Märkte Insight: Versteckte Gefahren
Frankfurt. Das schönste Weihnachtsgeschenk bekam die globale Investorengemeinde bereits am 13. Dezember. Bei ihrer letzten Sitzung in diesem Jahr signalisierte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed), dass die Zeit der aggressiven Zinserhöhungen aller Wahrscheinlichkeit nach endgültig vorbei ist und dass es künftig in die andere Richtung gehen wird.
Die neuen Projektionen der Notenbank stellen für 2024 drei Zinssenkungen in Aussicht. Laut Fed-Chef Jerome Powell ist die Frage nun nicht mehr, ob Lockerungen angebracht sind, sondern wann.
Dieser geldpolitische Paradigmenwechsel löste an den Märkten eine Rally aus, die beinahe alle Assetklassen erfasste, von Aktien über Anleihen bis hin zu Gold und Kryptowährungen.
Doch die Anleger hören im Moment offenbar nur das, was sie hören wollen, und sie blenden die Erfahrungen der turbulenten vergangenen Monate aus. Denn schon mehrfach hatten die Märkte in diesem geldpolitischen Zyklus vorschnell Zinssenkungen eingepreist.
„Und sie könnten erneut enttäuscht werden, wenn man die Anzahl und das Tempo der Zinssenkungen betrachtet, die sie für das nächste Jahr einkalkulieren“, warnt Saira Malik, Chief Investment Officer beim Vermögensverwalter Nuveen mit Blick auf das kommende Jahr.
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Ein weiterer Punkt, den viele Investoren derzeit zu ignorieren scheinen, ist die Tatsache, dass die Fed ihre Leitzinsen zwar voraussichtlich tatsächlich senken wird. Gleichzeitig hält die Zentralbank aber an ihrem Projekt fest, ihre Bilanz zu schrumpfen. Die Verkleinerung der Notenbankbilanz nach den üppigen Liquiditätshilfen während der Covid-Pandemie wird die Lockerung der Geldpolitik teilweise konterkarieren.
Turbulenzen am Repo-Markt
Während der Coronakrise kaufte die Fed rund 4,6 Billionen Dollar an Anleihen und anderen festverzinslichen Wertpapieren, um die langfristigen Zinsen in dieser kritischen Phase niedrig zu halten. Seit ungefähr anderthalb Jahren lässt die Notenbank nun jeden Monat bis zu rund 100 Milliarden Dollar dieser Wertpapiere auslaufen, ohne sie zu ersetzen.
Dieser Liquiditätsentzug hat Folgen. Die zeigen sich zum Beispiel am sogenannten Repo-Markt, über den sich Banken kurzfristig refinanzieren. An dieser Schlüsselstelle des Finanzsystems kam es Ende November, Anfang Dezember zu Friktionen. Die Zinsen für besicherte Übernachtausleihungen schossen unerwartet auf 5,5 Prozent in die Höhe.
Das ist zwar noch weit von den zehn Prozent aus dem Jahr 2019 entfernt, als der Repo-Markt kurzfristig auszutrocknen drohte und die Fed helfend eingreifen musste, weil sich die Renditen innerhalb kürzester Zeit mehr als verfünffacht hatten. Aber die Turbulenzen im Repo-Geschäft zeigen, dass die aktuell Lage an den Märkten nicht so harmonisch ist, wie es die breiten und üppigen Gewinne der vergangenen Wochen vermuten lassen.