Koalition: Eine Agenda 2050 für Deutschland
Deutschland ist eine Wirtschaftsmacht – doch wie lange noch? Während die USA und China Milliarden in Künstliche Intelligenz (KI), Quantencomputing und grüne Technologien investieren, steckt Deutschland in einer Reformblockade fest.
Bürokratie wächst, digitale Infrastruktur bleibt Stückwerk, und Zukunftstechnologien werden reguliert statt gefördert. Gleichzeitig verschärft der Fachkräftemangel die Lage, und eine risikoaverse Innovationskultur macht den Standort unattraktiv.
Die nächste Bundesregierung steht vor der größten wirtschaftspolitischen Herausforderung seit der Wiedervereinigung. Es geht nicht um punktuelle Anpassungen, sondern um eine fundamentale Neuausrichtung: Wird Deutschland auch 2050 noch eine globale Innovationsnation sein oder weiter an Boden verloren haben?
Diesen Artikel haben wir, eine Gruppe deutscher Experten verfasst, die Deutschland verlassen haben, um in internationalen Innovationsökosystemen bessere Bedingungen für Unternehmertum und Technologieentwicklung zu finden. Unsere Erfahrungen aus den USA, Afrika, Asien und dem Mittleren Osten zeigen, was möglich ist, wenn Bürokratie abgebaut und Innovation gefördert wird und Talente strategisch entwickelt werden.
Wir glauben: Deutschland muss jetzt handeln – mit Mut, Tempo und Weitsicht. Die Agenda 2050 fokussiert auf fünf zentrale Felder, die darüber entscheiden, ob Deutschland seinen Wohlstand und seine technologische Führungsrolle bewahren kann: Bürokratieabbau, Künstliche Intelligenz, Reskilling, Energieunabhängigkeit und Innovationsförderung. Diese Themen erfordern entschlossene Reformen – kein Zaudern, keine Trippelschritte, sondern echte Transformation.
1. Bürokratie: Deutschland erstickt sich selbst
Wer hier ein Unternehmen gründen oder in Zukunftstechnologien investieren will, kämpft mit einem Wust aus lähmenden Vorschriften. Während eine Firmengründung in Estland nur wenige Stunden dauert, zieht sich der Prozess in Deutschland oft über Monate.
Diese strukturelle Trägheit kostet nicht nur Zeit, sondern auch Innovationskraft und Milliardenbeträge. Gleichzeitig bremst eine überregulierte Verwaltung Investitionen aus und hält neue Technologien zurück.
Was wir brauchen:
- Digitale Genehmigungsverfahren mit festen Fristen und einfacher Beantragung.
- Fast-Track-Regeln für Zukunftstechnologien, um Experimentierräume zu schaffen.
- Automatisierte Compliance-Prozesse, um den Verwaltungsaufwand zu minimieren.
- Zentrale digitale Unternehmensplattformen, die Verwaltungsakte standardisieren und beschleunigen.
Ohne einen radikalen Bürokratieabbau wird Deutschland weiter an Dynamik verlieren – und das wirkt sich auf die Position weltweit aus.
2. KI: Deutschlands verpasste Revolution
Künstliche Intelligenz ist die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts – doch Deutschland hinkt hinterher. Während die USA und China KI-Plattformen und Ökosysteme in Höchstgeschwindigkeit konsequent aufbauen, bleibt Deutschland in der Grundlagenforschung stecken.
Das größte Problem: Es gibt kaum Kapital für die Skalierung von KI-Innovationen. Zudem fehlt es an staatlich geförderten KI-Rechenkapazitäten und nationalen Datennetzwerken, um mit den globalen Big Playern mithalten zu können.
Was wir brauchen:
- KI-Exzellenzcluster, die Wissenschaft und Wirtschaft enger vernetzen.
- Einen nationalen KI-Fonds, der gezielt Start-ups bei der Skalierung unterstützt.
- Eigene Rechenkapazitäten, um Abhängigkeiten von US-Cloud-Anbietern zu reduzieren.
- Ausrollen von KI in die Breite, indem Unternehmen durch den Aufbau von KI-Expertenhubs gezielt bei der Implementierung unterstützt werden.
Ohne gezielte Maßnahmen wird KI hier entwickelt – aber anderswo monetarisiert.
3. Reskilling: Deutschland verliert seine Fachkräfte
Bis 2030 könnten fünf Millionen Arbeitsplätze durch Automatisierung und Digitalisierung ersetzt oder verändert werden. Doch eine groß angelegte Weiterbildungsstrategie fehlt. Die Arbeitswelt verändert sich schneller, als das Bildungssystem darauf reagiert – und genau das macht Deutschland angreifbar.
Die „German Angst“ hemmt Transformation. Und ein zentrales Problem hinsichtlich Innovation ist die deutsche Angst vor Fehlern. In den USA gilt: „Fail fast, learn faster.“ In Deutschland dominiert: „Wer hat Schuld?“
Diese Kultur führt dazu, dass neue Technologien langsamer angenommen werden und Unternehmen sich scheuen, Risiken einzugehen. Wer Innovation will, muss Mut zur Veränderung haben – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Politik und Gesellschaft.
