KI-Briefing: KI macht Beratung zum Softwarebusiness
Wenn Sie nur wenig Zeit haben, liebe Leserinnen und Leser,
dann hoffe ich, dass auch Sie immer mehr Aufgaben automatisieren können. In unserem 100. KI-Briefing steckt jedenfalls schon deutlich mehr Künstliche Intelligenz als noch im ersten. Und so muss das auch sein, wenn wir im KI-Zeitalter wettbewerbsfähig sein wollen.
Warum das wichtig ist? Personalintensive Wissensarbeit gerät unter Druck. Da gilt für Medienhäuser das Gleiche wie für Kanzleien und Beratungen. Vor allem Start-ups machen vor, dass sich ihr Geschäft auch mit weniger Personal bewältigen lässt. Und man muss nicht bis ins Silicon Valley schauen, um diese Jungunternehmen zu finden.
Über den Trend zu „Tiny Teams“ hat meine Kollegin Luisa Bomke diese Woche am Beispiel von Strategy Frame berichtet. Die Strategieberatung von Christian Underwood sitzt in Düsseldorf und soll die Zahl ihrer Berater von 30 auf drei reduziert haben. Möglich ist das durch Automatisierung.
Der Text hat für Diskussionen gesorgt. Viele Leserinnen und Leser hinterfragen, ob und wie sich die Qualität der Beratung verändert. Manche können die Geschichte nicht glauben. Und dann sind da noch Menschen, die offen schreiben, dass ihnen die ganze Entwicklung Sorgen bereitet.
Beim Lesen der zahlreichen Kommentare kam mir ein Gedanke, der mich seitdem nicht loslässt: Die Darstellung von KI als Assistenten oder Agenten führt womöglich zu einer falschen Vorstellung. Denn die Personifizierung bestärkt das Gefühl, KI würde Mitarbeiter in Unternehmen eins zu eins ersetzen. Aus meiner Sicht ist das mitnichten der Fall.
In der ersten Ausgabe unseres KI-Briefings vor knapp zwei Jahren habe ich geschrieben, dass Künstliche Intelligenz Geschäftsmodelle verändern wird. Wie, das wird allmählich klarer.
Ein Geschäft wie die Beratung wird durch KI zum Software-Business. Das zeigt nicht nur das Beispiel von Strategy Frame, sondern auch die Vorgehensweise von Firmen wie OpenAI, Mistral und Aleph Alpha, die mit eigenen Teams zu ihren Kunden gehen, um Automatisierungspotenzial zu erkennen und maßgefertigte Systeme zu hinterlassen.
In einem scharfsinnigen Kommentar hat James O’Dowd, Gründer der auf Personalstrategie spezialisierten Beratung Patrick Morgan, jüngst dargelegt, warum die Softwareberatung dem traditionellen Modell überlegen sein wird. Das individualisierte, tief im Unternehmen verankerte KI-System werde eng verknüpft mit Compliance, Betriebsprozessen und Marktstrategien, schreibt er. Und wer es herausreiße, riskiere den Kollaps.
100. Folge: So macht KI Beratung zum Softwarebusiness
Spannend finde ich die Frage, bei welchen Aufgaben menschliche Arbeit für uns dauerhaft einen Eigenwert hat. Für mich zum Beispiel ist klar, dass wir dieses Editorial dauerhaft persönlich schreiben. Erstens wäre es absurd, wenn sich hier künftig die Chatbots selbst bewerten. Und zweitens bin ich überzeugt, dass Menschen vielmehr interessiert, was andere Menschen denken – gerade weil ihre Perspektiven unterschiedlich sind, Fehleinschätzungen enthalten können und sich durch Diskussionen und Erfahrungen wieder verändern.
Damit mein Output spannender bleibt als der eines Chatbots, brauche ich aber erst einmal Urlaub. In den nächsten Wochen übernehmen an dieser Stelle daher meine Kolleginnen Luisa Bomke und Lina Knees. Bis dahin: eine gute Zeit! Ihre Larissa Holzki
Worüber die Szene spricht
Über den Megadeal der Gründer von Cognigy. Für 955 Millionen Euro verkaufen die Düsseldorfer Unternehmer ihre Firma an den US-Konzern Nice. Der Cognigy-Exit ist damit der bisher größte KI-Deal Europas.
Was dahinter steckt:
- Cognigy gilt als einer der führenden europäischen Entwickler von Sprach- und Chatbots für den Kundenservice.
