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GastkommentarDer China-Schock bedroht Europas Industrie – wir können uns wehren

Die Kostennachteile gegenüber China dürften auf Verzerrungen des Wettbewerbs zurückgehen. Ein Blick auf den Umgang der USA mit China kann helfen, meinen Alicia García-Herrero und Jürgen Matthes. 14.01.2026 - 20:09 Uhr Artikel anhören
Der Hafen von Qingdao: Die EU muss reagieren. Foto: imago images/VCG

Das Handelsbilanzdefizit des Euro-Raums gegenüber China hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt. Das liegt nicht nur an Produktivitätsfortschritten in China, sondern auch an Wechselkursverzerrungen und deflationären Tendenzen. Da dies den China-Schock 2.0 für die europäische Industrie weiter verschärft, muss die EU darauf robust reagieren.

Im Euro-Raum stiegen die industriellen Erzeugerpreise zwischen Januar 2020 und November 2025 mit 36 Prozent besonders stark: vor allem im Jahr 2021 wegen der massiven Coronavirus-bedingten Lieferkettenengpässe und ab 2022 wegen der Energiekrise.

Chinas Industrie trafen diese Sondereffekte kaum, sie leidet aber seit Mitte 2022 unter chronischer Deflation. So stiegen die chinesischen Erzeugerpreise seit 2020 gerade mal um 1,6 Prozent. Der immense Unterschied zwischen Europa und China bei Kosten und Preisen hat das Handelsbilanzdefizit so deutlich wachsen lassen.

Die deutlich erhöhten europäischen Netto-Importe ließen auch die Netto-Nachfrage des Euro-Raums nach Yuan stark steigen – das gilt auch, wenn man bilaterale Kapitalflüsse, Gewinntransfers aus China und den europäischen Überschuss im Dienstleistungshandel einbezieht.

Daher hätte der Yuan im Vergleich zum Euro deutlich aufwerten müssen. Aber eine solche Marktreaktion, die das Handelsbilanzdefizit wieder verringert hätte, gab es nicht. Der Grund: Chinas Währung ist nicht flexibel, sondern wird aktiv gesteuert und eng am US-Dollar orientiert.

Statt stark aufzuwerten, wertete der Yuan in der Folge gegenüber dem Euro seit Anfang 2020 sogar noch leicht ab – auch getrieben vom steigenden Dollar im vergangenen Jahr.

Der China-Schock bedroht Europas Industrie

Das Ergebnis war eine enorme reale Aufwertung des Euros um rund 43 Prozent gegenüber dem Yuan zwischen Januar 2020 und November 2025. Diesen immensen Kostennachteil kann Europa durch nötige entschiedene Reformen bei Bürokratie, Energiepreisen und Arbeitskosten nicht realistisch ausgleichen.

Europa schneidet also beim Kostenvergleich mit China nicht unbedingt deshalb so schlecht ab, weil es selbst verschuldet an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Das zeigt auch der Vergleich mit anderen Handelspartnern außer China: Hier ist der Euro-Raum durchaus wettbewerbsfähig und weist 2025 einen Handelsbilanzüberschuss von weit über 400 Milliarden Euro auf.

Daraus folgt: Die enormen Kostennachteile gegenüber China dürften zu einem erheblichen Teil auch auf Wettbewerbsverzerrungen zurückgehen, also die massive Yuan-Unterbewertung und die hohen chinesischen Subventionen.

Der damit verbundene China-Schock bedroht die europäische Industrie. Brüssel muss deshalb eine robuste handelspolitische Antwort auf diese Verzerrungen liefern. Die bisherigen Handelsschutzinstrumente der EU greifen zu kurz: Sie sind langwierig, werden sehr selektiv auf einzelne Produkte und Unternehmen angewendet und schützen nur den EU-Markt.

Die USA könnten Vorbild für die EU sein

Wir schlagen zwei Optionen vor, um dieses Problem anzugehen, ohne in Protektionismus zu verfallen:

Erstens könnte die EU ein Instrument schaffen, das Verzerrungen des realen Wechselkurses explizit adressiert. Die USA haben das schon vor einiger Zeit ein Stück weit getan.

Gemäß dem Trade Facilitation and Trade Enforcement Act von 2015 prüft das US-Finanzministerium regelmäßig drei Kriterien im Handel mit anderen Ländern: deutlich erhöhte Werte für das bilaterale Handelsbilanzdefizit und für den gesamten Leistungsbilanzüberschuss sowie signifikante Devisenmarktinterventionen des Landes, um eine Aufwertung der eigenen Währung zu verhindern.

Wenn alle drei Kriterien erfüllt sind, wird ein Prozess eingeleitet, der mit politischen Konsultationen beginnt und mit Ausgleichszöllen enden kann. Dieser Ansatz erscheint auch für die EU sinnvoll. Angesichts der Erfahrungen mit China sollte er aber ergänzt werden um die Entwicklung des realen Wechselkurses, auch auf Ebene von Branchen.

Reform der bestehenden EU-Instrumente

Zweitens und alternativ könnte die EU die bestehenden Antisubventions- und Antidumpinginstrumente reformieren. Dabei sind die WTO-Regeln möglichst weitgehend zu beachten, auch wenn das nicht bei jeder Detailvorschrift mehr möglich sein mag.

Die Instrumente sollten schneller werden. Vor allem sollten sie auf eine breitere Produktpalette anwendbar sein als bisher. Die Yuan-Unterbewertung ist eine Grundlage dafür: Sie kommt einer Subvention gleich und beeinträchtigt die europäische Produktion in der Breite.

Eine darauf gerichtete Änderung der EU-Antisubventionsregeln könnte daher Ausgleichszölle für viele Produkte ermöglichen. Zudem sollten die bestehenden Instrumente mit anderen Ländern im Rahmen einer Koalition der Willigen koordiniert werden, sodass auch EU-Exporte auf diesen Drittmärkten geschützt wären. Die WTO-Regeln ermöglichen dies zumindest im Grundsatz.

Diese Ansätze mögen zwar über eine enge Interpretation der WTO-Regeln hinausgehen und könnten zu Vergeltungsmaßnahmen Chinas führen. Doch ohne diese Reformen kommt die EU-Industrie durch die auch währungsbedingten Wettbewerbsverzerrungen Chinas zu sehr unter Druck.

Zudem hat der hier vorgeschlagene Weg sehr viel weniger Nachteile als  Vorgaben, einen Großteil der Wertschöpfung in der EU zu halten. Solche protektionistischen Local-Content-Vorschriften werden derzeit von immer mehr Seiten gefordert, um EU-Jobs zu schützen. Denn wenn die EU bei Zulieferprodukten in der Breite hohe EU-Wertschöpfungsanteile vorschriebe, würde sie die Globalisierung aushebeln, wegen hoher Vorleistungskosten die eigene Wettbewerbsfähigkeit weiter beeinträchtigen und neue, hohe Bürokratielasten schaffen.

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Die Autoren:

Alicia García-Herrero ist Senior Research Fellow beim europäischen Thinktank Bruegel. Foto: Getty Images News/Getty Images
Jürgen Matthes ist Leiter Internationale Wirtschaftspolitik, Finanz- und Immobilienmärkte am Institut der deutschen Wirtschaft. Foto: Laurin Schmidt / Sachverständigenrat
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