Kommentar: Das Putin-Interview ist ein journalistischer Offenbarungseid

Es hätte eine weitere Episode des genialen Romans „Der Untertan“ von Heinrich Mann sein können. Nur dass Diederich Heßling, der obrigkeitshörige Protagonist der Novelle, in diesem Fall Tucker Carlson heißen würde. So erlebte die Welt in der Nacht zu Freitag ein Interview des ehemaligen Fox-News-Moderators mit Russlands autoritärem Herrscher Wladimir Putin.
Carlson hat sich mit großer Bugwelle nach Moskau aufgemacht. „Sensationell und bahnbrechend“ hieß es vor der Veröffentlichung des Gesprächs, sei das Vorhaben. Bahnbrechend allerdings war allenfalls der Skandal, dass dieses Interview in dieser Form überhaupt geführt wurde.
Was für ein Triumph für den Kriegsherrn im Kreml. Da kommt ein unterwürfiger Journalist aus „Feindesland“ angereist und gibt ihm die Gelegenheit, über sein verqueres Geschichtsverständnis zu monologisieren und den russischen Angriff auf die Ukraine zu rechtfertigen.
Wo Carlson hätte widersprechen müssen
Kein kritischer Einwand von Carlson, als Putin die eindeutig völkerrechtswidrige Landnahme als historische Notwendigkeit darstellt. Gewissermaßen als hegelsches Fortschreiten der Geschichte, in dem sich der objektive Geist des Absoluten manifestiert. Mehr Geschichtsklitterung geht nicht. Die skurrilen russischen Entstehungsmythen nimmt ihm kein ernst zu nehmender Historiker ab.