Geldanlage: So sollen Privatanleger leichter investieren können
Frankfurt. Die europäische Finanzmarktaufsicht Esma will Investitionen in Wertpapiere für Privatanleger ohne großes Finanzwissen attraktiver machen. Sie schlug deshalb am Mittwoch die Einführung eines neuen EU-Labels für einfache Finanzprodukte vor. Dabei soll es sich um einfach strukturierte und günstige Produkte handeln, darunter etwa Fonds, Aktien oder Anleihen.
„Wir glauben, dass dies das Vertrauen von Privatanlegern erhöhen würde, ein zu ihnen passendes Produkt zu finden, auch wenn sie keine Zeit oder Lust haben, sich mit dem Investmentprozess und der Auswahl spezieller Produkte näher zu beschäftigen“, sagte Esma-Chefin Verena Ross. „Hoffentlich ermöglicht ihnen dies, von der Entwicklung des Kapitalmarktes zu profitieren, ohne ein Kapitalmarktexperte zu sein.“
Für den Verkauf der Produkte mit EU-Label soll es laut Esma auch einen „vereinfachten und gestrafften Beratungsprozess“ geben. Dieser solle ebenfalls dazu beitragen, dass sich Privatanleger leichter am Kapitalmarkt engagieren könnten, betonte Ross. Ein angemessener Anlegerschutz bleibe dabei gewährleistet.
Bisher investieren Europäerinnen und Europäer aus Sicht der Esma zu wenig in Wertpapiere und lassen ihre Ersparnisse stattdessen zu häufig auf ihren Bankkonten liegen. Das sei „suboptimal, um die hart erarbeiteten Ersparnisse auszubauen“, betonte Ross.
In Deutschland gab es zuletzt Kritik, weil Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken 2023 massenhaft Zertifikate an ihre Kunden verkauft haben. Verbraucherschützer kritisieren, die häufig verkauften Zinszertifikate seien für Kunden meist weniger attraktiv als Anleihen oder höher verzinste Tages- und Festgeldangebote. Andere Zertifikate seien komplex und für viele Verbraucher schwer zu durchschauen.
Verbraucherschützer fordern Provisionsverbot
Ob der massenhafte Absatz von Zertifikaten und anderen Produkten mit hohen Provisionen durch den Vorstoß der Esma künftig verhindert werden könnte, ist zweifelhaft. Verbraucherschützer haben die Sorge, dass Banken einfache Finanzprodukte mit einem EU-Label nicht im großen Stil an ihre Kunden verkaufen würden.
„Der Ansatz ist interessant, wird es im Markt aber schwer haben“, prognostiziert Lars Gatschke vom Verbraucherzentrale-Bundesverband. Die Geldanlage sei ein klassischer Verkäufermarkt, bei dem ein Standardprodukt mit EU-Label in Konkurrenz stünde mit anderen Produkten mit hohen Provisionen.
„Da ist absehbar, was verkauft wird“, sagt Gatschke. „Man muss den Fehlanreiz durch Provisionen über deren Verbot rausnehmen, damit das Standardprodukt überhaupt eine Chance hat.“
Ein EU-Label für einfache Finanzprodukte ist nur einer von 20 Vorschlägen, mit denen aus Sicht der Esma der europäische Kapitalmarkt gestärkt werden könnte. Das sei nicht nur für Anleger wichtig, sondern auch für Unternehmen und die europäische Wirtschaft, sagte Ross. „Weder die Staatshaushalte noch die Banken werden es allein schaffen, den riesigen Investitionsbedarf zu stemmen.“
Bundesbank-Chef geht auf Konfrontationskurs
Die Esma stellt sich bei der Stärkung des europäischen Kapitalmarkts auch hinter Forderungen der Bundesregierung und der Finanzindustrie, den Markt für Verbriefungen in Europa wiederzubeleben. Das bedeutet: Banken sollen es leichter haben, Kredite an Unternehmen gebündelt an Investoren zu verkaufen. Sie bekämen dadurch mehr Spielraum, neue Kredite zu vergeben.
Unterstützung gibt es dafür von Bundesbank-Chef Joachim Nagel. „Richtig eingesetzt, kann die Verbriefung ein intelligentes, sicheres und wichtiges Instrument sein, um Risiken über die Finanzmärkte zu verteilen und erhebliche Mengen an privatem Kapital zu mobilisieren“, sagte Nagel in einem Interview mit dem Handelsblatt und anderen europäischen Zeitungen.
Verbriefungen sind in Verruf geraten, weil sie als ein Auslöser der Weltfinanzkrise 2008 gelten. Für dieses Stigma habe es „sicherlich gute Gründe“ gegeben, betonte Nagel. „Denn das Etikett der Verbriefung wurde benutzt, um undurchsichtige Finanzierungsmethoden zu verbergen.“ Die EU-Gesetzgeber seien jedoch „die wichtigsten Schwachstellen im Rahmen der Regulierung nach der Krise angegangen“.
Aus Sicht von Nagel reicht es jedoch nicht aus, das Geschäft mit Verbriefungen zu erleichtern. „Die Bankenunion muss damit Hand in Hand gehen“, sagte er dem Handelsblatt. Gemeint ist damit in erster Linie eine Reform der Einlagensicherung.
Nagel schlägt vor, die nationalen Einlagenschutzsysteme um eine Art Rückversicherung auf europäischer Ebene zu ergänzen. Damit stellt er sich gegen Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Diese lehnen eine EU-weite Einlagensicherung ab, weil sie um den Fortbestand ihrer eigenen Sicherungssysteme fürchten.
Er sei sich bewusst, dass sein Vorstoß „in Deutschland nicht gut ankommen könnte, weil er sich auf das gut etablierte Einlagensicherungssystem auswirkt“, sagte Nagel. Aus seiner Sicht hätte eine Mischung aus nationaler und europäischer Einlagensicherung aber einen „erheblichen zusätzlichen Nutzen. Es würde auch ein sehr starkes Signal aussenden, dass Europa Fortschritte macht.“