COP28 in Dubai: Wie die Wirtschaft die Klimakonferenz für sich nutzt
Dubai. Eine Klimakonferenz mit einer Rekordbeteiligung von rund 80.000 Menschen: Wer gut 5000 Flugkilometer oder mehr nach Dubai zurückgelegt hat, muss einen guten Grund haben, dabei zu sein. Er sei häufiger gefragt worden, ob er wegen der Reise nicht ein schlechtes Gewissen habe, erzählt Holger Lösch einer großen Unternehmerzahl auf der Terrasse des nach Rosenwasser duftenden Hotels Dubai Marina & Yacht Club.
Lösch ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und an diesem lauen Dezemberabend in Dubai auch Gastgeber beim „Abend der Deutschen Industrie“. Nein, sagt Lösch an die geladenen Unternehmerinnen und Unternehmer gerichtet, er hätte eher ein schlechtes Gewissen, wenn er nicht hier wäre.
Auf jeder Klimakonferenz der Vereinten Nationen, kurz COP, ringt die Weltgemeinschaft zwei Wochen lang um politische Lösungen, die das Klima besser schützen sollen als bisher. Staatschefs reisen an, Minister und Staatssekretäre. Doch daneben sei das Treffen „ganz klar auch ein Treffpunkt der Wirtschaft geworden“, sagt Lösch dem Handelsblatt. Viele deutsche Unternehmen seien dabei. „Hier ist ein Ort, um mit internationalen Partnern, Politik und Zivilgesellschaft über die richtigen Wege zur Klimaneutralität zu diskutieren, aber auch um Kontakte zu machen und Geschäfte anzubahnen.“
„Das Interesse an der COP vonseiten der Wirtschaft war noch nie so groß“, bestätigt Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung Klimawirtschaft. Und zwar auf jeder Ebene – und aus vielen Ländern. Vom CEO bis zum Manager für Energie und Klimaschutz sei alles vertreten. Es sei längst nicht mehr nur die Zivilgesellschaft, die die Politik vor sich hintreibe, so Nallinger. „Auch Unternehmen fordern jetzt Planungssicherheit und Rahmenbedingungen ein, um in ihre Transformation zu investieren.“
In den Gesprächen auf der Hotelterrasse im noblen Stadtteil Dubai Marina erzählen die Unternehmen von ihren Gründen, auf der COP präsent zu sein: „Auf der Klimakonferenz kann ich mit minimalem Aufwand viele Gesprächspartner treffen“, sagt ein Unternehmer aus der Abfallwirtschaft. Ob aus Großkonzern oder Mittelstand, ob vorhandene oder potenzielle Geschäftspartner: „Jeder ist dabei und interessiert an neuen Technologien.“
Weltklimakonferenz wird zur Plattform für Unternehmen
Traditionell sind immer viele Lobbyisten der Öl- und Gasbranche auf den Klimakonferenzen, obwohl ihre Produkte klimaschädlich sind. Neu ist aber, dass zunehmend Unternehmen vor Ort sind, die die grüne Transformation vorantreiben wollen.
Christoph Winterhalter, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für Normung (DIN) und Vizepräsident des Internationalen Dachverbands ISO, sagte dem Handelsblatt: „Für uns ist die COP28 eine zentrale Plattform. Unser Anliegen: Wir wollen das Bewusstsein dafür erhöhen, dass einheitliche, internationale Standards ein wirksames Instrument sind, um genau das zu erreichen, was alle hier wollen: Climate Action.“
Möglich, dass auch der Ort der diesjährigen Klimakonferenz die Unternehmen zur Teilnahme veranlasst hat. Dubai ist Teil der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), wo gerade erträgliche 30 Grad herrschen. Für Unternehmen bietet das Emirat auch den wichtigen gemeinsamen Austausch über die neue grüne Welt und potenzielle Geschäfte. Das Auswärtige Amt schätzt die Zahl der deutschen Unternehmen in den VAE auf mehr als 1200, etwa 18.000 Deutsche leben hier.
