Cem Özdemir: „Ein Schaffer“ mit großen Plänen
Berlin. Irgendwie sei Cem Özdemir „eine arme Sau“, findet ein Demonstrant im schwäbischen Ellwangen, als der grüne Bundeslandwirtschaftsminister vor wenigen Tagen dort zu den Bauern spricht. Denn der könne ja auch nichts dafür, was da aus Brüssel komme, sagte er einem Reporter der „Stuttgarter Zeitung“.
Außerdem sei Özdemir „schon ein Schaffer“, fügte er noch hinzu. Ein größeres Lob kann man zumindest im schwäbischen Teil Baden-Württembergs kaum bekommen.
Cem Özdemir geht aktuell keinem Rededuell aus dem Weg: Seit die wütenden Bauern protestieren, tritt er bei den Demos auf, erträgt Buhrufe, steht stundenlang in der Kälte. „Er stellt sich, das traut sich nicht jeder“, lobte ihn sogar ein Agrarpolitiker der AfD bei der Agrardebatte im Bundestag am Donnerstag.
Unionsfraktionschef Friedrich Merz ließ es sich nicht nehmen, dem Landwirtschaftsminister höchstselbst zu entgegnen – sonst eher unüblich für eine Fachdebatte im Parlament. Er legte den Finger in die Wunde: Obwohl die Bauernproteste das ganze Land beschäftigen, saß auf der Regierungsbank weder der Kanzler noch ein einziges weiteres Mitglied des Bundeskabinetts.
Özdemir steht dieser Tage recht allein da. Unablässig wiederholt er, dass nicht nur die Bauern nicht gefragt wurden, sondern auch er nicht, bevor die Ampel über Nacht die Bauernsubventionen strich – und es auch sein Verdienst sei, dass sie ihren Plan dann schnell zumindest teilweise korrigierte.
Rückenwind durch eine Umfrage der „Bild“
Immerhin: In der aufgeheizten Stimmung sieht er nun die Chance, endlich den „Tierwohl-Cent“ durchzusetzen. Eine Abgabe auf Fleisch, „wenige Cent pro Kilo“, ersonnen von einer Kommission für die Regierung Merkel. Sie soll den Bauern zugutekommen, damit diese Investitionen in neue Ställe oder Klimaschutz finanzieren können.
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Eine Mehrheit der Bürger unterstütze das, verweist Özdemir süffisant auf eine Umfrage der „Bild“-Zeitung. Doch bisher sperrt sich dagegen vor allem der Koalitionspartner FDP.
Ein Misserfolg dürfte auch seine Chance auf die Nachfolge von Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg nicht gerade erhöhen. Kretschmann regiert als einziger Grüner ein Bundesland, zusammen mit der CDU. Bisher haben sich zwar weder Kretschmann noch Özdemir dazu erklärt, doch bei den Grünen heißt es: „Wenn Özdemir es will, dann wird er es.“
„Cem Özdemir ist bekannt und beliebt in Baden-Württemberg, daran dürfte seine Krise in der bauernpolitischen Auseinandersetzung nichts ändern“, meint der Freiburger Politologe Michael Wehner. Er gelte als „bodenständiger Realpolitiker, der die Kretschmann-Politik gut fortsetzen könnte und damit wohl die Wunschoption Nummer eins bei den Grünen“ sei.
Gewählt wird in Baden-Württemberg aber erst im Frühjahr 2026, in aktuellen Umfragen sind die Grünen ohnehin zurückgefallen. Zuletzt lag die CDU deutlich vor ihnen. Und einen Wechsel des Regierungschefs mitten in der Legislatur wollen die Christdemokraten, Stand heute, auf keinen Fall mitmachen. Özdemir soll keinen Amtsbonus bekommen.