Was wir brauchen:
- Nationale KI- und Tech-Akademien, die digitale Kompetenzen flächendeckend zugänglich machen.
- Steuerliche Anreize für Unternehmen, die ihre Mitarbeiter aktiv weiterbilden.
- Praxisnahe Aus- und Weiterbildung, indem Hochschulen und Wirtschaft enger verzahnt werden.
- Förderprogramme für lebenslanges Lernen, um den Arbeitsmarkt zukunftssicher zu gestalten.
Deutschland braucht ein Reskilling-Programm in industriellem Maßstab – unverzüglich, bevor es zu spät ist.
4. Energieunabhängigkeit: Mehr Innovation, weniger Ideologie
Deutschlands Energiepolitik hat das Land verwundbar gemacht: höchste Strompreise, Abhängigkeit von Importen, langsamer Ausbau erneuerbarer Energien. Gleichzeitig fehlt eine klare, technologieoffene Strategie für die Zukunft.
Was wir brauchen:
- Massive Investitionen in neue Energiequellen wie Wasserstoff, Kernfusion und Speichertechnologien.
- Einen beschleunigten Netzausbau, damit erneuerbare Energien effizient genutzt werden können.
- Industriepartnerschaften, um innovative Energietechnologien schneller zur Marktreife zu bringen.
- Förderung von Technologieoffenheit, statt politische Grabenkämpfe über einzelne Energieträger zu führen.
Deutschland kann sich keine energiepolitischen Fehlentscheidungen mehr leisten.
5. Innovationskultur: Mehr Unternehmertum wagen
Deutschland verliert Talente. Hochqualifizierte Gründer zieht es in die USA oder nach Asien, weil Finanzierungen, Netzwerke und Marktchancen dort besser sind. Das Problem ist strukturell: zu wenig Risikokapital, zu viel Regulierung, zu wenig Begeisterung für Unternehmertum.
Was wir brauchen:
- Einen europäischen Innovationsfonds nach dem Vorbild des französischen „Tibi“-Modells, um mehr Wagniskapital bereitzustellen.
- Steuerliche Anreize für Investoren, damit mehr privates Kapital in Start-ups fließt.
- Förderung von unternehmerischem Denken in Schulen und Universitäten.
- Abbau von Gründungsbarrieren, um Start-ups eine echte Chance zu geben.
Fazit: Deutschland muss wieder gestalten
Deutschland gehört nach wie vor zu den fünf größten Volkswirtschaften der Welt. Doch als Impulsgeber für technologische und wirtschaftliche Innovationen hat das Land an Bedeutung verloren.
Andere Nationen handeln entschlossener: Die USA dominieren Künstliche Intelligenz und Deeptech, China hat sich zur globalen Produktions- und Innovationsmacht entwickelt, und kleinere Staaten wie Südkorea und Singapur setzen gezielt auf Zukunftstechnologien und Standortpolitik.
Um seine Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, braucht Deutschland eine entschlossene Strategie – getragen von Gestaltungswillen und exzellenter Führung. Eine Regierung der Kompetenz, nicht der Parteitaktik, ist dafür entscheidend.
Die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte erfordern eine Führung, die die besten Köpfe aus allen demokratischen Parteien und der Wirtschaft zusammenbringt. Gleichzeitig braucht es eine Agenda, die über Legislaturperioden hinausgeht. Wirtschaft und Industrie benötigen Verlässlichkeit, keine politischen Kehrtwenden nach jeder Wahl.
Ein nationaler Zukunftsrat, der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammenbringt, muss konkrete Maßnahmen für Bürokratieabbau, Investitionen in Schlüsseltechnologien, Energiepolitik und Fachkräfteentwicklung erarbeiten – mit verbindlicher Umsetzung. Statt kleinteiliger Förderungen braucht es gezielte Investitionen in strategische Innovationscluster mit globaler Relevanz. Gleichzeitig muss Deutschland eine aktive Rolle bei der Gestaltung einer gemeinsamen europäischen Innovationsstrategie übernehmen, um nicht weiter an Einfluss zu verlieren.
Deutschland kann wieder eine führende Rolle einnehmen – doch das erfordert Mut zur Veränderung und die Bereitschaft, über politische Lager hinweg an einem langfristigen Zukunftsplan zu arbeiten.
Über die Autoren: Dieser Artikel wurde initiiert von Philipp Willigmann und Götz Thümecke, die führende Köpfe aus verschiedenen Bereichen zusammengebracht haben, um konkrete, umsetzbare Vorschläge für Deutschlands Zukunft zu entwickeln. Willigmann ist Unternehmer und Transformationsberater, Götz Thümecke Gründer sowie Leadership- und Skalierungsexperte, Richard Socher Gründer von You.com, Vera Futorjanski Unternehmerin und Innovationsberaterin, Sebastian Graf Berater und Experte für Robotik, KI und Klimatechnologien, Wolfgang Lehmacher Globaler Supply-Chain-Experte, ehemaliger Direktor beim Weltwirtschaftsforum (WEF).