Fachkräftemangel: Zuwanderer retten den Arbeitsmarkt im ländlichen Raum
Berlin. Ohne Zuwanderer wäre der Fachkräftemangel im ländlichen Raum in Deutschland ein noch größeres Problem als ohnehin schon. Nur dank der Migranten ist die Zahl qualifizierter Beschäftigter dort überhaupt noch gestiegen. Herausfordernd bleibt es, auf dem Land Stellen auf Expertenniveau zu besetzen. Dazu gehörten beispielsweise Ärzte.
Dies sind Kernergebnisse einer Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa), das kleine und mittlere Unternehmen bei der Personalarbeit unterstützt und am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) angesiedelt ist. Die Ergebnisse der Studie lagen dem Handelsblatt vorab vor.
Die Fachkräftelücke zeigt sich an der Zahl der offenen Stellen, für die es rein rechnerisch keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt. In ganz Deutschland traf das zwischen Juli 2023 und Juni 2024 auf fast 532.000 oder knapp 42 Prozent aller offenen Stellen für Fachkräfte zu. In ländlichen Gebieten lag die Quote mit fast 62 Prozent deutlich höher.
Fachkräftemangel in Deutschland: Demografischer Wandel verschärft das Problem
Um regional differenzieren zu können, haben die Forscher vier unterschiedliche Gruppen aus den Arbeitsagenturbezirken gebildet. Dabei unterscheiden sie Städte wie Berlin, Hamburg und Köln und städtisch geprägte Regionen wie Augsburg, Lübeck und Potsdam auf der einen Seite.
Und auf der anderen Seite betrachten die Forscher ländliche Räume mit Verdichtungsansätzen, wie beispielsweise Bautzen, Marburg oder Vechta und dünn besiedelte ländliche Räumen wie Ansbach, Cottbus oder Nordhorn.
Beim Vergleich zeigt sich, dass die Fachkräftelücke mit etwa 287.000 rechnerisch nicht besetzbaren offenen Stellen in den städtisch geprägten Regionen absolut zwar am größten ist. Die größten Probleme bei der Stellenbesetzung treten hingegen in den dünn besiedelten ländlichen Regionen auf.
Dort gibt es für etwa sechs von zehn offenen Fachkraftstellen keine qualifizierten Bewerber. Der demografische Wandel dürfte diesen Trend verschärfen.
Nach einer Umfrage der Förderbank KfW unter kleinen und mittleren Unternehmen rechnen Befragte in ländlichen Regionen damit, dass sich das Arbeitskräftepotenzial in den kommenden zehn Jahren um neun Prozent verringern wird. Für das gesamte Bundesgebiet und städtisch geprägte Gebiete sind die Erwartungen mit minus 8,2 Prozent beziehungsweise minus 7,6 Prozent etwas optimistischer.
Umso mehr kommt es in den ländlichen Regionen auf Zuwanderer an. Wie die Kofa-Studie zeigt, ist die Zahl ausländischer Fachkräfte zwischen 2022 und 2023 in den ländlichen Arbeitsagenturbezirken mit Verdichtungsansätzen und in den dünn besiedelten ländlichen Regionen um 8,3 Prozent beziehungsweise 10,5 Prozent gestiegen.
Die Zahl der qualifizierten Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit sank dagegen im gleichen Zeitraum in beiden Regionen. Im Pflegebereich kommt nach einer Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mittlerweile jede sechste Arbeitskraft aus dem Ausland.
Mehr Forschungseinrichtungen aufs Land
Hoch ist der Landanteil bei offenen Stellen für angestellte Ärztinnen und Ärzte. Sie werden gebraucht, um die versorgungsrelevante medizinische Infrastruktur aufrechtzuerhalten.
Gerade Expertinnen und Experten mit akademischer Ausbildung sind aber in ländlichen Räumen kaum angesiedelt. Während in städtischen Arbeitsagenturbezirken fast sechs von zehn offenen Expertenstellen nicht besetzt werden können, sind es in den dünn besiedelten ländlichen Räumen fast drei Viertel.
Wie könnte der ländliche Raum attraktiver für Akademiker werden? Beispielsweise durch gezielte Start-up-Förderung oder die Ansiedlung von Forschungseinrichtungen, schreiben die Kofa-Autoren.
Generell gehe es darum, die Vorteile von Regionen abseits der Städte und Ballungsräume stärker zu kommunizieren. Dazu gehörten etwa der billigere Wohnraum, die Naturnähe oder ein besseres Kinderbetreuungsangebot. Das funktioniere aber nur, wenn auch die anderen Rahmenbedingungen stimmen, etwa eine gute Breitbandversorgung, ein funktionierender öffentlicher Nahverkehr oder eine zufriedenstellende Gesundheitsversorgung, heißt es in der Studie.
Darüber hinaus könnte auch die Migrationspolitik Anreize für eine Stärkung des ländlichen Raums setzen, wie es in einer kürzlich erschienenen Untersuchung des Ifo-Instituts heißt. Bei der Verteilung von Asylsuchenden auf die Landkreise sollte die Zahl der offenen Stellen eine größere Rolle spielen als die Bevölkerungszahl, schlagen die Münchener Forscher vor. Dann gelinge die Arbeitsmarktintegration besser.
Union und SPD, die aktuell über die Bildung der nächsten Bundesregierung verhandeln, äußern sich in ihrem Sondierungspapier bisher nur allgemein zur qualifizierten Einwanderung. So wollen sie die Gewinnung ausländischer Fachkräfte „vereinfachen und durch umfassende Digitalisierung beschleunigen“. Gleiches soll für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse gelten. Fluchtmigration soll im Gegensatz dazu nicht nur gesteuert, sondern auch entschieden „begrenzt“ werden.