieren, das können sie, diese Roßmanns. Dirk Roßmann scheint auf die Frage, ob es ihn nicht in den Ruhestand drängt, gewartet zu haben. „Ich mache hier mit meinen 70 Jahren Dinge, mit denen ich Raoul wirklich helfe. Schließlich soll er ja auch mal Urlaub machen können. Und wenn er irgendwann sagt: Papa, spiel ab sofort dreimal die Woche Tennis statt nur einmal, mache ich das sofort“, dröhnt der Unternehmer. „Raoul, sag doch auch mal was dazu!“, ruft er seinem Sohn zu. Der antwortet folgsam: „Ich hatte noch gar keinen Urlaub dieses Jahr. Du kannst ruhig noch mehr arbeiten.“
Vater und Sohn Roßmann werden in der Geschäftsführung ihrer Drogeriekette von externen Gegnern zusammengeschweißt: Obwohl Rossmann mit über 300 Millionen Euro Jahresgewinn und einer Eigenkapitalquote von über 50 Prozent gut läuft, droht Ungemach. Mitten in einem Preiskrieg mit dm, der das Wachstum abwürgt, verbündet sich die Hamburger Zwerg-Kette Budni mit dem Riesen Edeka. Budni, das die Roßmanns schon als übernahmereif geschossen ansahen, könnte zum bundesweiten Rivalen werden.
Die kommende Aufgabe von Raoul Roßmann wird sich so oder so vom Lebenswerk seines Vaters deutlich unterscheiden. Der gelangte durch immer neue Eröffnungen von Filialen zu rasantem Wachstum. Lange lag das Umsatzplus jedes Jahr bei mehr als zehn Prozent. Doch diese Zeiten sind seit 2013 vorbei. Im vergangenen Jahr legte Rossmann nur noch um 6,3 Prozent auf 8,4 Milliarden Euro zu, ohne Neueröffnungen in Polen und der Türkei wäre die Rate noch niedriger. „In wenigen Jahren werden wir nur noch so stark wachsen können wie der Lebensmittelhandel in Deutschland insgesamt“, prophezeit Raoul Roßmann. Das wäre irgendwo um zwei Prozent. Statt um viele neue Filialen geht es im voll besetzten Markt nun darum, auf bestehender Fläche möglichst viel zu verdienen.
Seit zweieinhalb Jahren ist der 31-jährige Raoul Roßmann Co-Geschäftsführer und Kronprinz bei der Drogeriemarktkette, die sein Vater 1972 in Hannover gegründet hat. Noch vor der Erbschaftsteuerreform hat ihm der Vater die meisten Anteile der Familie übertragen. 40 Prozent liegen beim chinesischen Konzern Hutchinson. Hinter dm ist Rossmann die zweitgrößte Drogeriekette Deutschlands.
Exklusive Lieferanten
Als Leiter von Einkauf und Marketing holt der Sohn jetzt auf, wo sein Vater gegenüber dm an Boden verloren hat: bei jungen, kosmetikverrückten Frauen. Die Youtube-Generation mag die hellen dm-Märkte mit ihrem breiten Make-up-Angebot deutlich lieber. Die Konkurrenzkette arbeitet zum Beispiel schon seit Jahren eng mit L’Oréal zusammen und bekommt Trendmarken so exklusiv geliefert. Künftig, so war zu lesen, will dm noch mehr Produkte von Zulieferern, die nur in ihren Regalen zu finden sind – und sich so dem tosenden Preiskampf entziehen. „Ich habe mit Exklusivität kein Problem, wenn sie fair ist“, sagt Raoul Roßmann dazu. Soll heißen: Wer exklusive Artikel für dm herstellt, soll andere exklusive Produkte für Rossmann bereitstellen. „Ich kann den Lieferanten nur sagen, dass es andernfalls zu Problemen in unseren guten Beziehungen kommen kann“, wettert er. „Wir finden Mittel und Wege, unsere Interessen durchzusetzen.“
Vom Vater unterscheidet sich Raoul Roßmann nicht im klaren Ton, aber in der Herangehensweise. Während der Ältere ein Selfmade-Unternehmer ist, konnte sich der Sohn akribisch vorbereiten: duales Studium im Unternehmen, ein Master an der University of Westminster. Die Ausbildung hinterlässt Spuren: Er geht die Aufgaben strukturierter an als der Gründer. Schrittweise baut er die Sortimente um: mehr Make-up rein, mehr Bio-Lebensmittel, auch vom einstigen dm-Partner Alnatura, mehr Spielzeug. Dafür gibt es kaum noch CDs, Bücher und Ordner. Das passt auch zu Raoul Roßmanns wichtiger Mission: den Sprung ins Digitale zu schaffen. Er hat bei seinem Antritt die E-Commerce-Einheit ins Unternehmen zurückverlagert.
