Energie Briefing: Abstruse Aufregung um chinesische Windturbinen in der Nordsee

Ein Hamburger Unternehmen will die ersten chinesischen Windturbinen in der Nordsee aufstellen. Das sorgt nicht nur in der Branche für Aufsehen, auch die Bundesregierung zeigt sich besorgt.
Es ist ein Novum. Vermeintlich. Immerhin stehen schon 10 chinesische Turbinen vor der italienischen Mittelmeerküste. Jetzt sollen 16 in der Nordsee hinzukommen. Natürlich muss man darüber sprechen, welche Sicherheitsvorkehrungen notwendig sind, um eine Manipulation der Windkraftanlagen zu verhindern. Aber die Aufregung wirkt schon abstrus, wenn man sich bewusst macht, dass längst Millionen chinesischer Solarmodule ans deutsche Stromnetz angeschlossen sind.
Chinesische Anbieter sind günstig, aber umstritten
Zugang zu kritischer Infrastruktur ist also längst gegeben, wenn er denn gewollt ist. Und er wird zunehmen. Chinesische Anbieter sind häufig sehr günstig. Die Qualität ist mittlerweile gleichwertig zu europäischen Produzenten, teilweise sogar besser. Außerdem gibt es gerade auf dem Windmarkt schlicht zu wenig Anbieter bei der hohen Nachfrage. Die Betreiber der Parks bringen es ziemlich deutlich auf den Punkt: „Ohne China wird es nicht gehen.“
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Die Bedenken, dass es China vor allem darum gehe, sich in kritische Infrastruktur innerhalb Europas einzuschleichen, bleiben natürlich trotzdem. Und mit Sicherheit auch zum Teil berechtigt.
Schon seit Jahren gibt es diese Diskussion in Bezug auf die Beteiligungen des chinesischen Huawei-Konzerns an deutschen 5G-Netzen. Zahlreiche europäische Länder haben das Unternehmen bereits von ihren Netzen ausgeschlossen. Nun führt die Windbranche eine ähnliche Debatte.
Erst im April hatte die EU-Kommission Untersuchungen gegen chinesische Windturbinenhersteller eingeleitet. Sie will mutmaßlich illegale Subventionen prüfen, die die Unternehmen aus der Volksrepublik erhalten haben.
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Die Vorsicht mit Blick auf kritische Infrastruktur ist ohne Frage richtig. Der Schutz sollte so gut wie möglich sein. Eins ist aber auch klar: Eine Turbine enthält viel Elektronik und muss schon ganz grundsätzlich von außen angesteuert werden können, um netzdienlich Strom zu produzieren. Das macht sie angreifbar. Ein Restrisiko wird also immer bleiben. Auch wegen hunderttausender Solaranlagen, über die sich bislang ja auch niemand Gedanken gemacht hat.
Dieser Text ist am 5. Juli 2024 zuerst im Handelsblatt-Newsletter Energie Briefing erschienen.