- Diese Bots beantworten Fragen, erledigen einfache Aufgaben, arbeiten dabei kanalübergreifend und in mehr als 100 Sprachen.
- Kunden wie der Autokonzern Mercedes-Benz, die Fluggesellschaft Lufthansa und der Industriezulieferer Bosch integrieren die Cognigy-Bots auch in ihre eigenen Systeme.
Künftig wird die Firma als eigenständige Geschäftseinheit unter dem Dach von Nice agieren, das Unternehmenskunden beim Management von Kundenkontakten hilft.
In der Community läuft nun natürlich die große Debatte, was das für den Standort bedeutet. Das hängt bei einem wagniskapitalfinanzierten Start-up auch maßgeblich davon ab, wer am Verkauf verdient und wie das Geld reinvestiert ist.
Die gute Nachricht: Die Gesellschafter kommen überwiegend aus Europa. Die Gründer Philipp Heltewig und Sascha Poggemann halten zum Verkaufszeitpunkt zusammen noch fast 30 Prozent an der Firma. Die Pariser Wagniskapitalfirma Eurazeo hält 16 Prozent, DN Capital aus London elf Prozent und DTCP aus Hamburg neun Prozent. Letztere Firma gehörte ursprünglich zur Deutschen Telekom. Und weil der Telekommunikationskonzern bis heute ein Ankerinvestor bei DTCP ist, profitiert auch er von dem Deal.
Wie es mit der Firma Cognigy selbst weitergehen soll, lesen Sie bei meiner Kollegin Luisa Bomke, die kurz nach dem Deal mit CEO Heltewig gesprochen hat.
Was Sie sonst noch wissen sollten
1. Laut Meta-Chef Mark Zuckerberg ist die Entwicklung einer Superintelligenz „in Sicht“. Um dabei selbst eine Rolle zu spielen, will der Facebook-Konzern Einnahmen aus seinem Werbegeschäft noch entschiedener in KI-Infrastruktur und -Entwickler stecken. Philipp Alvares hat sich die Zahlen angeschaut: Allein 2025 sollen mindestens 66 Milliarden Dollar fließen, bis 2026 könnten es mehr als 100 Milliarden werden. Konkret arbeitet Meta an einer leistungsstarken KI für smarte Brillen, die künftig alles mitbekommen soll, was der Nutzer hört und sieht. Meine Kollegin Lina Knees beschreibt das in einem Kommentar als Albtraum. Was Sie in dem Zusammenhang auch zur Kenntnis nehmen sollten: Als einziger US-Techkonzern hat Meta den KI-Verhaltenskodex der EU nicht unterschrieben.
2. Microsoft wächst so stark wie seit drei Jahren nicht – dank KI und Cloud. Der Konzern erzielte von April bis Juni 76 Milliarden Dollar Umsatz. Das ist eine Steigerung von 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und übersteigt die Erwartungen der Analysten deutlich. Vor allem die Cloud-Sparte profitierte vom KI-Boom. Im gesamten Geschäftsjahr, das mit dem zweiten Quartal endet, knackte der Umsatz mit der Azure-Cloud die Marke von 75 Milliarden Dollar. An der Börse erreichte Microsoft nach Vorlage der Zahlen erstmals eine Bewertung von vier Billionen Dollar. Mein Kollege Felix Holtermann berichtet, wie Microsoft seine KI-Strategie nun ausweitet und sich aus der Abhängigkeit von OpenAI lösen will.
3. Apple überzeugt mit Rekordzahlen – aber nicht mit seiner KI-Strategie. Der Konzern hat im vergangenen Quartal so viele iPhones verkauft wie noch nie zuvor. Der Umsatz stieg im Jahresvergleich um mehr als 13 Prozent auf 44,6 Milliarden Dollar und damit so stark wie seit Jahren nicht mehr. Auch der Gesamterlös übertraf mit 94 Milliarden Dollar die Erwartungen deutlich. Grund dafür war neben einem neuen Modell auch die Zollpolitik von Donald Trump: Aus Sorge vor Preiserhöhungen der aus dem Ausland importierten Geräte besorgten sich wohl viele Kunden noch schnell ein neues. Was unserem Silicon-Valley-Reporter Philipp Alvares bei all den guten Zahlen natürlich nicht entgeht: Beim Thema KI muss Apple nachlegen. Konzernchef Tim Cook plant dafür wohl Übernahmen.
