Naturkatastrophen: Erdbeben in der Türkei: Versicherte Schäden sind deutlich höher als erwartet
Köln. Die versicherten Schäden durch die Erdbebenserie in der Türkei vor einem Jahr sind deutlich höher als angenommen. Versicherer müssen voraussichtlich für Schäden in Höhe von rund 6,2 Milliarden US-Dollar (5,76 Milliarden Euro) aufkommen und nicht wie zuvor angenommen für 4,7 Milliarden (4,36 Milliarden) Euro.
Zu diesem Ergebnis kommt der Branchendienstleister Perils, der Schadendaten von betroffenen Versicherungsunternehmen gesammelt hatte. Das Unternehmen hob die Summe um 26 Prozent an im Vergleich zur vorigen Schätzung vor einem halben Jahr.
Gemessen werden nur versicherte Schäden an Gebäuden und anderen Objekten. Schäden aus Syrien wurden mangels Daten sowie Versicherungen in dem bürgerkriegsgeplagten Land nicht in die Statistik aufgenommen.
Damit müssen Versicherer deutlich mehr für die größte Naturkatastrophe des vergangenen Jahres ausgeben als bisher angenommen. Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re aus München hatte kurz nach der Erdbebenserie mit Belastungen durch Schäden in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Betrags gerechnet.
Zerstörung auf einer Fläche fast so groß wie Deutschland
Die Erdbebensequenz bestand aus einer Reihe von drei großen Beben mit den Stärken 7,8, 7,5 und 6,7, die sich alle innerhalb von neun Stunden am 6. Februar 2023 ereignet hatten. In der Türkei und in Syrien sind schätzungsweise 62.000 Menschen getötet und drei Millionen Menschen vertrieben worden.
Die wirtschaftlichen Kosten der Katastrophe wurden von der türkischen Regierung auf 1,6 Billionen türkische Lira für direkte Sachschäden und weitere 350 Milliarden türkische Lira für indirekte wirtschaftliche Kosten geschätzt. Das entspricht nach heutigem Wechselkurs einem Schaden in Höhe von knapp 60 Milliarden Euro. Gemessen an den versicherten Schäden war es das teuerste Katastrophenereignis in der Geschichte der Türkei.
Die Munich Re bezeichnet die Erdbebenserie in der Türkei und in Syrien als „verheerendste humanitäre Katastrophe" des vergangenen Jahres. Die Fläche, in der die Beben mittlere und größte Zerstörung angerichtet haben, entspricht zwei Dritteln der Fläche Deutschlands.
Zum Jahrestag der Katastrophe Anfang Februar hat sich die Lage stellenweise gebessert. In den Städten ist viel Schutt abgetragen worden. Die Regierung hat verschiedene Programme für den Wiederaufbau von Städten sowie die provisorische Unterbringung von Erdbebenopfern gestartet.
Viele Städte sind aber immer noch und wohl für viele Jahre weitestgehend unbewohnbar. Hunderttausende Menschen leben weiterhin in Zelten oder Containerdörfern und sind von Hilfe abhängig.
In der Türkei wurde nach einem Erdbeben im Jahr 1999 mit über 17.000 Toten im Jahr darauf ein Versicherungspool eingeführt, in dem verschiedene Versicherer gemeinsam Schutz für Wohngebäude anbieten. Dieser Schutz deckt auch Erdbebenschäden ab.
Laut Munich Re ist ist die Versicherungsdichte gegen Erdbebenschäden bei Wohngebäuden landesweit auf mehr als 50 Prozent angestiegen. Die Versicherungssumme ist demnach derzeit pro Wohneinheit auf umgerechnet rund 32.000 Euro begrenzt. Der Dax-Konzern aus München ist an dem Versicherer-Konsortium beteiligt, über den Menschen ihr Haus gegen Erdbebenschäden versichern können.