Bilanzbetrug: Wirecards Ex-Chefbuchhalter bricht sein Schweigen
Düsseldorf. Fast 16 Monate lang standen im Münchner Strafprozess um den Milliardenbetrug beim Zahlungsdienstleister Wirecard der langjährige Vorstandschef Markus Braun und der Kronzeuge Oliver Bellenhaus im Blickpunkt. Jetzt rückt der dritte Angeklagte in den Fokus: Der ehemalige Chefbuchhalter Stephan von Erffa will sich nach Handelsblatt-Informationen in den kommenden Wochen erstmals inhaltlich äußern.
Ein genauer Termin steht noch nicht fest, voraussichtlich soll es kurz nach Ostern soweit sein. Zuvor hat aber bereits an diesem Freitag außerhalb der Verhandlung ein sogenanntes Rechtsgespräch zwischen dem Gericht, Staatsanwälten und den Anwälten von Erffas stattgefunden.
Ein solches Rechtsgespräch dient im Strafverfahren dazu, die Sachlage zu klären, den rechtlichen Standpunkt der Parteien zu erörtern und möglicherweise eine Verständigung zwischen Angeklagten, Staatsanwaltschaft und dem Gericht herbeizuführen.
Prozessverlauf erhöht Druck auf von Erffa
110 Prozesstage lang schwieg von Erffa, doch durch den bisherigen Verlauf des Verfahrens wächst der Druck auf den ehemaligen Wirecard-Chefbuchhalter, der die Betrugsvorwürfe bisher weitestgehend bestritt. Der Kronzeuge Oliver Bellenhaus, der neben sich selbst auch Markus Braun und von Erffa schwer belastet hatte, war erst Anfang Februar aus der Untersuchungshaft freigekommen – ein Zeichen, dass das Gericht seinen Aussagen glaubt.
Ob von Erffa nun womöglich ebenfalls ein Geständnis erwägt und seine Anwälte bei dem Rechtsgespräch Auswirkungen eines solchen Schritts ausloten wollten, ist bisher nicht bekannt. Seine Verteidiger ließen Fragen unbeantwortet. Die Initiative für das Gespräch ging nach Handelsblatt-Informationen von der Kammer aus.
Wirecard war im Juni 2020 zusammengebrochen, nachdem ein angebliches Milliardenvermögen des Dax-Konzerns auf Treuhandkonten plötzlich nicht mehr auffindbar war. Das Geld sollte aus dem sogenannten Drittpartnergeschäft stammen, das Wirecard vor allem in Asien für Kunden aus der Porno- und Glücksspielbranche betrieb.
Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass es dieses Geschäft nicht gab. Sie wirft dem Trio gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Von Erffa soll als Chefbuchhalter unter anderem dafür gesorgt haben, dass gefälschte Zahlen in die Bilanzen gelangten.
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Laut Bellenhaus' Schilderungen vor Gericht waren von Erffa und er die „operativen Säulen“ für die Manipulation, hätten aber auch Bedenken gehabt. Wenn von Erffa diese bei Braun vorgetragen habe, sei er wiederholt zurückgekommen und habe gesagt: „‚Markus will das so.‛ Dann haben wir das auch so gemacht“, so Bellenhaus im Prozess. Braun sei der Kopf der Bande gewesen, ein absolutistischer CEO, auf den sich alles ausgerichtet habe. Braun bestreitet das vehement.
Von Erffa stritt zunächst ebenfalls jegliche Beteiligung an dem Skandal ab. Später räumte der 49-Jährige zumindest ein, die Autorisierung eines Geldflusses von 50 Millionen Euro an einem privaten Computer gefälscht zu haben, um sie in einer durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG durchgeführten Sonderprüfung vorzulegen – angeblich ein Einzelfall.
Dann wählte seine Verteidigung um die Münchener Strafrechtlerin Sabine Stetter und von Erffas Bruder Hubertus eine neue Strategie. Sie stellten die Schuldfähigkeit ihres Mandanten wegen einer angeblichen psychischen Erkrankung in Frage und legten ein medizinisches Gutachten vor.
Das Gericht gab daraufhin ein eigenes Gutachten bei den renommierten forensischen Psychiatern Norbert Nedopil und Kolja Schiltz in Auftrag. Ein Ergebnis der Ärzte soll Laut Handelsblatt-Informationen inzwischen vorliegen: Von Erffa sei sehr wohl schuldfähig.
Erstpublikation: 22.03.2024, 23:13 Uhr.
In der ursprünglichen Fassung des Artikels haben wir berichtet, dass Herr Oliver Bellenhaus wegen des Straftatbestandes der Untreue angeklagt ist. Wir stellen richtig, dass Herrn Bellenhaus nicht wegen Untreue angeklagt ist.