4. Donald Trump erhöht mit einem KI-Aktionsplan den Druck auf die EU. Die Pläne reichen von beschleunigtem Infrastrukturausbau über den Abbau von Umweltauflagen bis hin zur Vorgabe „objektiver Wahrheiten“ für KI-Systeme. Ein Team von Handelsblatt-Reportern in den USA, Deutschland und bei der EU in Brüssel analysiert, was das für Europa bedeutet – und warum nun auch in Deutschland mehr Koordination nötig ist.
5. Der KI-Boom könnte zur Blase werden. Darauf deuten verschiedene Geschehnisse am Aktienmarkt hin. So haben sich Anleger eine Billion Dollar geliehen, um an der New Yorker Börse zu spekulieren. Die Handelsblatt-Finanzmarkt-Experten Andreas Neuhaus und Frank Wiebe erklären, warum das ein gefährliches Zeichen ist, und zeigen in sieben Grafiken die Gefahr an den Märkten.
6. Unser Silicon-Valley-Reporter hat einen Einblick in das Innovationslabor Google X bekommen. Die Forschungseinheit des Alphabet-Konzerns entwickelt Technologien abseits des Kerngeschäfts: von autonomen Drohnen über neue Internet-Technologien bis hin zu KI-Systemen wie Google Brain. Dabei arbeiten Raketenentwickler neben Elektroingenieuren, Künstler neben Programmierern. Philipp Alvares konnte jetzt vor Ort mit X-Chef Astro Teller sprechen und berichtet, wie Googles Geheimlabor tickt.
7. Die Allianz prüft mithilfe einer KI, ob sie alle regulatorischen Vorgaben erfüllt. Die Software ist eine gemeinsame Entwicklung des Versicherers mit dem Start-up Noxtua und weiteren Partnern. Sie hilft etwa dabei, die Compliance-Vorgaben des AI Acts der EU einzuhalten. Dazu analysiert die Software in Echtzeit interne Dokumente und erkennt mögliche Risiken – auch bei sensiblen Themen wie dem Datenschutz. Meine Kollegin Luisa Bomke berichtet, wie die Allianz das System genau einsetzt und welche EU-Verordnungen die KI sonst noch prüfen kann.
Grafik der Woche
Im Geschäft mit Unternehmenskunden verliert OpenAI offenbar Marktanteile an Anthropic und Google. Darauf deutet etwa eine stichprobenartige Umfrage von Menlo Ventures unter 150 technischen Entscheidern bei Konzernen und Start-ups hin. Konkret geht es dabei um den Zugang zu KI-Modellen über eine Schnittstelle. Während ChatGPT weiterhin der bekannteste und beliebteste Chatbot ist, sind die Machtverhältnisse bei Prozessen im Hintergrund also offenbar anders. Ein Treiber der Entwicklung dürfte die Nutzung von Anthropic beim Programmieren sein.
Was wir lesen
OpenAI bietet jetzt auch Beratung an. Für zehn Millionen Dollar implementiert der ChatGPT-Entwickler sein KI-Modell in Ihrem Unternehmen. (Forbes)
Samsung und Tesla beschließen einen 16,5-Milliarden-Dollar-Deal für Chips. Der Chef des E-Auto-Herstellers Elon Musk will die Optimierung der Chipproduktion bei dem koreanischen Elektronikkonzern dafür selbst überwachen. (Handelsblatt)
Peking verlangt von Nvidia Auskünfte zu Ortungstechnik und Schwachstellen. Der US-Halbleiterhersteller steht wegen seines China-Geschäfts unter Druck. (dpa/HB)
18 US-Nachrichtendienste experimentieren mit Künstlicher Intelligenz. Zwar haben die USA wohl die bessere Technologie – aber China könnte sie besser nutzen. (The Economist)
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt prüft den bundesweiten Einsatz von Palantir bei der Polizei. Die KI-Firma von Tech-Investor Peter Thiel und ihre Software ist aber umstritten. (Tagesschau)
Eltern in Texas lassen ihre Kinder von einer KI unterrichten. An der sogenannten „Alpha School“ passt sich der Lehrplan an die Kinder an und umfasst nur zwei Stunden täglich. (New York Times)
Handelsblatt KI-Community
Ist es Ihnen aufgefallen? Düsseldorf schwingt sich mit dem Exit von Cognigy und dem Tiny Team von Strategy Frame gerade zur KI-Hauptstadt auf. Und wir bilden uns natürlich ein, dass das mit dem Einfluss des Handelsblatt KI-Teams zu tun hat, das vor zwei Jahren in unserer Düsseldorfer Zentrale gestartet ist. Vielleicht erinnern Sie sich: Die erste von 100 Folgen unseres KI-Briefings haben wir im August 2023 in der Print-Ausgabe abgedruckt.