Özdemir war schon fast Außenminister
Ministerpräsident, das wäre die Krönung der Karriere des Cem Özdemir. Bei den Grünen war er schon fast alles: Abgeordneter in Berlin und Brüssel, zehn Jahre Parteichef, Bundesminister, nur den Fraktionsvorsitz versagten sie ihm. Bei den Bundestagswahlen 2017 war er Spitzenkandidat und wäre wohl Außenminister einer Jamaikakoalition geworden, wenn FDP-Chef Christian Lindner nicht die Flucht ergriffen hätte.
Es wäre auch die Rückkehr des selbst ernannten „anatolischen Schwaben“ in die Heimat, wo der knapp 16-jährige Bad Uracher bei den Grünen eintrat und die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte – um später erster Bundestagsabgeordneter und erster Minister mit türkischen Wurzeln zu werden.
Er fällt bei Bedarf in ein breites Schwäbisch. Weltläufigkeit kann in der Heimat ein Minuspunkt sein: „Bundesimporte sind nicht unbedingt immer beliebt“, meint Politologe Wehner. Daher könnte womöglich auch ein Konkurrent, Landesfraktionschef Andreas Schwarz, Chancen haben. Der sei zwar „ein akribischer, landespolitisch erfahrener Politiker“, reiche aber „vom Bekanntheitsgrad her nicht an Özdemir heran“.
Immerhin, das aktuell grelle Scheinwerferlicht wärme, meint Renate Künast, sonst nicht als Özdemir-Freundin bekannt: „Die Bauernproteste haben sein Thema ins Zentrum der politischen Debatte katapultiert, das nützt ihm“, sagte die langjährige grüne Landwirtschaftsministerin. „Denn nun ist bundesweit klar, dass er nicht ‚irgendein‛ Ressort leitet, sondern eines, bei dem es um einen Riesenwirtschaftszweig geht und um eine sichere Lebensmittelversorgung.“
Auch in der SPD erntet der 58-Jährige Hochachtung: „Der Ritt auf der Rasierklinge“ zwischen Verständnis für die Bauern und Koalitionstreue „gelingt ihm erstaunlich gut“, meint ein hochrangiger Sozialdemokrat in Berlin. Nach Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ist Özdemir aktuell der beliebteste Minister im Kabinett.
„Lieber gutes deutsches statt spanisches Fleisch“
Die Krise gibt dem studierten Sozialpädagogen Gelegenheit, sich als bodenständig zu profilieren: Seine Klientel, die Bauern, sei zwar konservativ, sagt er im Bundestag, aber eben „in der Mitte der Gesellschaft“. Die Bauern wären die Ersten, die bei Hochwasser helfen, „wenn ein Nachbar absäuft“. Wenn man ihnen finanziell helfe und für die nötige Planungssicherheit sorge, „können unsere Landwirte auch Klimaschutz“, lobt er sie.
Den Graben zwischen den Biobauern, denen er zu mehr Marktanteil verhelfen will, und den konventionellen Bauern schüttet er rhetorisch geschickt zu: Da gebe es ja schon viele Zwischenformen, Bauern seien ja „nicht orthodox, sondern pragmatisch“. Ganz nebenbei lässt er fallen: „Ich will gutes deutsches Fleisch – und wer gegen den Tierwohl-Cent ist, findet, dass spanisches Fleisch besser ist.“
Auch für Schwarz-Grün wäre Özdemir der Richtige. Es ist kein Zufall, dass er sich in der aktuellen Krise ausdrücklich bei den Unions-Ministerpräsidenten Hendrik Wüst und Daniel Günther – beide Chefs schwarz-grüner Koalitionen – für ihre Gespräche mit den Bauern bedankt.
Neben Freundlichkeiten wird er jedoch vor allem in der Sache etwas für die Bauern erreichen müssen, wenn er Landesvater werden will. Und zwar so, dass er in Erinnerung bleibt. Denn selbst wenn Kretschmann sich bewegen sollte, wird das frühestens nach dem 9. Juni passieren, also nach den Kommunal- und Europawahlen. So könnte der künftige Kandidat auch nicht teilweise für eine mögliche Wahlniederlage verantwortlich gemacht werden.