„Das ganze Unternehmen muss digital denken, nicht nur eine Abteilung“, sagt er. Um die jungen Frauen von dm rüberzuholen, arbeitet er mit Video-Bloggerinnen zusammen. Für eine exklusive Kooperation mit der US-Kosmetikmarke Revlon gibt es einen Schlachtplan, nach dem die Bloggerin Dounia Slimani die Produkte in die Webcam hält und dabei öfter mal Rossmann sagt. Ähnlich läuft es bei einer Eigenmarke, die unter dem Namen der Beauty-Bloggerin Sofia vermarktet wird. Dabei gibt sich Raoul Roßmann selbst äußerlich – ganz anders als die Youtube-Stars – betont konservativ: Zur Bilanzpressekonferenz am Donnerstag kommt er im dunkelgrauen Anzug über einem grauen Pullover. Da ist selbst der Vater in sportlichem blauem Hemd jugendlicher gekleidet.
An Online als Verkaufskanal glaubt der Junior jedoch ebenso wenig wie sein Vater. Nur 28 Millionen Euro Umsatz kamen dort 2016 zusammen, für die Roßmanns ist das: fast nichts. Der E-Commerce bedrohe nicht direkt das Geschäft von Rossmann. Aber: Weil Mode und Elektronik immer öfter per Paket nach Hause kommt, schlendern weniger Menschen in die Fußgängerzonen und in die Drogeriemärkte.
Angriff aus Hamburg
Für Roßmanns ist das ein Dilemma: Einerseits will die Familie den Konkurrenten Müller, dm und Budni keine Ladenflächen überlassen. Andererseits lohnt sich nicht mehr jeder Standort. In Zukunft geht es darum, gute Filialen aufzumöbeln und schwache zu schließen. Daher wettern Vater und Sohn gemeinsam gegen Pläne von Edeka. Der bundesweit größte Lebensmittelhändler hat sich mit der Hamburger Drogeriemarktkette beim Einkauf verbündet. Derzeit fühlt sie beim Kartellamt vor, ob beide Partner zusammen bundesweit expandieren. „Es ist manchmal schon Wahnsinn, wie groß die Drogeriemarktdichte heute schon ist“, wettert Dirk Roßmann, der daran nun wirklich nicht unschuldig ist.
„Wenn Edeka nun wie berichtet 1.500 Drogeriemärkte eröffnen will, klingt das in meinen Ohren sehr humorvoll.“ Daraus spricht die Enttäuschung eines Abgewiesenen: Eigentlich hatte Roßmann selbst bei Budni einsteigen wollen. Doch die Hamburger Familie wollte nicht verkaufen – könnte aber nun mit Edeka ein Gemeinschaftsunternehmen gründen.
Während Raoul seinem Vater beim Thema Edeka voll zustimmt, gestehen beide immerhin einen Konfliktpunkt ein: Raoul wolle schneller in der Türkei expandieren, der Vater scheue das Risiko. Doch auch hier ist die Lösung einvernehmlich: „Ich sage ihm: Deine 30 neuen Läden eröffnen wir nicht, bei 15 ist Schicht im Schacht“, berichtet Dirk Roßmann. Denn wer im Zweifel das letzte Wort hat, ist immer noch klar.