Kennen Sie schon...?
Wer ist Jan Oberhauser? Der Gründer des Berliner Start-ups n8n. Auf der Plattform lassen sich aus KI-Agenten und anderen Funktionen Geschäftsprozesse individuell zusammenbauen und automatisieren.
Wo kommt er her? Aus der Filmbranche. Als Techniker für Spezialeffekte schrieb er immer wieder dieselben Codezeilen und kam schließlich auf die Idee einer Plattform, auf der bestehende Software-Bausteine zu neuen Programmen zusammengesteckt werden können.
Was hat er vor? Geld einsammeln und die Bewertung steigern. Nach Informationen der britischen Tageszeitung „Financial Times“ verhandelt n8n über eine neue Finanzierungsrunde und könnte mit 1,5 Milliarden US-Dollar bewertet werden. Meine Kollegin Lina Knees hat sich in Finanzierungskreisen umgehört. Das Marktgerücht kann sie bestätigen – und vielleicht geht die Bewertung noch weiter nach oben!
Das sollten Sie NICHT ausprobieren
Finger weg von fremden Chatverläufen. Aus aktuellem Anlass sagen wir Ihnen ausnahmsweise einmal, was Sie als ChatGPT-Nutzer lieber nicht tun sollten.
- Teilen Sie keine Links zu Ihren Chatverläufen in ChatGPT, wenn Sie nicht wollen, dass die ganze Welt mitlesen kann. Denn Links, die zu den Chats führen, waren bis gestern über Google zu finden. Inzwischen arbeitet OpenAI daran, die privaten Konversationen aus der Suchmaschine zu entfernen.
- Klicken Sie nicht auf Links zu fremden Chatverläufen. Wer die Konversationen anderer Nutzer öffnet, kann seine eigenen ChatGPT-Antworten ungewollt beeinflussen. Mit der sogenannten „Prompt Injection“ können Angreifer das Antwortverhalten Ihres Bots sogar bewusst manipulieren und beispielsweise Falschinformationen einfließen lassen.
Dass solche Injektionen tatsächliche Auswirkungen haben, zeigt ein Beispiel, von dem die Mathematikerin Barbara Lampl meiner Kollegin Lina Knees berichtet hat. Um einer Kollegin zu zeigen, wie sich ChatGPTs Sicherheitsfilter umgehen lässt, hatte sie die kuriose Frage formuliert, wie man ein 75 Kilo schweres „Haustier-Huhn“ entsorgt. Als Antwort bekam sie daraufhin von dem Chatbot die Anleitung, wie man eine Leiche loswird. Den Chat teilte sie dann mit der Kollegin.
Laut Barbara Lampl hat die Kollegin den Chat nur geöffnet und wieder geschlossen. Doch als sie ChatGPT später aufforderte, ein Bild zu erstellen, spuckte der Bot einen Comic aus, der Schritt für Schritt die Beseitigung einer schweren Hühnerleiche illustrierte. Der Chatverlauf von Lampl hatte ihr eigenes Projekt also beeinflusst, obwohl sie mit ihm gar nicht interagiert hatte.
Was Sie nun wirklich tun sollten: Gehen Sie in Ihren ChatGPT-Einstellungen auf „Datenkontrollen“ und klicken Sie auf „Weitergegebene Links“. Dort können Sie überprüfen, welche Ihrer Chats öffentlich sind. Wenn Sie die Informationen darin nicht mit der Welt teilen wollen, stellen Sie die Chats auf „privat“.
Wo Sie uns nächste Woche treffen
In den Nordics. Ich mache Urlaub in Schweden und Finnland und Lina verspeist das ein oder andere Smörrebröd in Kopenhagen. Das KI-Briefing Nummer 101 erscheint natürlich trotzdem. Luisa hält in der neuen KI-Hochburg Düsseldorf für das KI-Team die Stellung.
Das war das KI-Briefing Nummer 100. Mitarbeit: Luisa Bomke, Lina Knees, Hendrik Wünsche (Grafik). Wenn Sie auch nächste Woche wieder mitlesen wollen, abonnieren Sie das KI-Briefing am besten als Newsletter.