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Die Unternehmer treffen sich in den Hotels der Stadt – oder auf dem wuseligen Gelände der riesigen Konferenz. Lange habe die Politik dominiert, doch inzwischen sei die COP ein großes multilaterales Treffen geworden, sagt einer, der das Geschehen schon länger beobachtet. Es gebe unzählige Formate, auf denen die Unternehmen sich und ihre Produkte präsentieren oder über die besten Umsetzungsstrategien diskutieren könnten. Das Treffen biete die Möglichkeit, sich international zu vernetzen und schnell auszutauschen. Es ist wie eine Messe, vor allem in der ersten Woche der Konferenz, wenn sie noch nicht so stark von den politischen Verhandlungen überlagert wird.
So hat beispielsweise Heidelberg Materials, ein Förderunternehmen der Stiftung Klimawirtschaft, auf der Konferenz seinen ersten emissionsfreien Zement vorgestellt, „ein starkes Zeichen der Innovation in einem der am schwersten zu dekarbonisierenden Sektoren“, sagt Nallinger.
Chancen statt Risiken stehen im Vordergrund
Viele Wirtschaftsvertreter erzählen von einem ganz besonderen Spirit auf der Weltklimakonferenz. Hier stehen die Chancen im Vordergrund, nicht die Risiken, von denen man daheim in Deutschland so viel hört. Hier sind nicht die Verzagten, hier sind die Vorreiter – oder die, die es werden wollen.
„Wir stehen vor einer zwanzigjährigen Investitionsphase, die die Weltwirtschaft umkrempeln wird“, sagt ein Regierungsvertreter. Der Wechsel von Öl und Gas zu grünen Technologien, das sei so etwas wie eine neue industrielle Revolution, „klar, dass da viele dabei sein wollen“. Dass die Wirtschaft die klimaschädlichen Treibhausgasemissionen reduzieren müsse, werde anders als früher nicht mehr ansatzweise infrage gestellt, auch nicht der mittelfristige Ausstieg aus Öl und Gas.
Erst am Samstag rief die Stiftung Klimawirtschaft zusammen mit rund 30 europäischen Verbänden die EU dazu auf, sich für einen klaren Ausstieg aus den fossilen Energien einzusetzen. Unternehmen in ganz Europa investierten Milliarden in den Übergang in eine saubere Zukunft, so Nallinger. Der Weg sei unaufhaltsam, die Politik habe das zu unterstützen.
„Ein klares Signal zum Ausstieg aus fossilen Energien ist im Sinne vieler Branchen und Unternehmen“, bestätigt Stefan Wenzel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Die Wirtschaft wisse, wie ernst die Klimakrise sei.
Wenzel war auch einige Tage in Dubai. Sein Eindruck: „Mehr als jemals zuvor suchen Unternehmen auf der COP28 den Austausch, um die neuesten Entwicklungen bei erneuerbaren Energien, bei Wasserstoff und zur Energieeffizienz mitzubekommen und sich fit für eine kohlenstofffreie Wirtschaft zu machen.“
Klimakonferenz wird zum neuen Davos
Andreas Engelhardt, persönlich haftender Gesellschafter des Gebäudespezialisten Schüco International, sagte, es sei nicht nur notwendig, den Ausbau der Erneuerbaren zu beschleunigen und die Bemühungen für die Energieeffizienz zu verdoppeln. Auch der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern sei notwendig.
Sind die Klimakonferenzen mit ihren jährlich wechselnden Veranstaltungsorten vergleichbar mit anderen Treffen, etwa Davos – dem Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Alpen, wo eher eine kleine, elitäre Gruppe mit Spitzenvertretern aus Unternehmen und Politik zusammenkommt?
Die Ansammlung von Know-how in puncto Klimaschutz, heißt es jedenfalls, „die gibt es nirgendwo sonst auf der Welt“. Und auch Verbandsvertreter Lösch ist zufrieden: „Globaler und diverser als die COP „ist kein Treffen, auch nicht Davos“.
Erstpublikation: 10.12.2023, 14:00 Uhr.