Infineon: Darum streicht Deutschlands größter Chiphersteller 1400 Jobs
München. Bei Infineon läuft es momentan alles andere als rund. Vorstandschef Jochen Hanebeck greift deshalb durch und streicht 1400 Stellen – der größte Jobabbau der vergangenen Jahre. Das teilte der größte deutsche Chiphersteller am Montag mit. Weitere 1400 Arbeitsplätze will der Manager in Billiglohnländer verlagern. Das Unternehmen beschäftigte zuletzt rund 59.000 Mitarbeitende
Durch das Sparprogramm „Step up“ will Infineon die Kosten in den kommenden drei Jahren um einen hohen dreistelligen Millionenbetrag senken. Bereits Anfang Juni hatte Infineon mitgeteilt, dass am Standort Regensburg rund 500 Menschen ihre Stelle verlieren.
Der angekündigte Abbau überzeugte die Anleger allerdings nicht. An der Börse rutschten die Infineon-Aktien zunächst um bis zu sechs Prozent ab, erholten sich dann allerdings und schwankten im Tagesverlauf stark. Seit Jahresbeginn haben die Papiere bereits gut ein Fünftel an Wert verloren.
Im abgelaufenen Quartal ist der Umsatz des Konzerns gegenüber dem Vorjahr um neun Prozent gesunken. Der Gewinn hat sich mehr als halbiert. Infineon kämpft mit großen Lagerbeständen seiner Kunden.
Die Flaute führe zu Leerstandskosten durch nicht ausgelastete Anlagen und Fabriken von 800 Millionen Euro im laufenden Geschäftsjahr, sagte Finanzvorstand Sven Schneider. In einem Jahr mit normal laufenden Geschäften seien es 150 Millionen Euro.
Infineon korrigiert Prognose nach unten
Vorstandschef Jochen Hanebeck rechnet nicht damit, dass sich die Lage schnell verbessert: „Die Erholung in unseren Zielmärkten schreitet nur langsam voran. Angesichts der anhaltend schwachen gesamtwirtschaftlichen Dynamik überlagern die Bestände an vielen Stellen die Endnachfrage.“
Der Manager erwartet für das laufende Geschäftsjahr, das am 30. September endet, einen Umsatz von 15 Milliarden Euro. Das sind 100 Millionen Euro weniger, als Hanebeck noch im Frühjahr in Aussicht gestellt hatte. Zuletzt hatte der Manager die Prognose Anfang Mai zurückgenommen.
Ursprünglich hatte der Ingenieur etwa 17 Milliarden Euro erwartet und den Ausblick dann im Februar auf um die 16 Milliarden Euro erstmals gesenkt. Im Geschäftsjahr 2022/23 hatte Infineon Erlöse in Höhe von 16,3 Milliarden Euro erzielt.
In den vergangenen Tagen sind Chiptitel an den Börsen weltweit unter Druck geraten. So verloren die Papiere von TSMC, dem weltweit führenden Auftragsfertiger der Halbleiterindustrie, zu Wochenbeginn knapp zehn Prozent.
Der Infineon-Rivale STMicroelectronics büßte am Montag gut fünf Prozent ein, NXP lag etwa vier Prozent im Minus. Der langjährige Branchenprimus Intel hatte bereits nach der Präsentation der jüngsten Ergebnisse am vergangenen Freitag gut ein Viertel an Wert verloren.
Besonders betroffen von den Sparmaßnahmen ist das Infineon-Werk in Regensburg. Das Verpacken der Chips an dem Standort sei nicht wirtschaftlich, sagte Hanebeck. Die Fabrik insgesamt stehe aber nicht zur Disposition. Auf betriebsbedingte Kündigungen will Hanebeck in Deutschland verzichten.
Im jüngsten Quartal hat Infineon die eigene Prognose mit einem Umsatz von 3,7 Milliarden Euro leicht verfehlt. Die Auslieferung einiger Aufträge hätte sich ins laufende Quartal verschoben, erläuterte Hanebeck. Der Manager ergänzte: „Viele Kunden bestellen kurzfristig.“
Der Umsatz sei schlechter als erwartet ausgefallen, urteilte JP-Morgan-Analyst Sandeep Deshpande. Die operative Marge lag mit 19,8 Prozent dagegen etwas über der eigenen Vorhersage.
Autosparte macht Infineon Hoffnung
Was Anleger und Analysten dennoch positiv stimmt: In der wichtigen Autosparte geht es aufwärts. Die Erlöse sind im Vergleich zum Vorjahr zwar um ein Prozent geschrumpft. Gegenüber dem Vorquartal ist der Umsatz aber leicht gestiegen.
Der Konzern ist der weltgrößte Hersteller von Autochips mit einem Marktanteil von 14 Prozent, so die Analysten von Techinsights. Es folgen NXP aus den Niederlanden und STMicroelectronics. Zusammen beherrschen die Europäer mehr als ein Drittel des Marktes.
Das Autogeschäft steht bei Infineon für mehr als die Hälfte der Erlöse. Mit einem Umsatzplus von drei Prozent im laufenden Geschäftsjahr gehe es dem Unternehmen unter den großen Autochipproduzenten noch am besten, urteilten die Analysten von Jefferies am Montag.
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Infineon nimmt den Wettbewerbern offenbar Marktanteile bei Microcontrollern ab. Dies sind Minicomputer, wie sie an zahlreichen Stellen in Fahrzeugen eingesetzt werden.
Im Vergleich zu den wichtigsten Konkurrenten steht der Dax-Konzern tatsächlich besser da. So sind die Erlöse von STMicroelectronics gegenüber dem Vorjahr im zweiten Quartal um ein Viertel eingebrochen. Und ein Ende der Flaute ist nicht in Sicht: Der französisch-italienische Konzern rechnet für das laufende Quartal mit einem Umsatzminus im Vergleich zum Vorjahr von knapp 27 Prozent.
Konzernchef Jean-Marc Chery reduzierte die Umsatzprognose für das laufende Jahr deshalb jüngst um mehr als eine Milliarde Dollar. Das Geschäft entwickele sich lange nicht so gut wie erhofft, warnte Chery: „Entgegen unseren Erwartungen haben sich die Aufträge im Industriebereich im Laufe des Quartals nicht verbessert, und die Nachfrage im Autogeschäft ist zurückgegangen.“
Infineon erwartet für das laufende Quartal dagegen nur ein leichtes Minus gegenüber dem Vorjahr.
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Europas größte Chiphersteller leiden vor allem darunter, dass die Kunden weniger Elektroautos als erwartet kaufen. Die Fahrzeuge sind für die Halbleiterkonzerne ausgesprochen lukrativ. Infineon zufolge stecken in einem durchschnittlichen Elektroauto Halbleiter im Wert von 1300 Dollar; das sind 550 Dollar mehr als in einem Wagen mit Verbrennungsmotor.
Das Geschäft mit Elektroautos in China laufe nach wie vor gut, erläuterte Hanebeck. In den westlichen Ländern hingegen sei die Nachfrage verhalten. Das werde sich aber auf lange Sicht ändern. Er erwarte in den kommenden Jahren „positive Impulse“.
Analysten blicken positiv aufs nächste Jahr
Den Analysten von Jefferies zufolge ist zudem der Ausblick auf das kommende Geschäftsjahr, das im Oktober beginnt, positiv. So sei es ein gutes Zeichen, dass sich alle Bereiche im laufenden Quartal gegenüber dem Vorquartal verbessern würden. Infineon selbst hat sich zum neuen Geschäftsjahr noch nicht geäußert.
An Kapazitäten, um die Kunden zu bedienen, mangelt es Infineon jedenfalls nicht: An diesem Donnerstag eröffnet Hanebeck eine neue Fabrik im malaysischen Kulim.
Erstpublikation: 05.08.2024, 08:08 Uhr