Cognigy: Wie es für das KI-Start-up nach dem Verkauf an Nice weitergeht
Düsseldorf. Es ist eine der größten KI-Transaktionen Europas: Der US-Softwareanbieter Nice übernimmt das Düsseldorfer Start-up Cognigy für 955 Millionen Dollar. Das Unternehmen entwickelt sogenannte KI-Agenten – automatisierte Sprachassistenten, die Kundenanfragen beantworten, Aufgaben erledigen und sich in bestehende Systeme integrieren lassen. Zu den Kunden zählen Lufthansa, Bosch, Toyota, Eon und Ergo.
Cognigy gilt als einer der führenden europäischen Anbieter im Bereich Conversational AI – dialogorientierter KI. Künftig wird die Firma als eigenständige Geschäftseinheit unter dem Dach des Nasdaq-notierten Tech-Konzerns Nice agieren, eines Weltmarktführers im Bereich Customer-Experience, also Kundenwahrnehmungen, die sich aus Interaktionen mit einem Unternehmen ergeben.
Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Cognigy-Chef Philipp Heltewig, warum er sich gemeinsam mit Mitgründer Sascha Poggemann für den Exit entschieden hat, wie es mit dem Team weitergeht – und warum er die Kritik an einem „Verkauf deutschen Know-hows“ für zu kurz gegriffen hält.
Cognigy will mit Nice seine Ziele schneller erreichen
„Natürlich hätten wir all das auch selbst entwickeln können“, sagt Philipp Heltewig. „Aber wenn wir unsere Vision eines sich selbst optimierenden, KI-basierten Kundenservice wirklich umsetzen wollen, dann geht das schneller mit einem globalen Partner.“
Die Wahl sei auf Nice gefallen, weil beide Seiten ähnliche Vorstellungen von der Zukunft des Kundenservice hätten – nämlich einen KI-first-Ansatz, der generative Sprachmodelle mit regelbasierten Prozessen kombiniert und sich flexibel in bestehende IT-Landschaften einfügt.
Das 1986 in Israel gegründete Unternehmen mit etwa 10.000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bietet Software für digitalen Kundenkontakt – darunter Sprach- und Textanalyse, Prozessautomatisierung sowie Betrugserkennung – und hat in den vergangenen Jahren mehr als 20 Firmen übernommen. Heute hat Nice einen Börsenwert von knapp zehn Milliarden Dollar und in den vergangenen zwölf Monaten einen Umsatz von rund drei Milliarden Dollar erwirtschaftet.
Nice bringe nicht nur die nötige technologische Infrastruktur mit, sondern auch ein riesiges Vertriebs- und Servicenetz, sagt Heltewig. „Das ist Power, die wir als eigenständiges Start-up nicht in dieser Geschwindigkeit aufbauen könnten.“ Technologisch sei das Unternehmen in Analystenberichten die Nummer eins, weiß Heltewig – „auch wenn es in Deutschland kaum jemand kennt“. Aber das werde sich nun ändern.
Der Verkauf war also strategisch motiviert – und auch finanziell ein Erfolg. „Gerade die ganz frühen Geldgeber haben das 30- bis 35-Fache ihres Investments zurückbekommen“, sagt Heltewig. Die erste Finanzierung habe noch auf Basis einer Powerpoint-Präsentation stattgefunden – ohne Produkt, ohne Kunden.
Offiziell äußert sich Cognigy nicht zu den exakten Ausschüttungen an einzelne Anteilseigner. Fest steht: Der US-Investor Insight Partners hielt zuletzt etwa 17 Prozent an der Firma, gefolgt von Eurazeo (16 Prozent), DN Capital (elf Prozent) und DTCP (knapp neun Prozent). Das Gründerteam hielt rund 29 Prozent der Anteile, ergänzt durch weitere Minderheitsgesellschafter wie Nordic Makers und einzelne Business-Angels.
„Die Zustimmung unter den Investoren war einstimmig“, betont Heltewig. Um zentrale Personen im Unternehmen langfristig zu binden, wurden für das Führungsteam und viele Mitarbeitende Retention-Programme vereinbart – also finanzielle Anreize, um auch nach dem Exit an Bord zu bleiben. Laut Handelsblatt-Informationen gab es keine Liquidationspräferenzen – die Beteiligten haben den Erlös demnach nach ihren Anteilen erhalten.
Aus Sicht der Investoren stimmte nicht nur der Preis. Gülsah Wilke, Partnerin beim Investor DN Capital, sagt: „Bei der Übernahme musste es nicht nur preislich passen, sondern auch kulturell.“ Cognigy und Nice seien ein „Perfect Match“.
Natürlich wäre ein Käufer aus Deutschland wünschenswert gewesen, sagt Wilke – „aber dieser Deal ist trotzdem ein starkes Signal: Ein deutsches Gründerteam baut eine internationale Tech-Firma auf – und bleibt mit Team und Technologie in Deutschland, um seine Kunden weiter vor Ort zu betreuen.“ Für DN Capital markiert der Deal das „dritterfolgreichste Jahr in der Geschichte“, sagt Wilke.
„Kein Abfluss, sondern ein Investment in den Standort“
Noch in der vergangenen Woche hatte Rafael Laguna de la Vera, Bundesbeauftragter für Sprunginnovationen, in einem Gastbeitrag vor einem wachsenden „Verkauf von Technologie und Know-how ins Ausland“ gewarnt – verbunden mit der Sorge, dass Talente und Wertschöpfung gleich mit abwandern könnten.
Philipp Heltewig sagt: „Wir sollten Aufkauf nicht mit Abwanderung verwechseln.“ Cognigy wolle auch unter dem neuen Dach weiter in Europa wachsen. Für ihn ist der Deal kein Kapitalabzug, sondern ein klares Bekenntnis zum Standort: „Das Kapital aus dem Exit geht an Fonds und Business-Angels – viele davon mit Sitz in Deutschland. Dieses Geld kann wiederum in neue Start-ups fließen.“
Dass in Deutschland kaum Tech-Konzerne existieren, die Übernahmen in dieser Größenordnung stemmen können, sieht Heltewig als strukturelles Problem: „Wir haben SAP – und dann lange nichts.“ Wer als europäisches Unternehmen mit einer langfristigen Vision an den Markt gehe, müsse sich international aufstellen. „Wir haben viele Gespräche geführt – und uns bewusst für Nice entschieden.“
Kurz nach der Bekanntgabe des Deals hätten viele Kunden direkt zum Hörer gegriffen – oder seien von Heltewig direkt kontaktiert worden. Die Frage sei überall dieselbe gewesen: „Bleibt ihr eigenständig? Bleibt alles so stabil, wie wir es kennen?“ Heltewigs Antwort: „Ja. Die Plattform bleibt eigenständig, der Standort erhalten, Datenschutz und Compliance bleiben zentrale Pfeiler.“ Gerade für Großkunden aus regulierten Branchen sei Vertrauen in Datensicherheit, Datenhoheit und IT-Stabilität essenziell.
Das Unternehmen wird unter dem Namen „Nice Cognigy“ als eigenständige Geschäftseinheit weitergeführt – mit eigenem Produktteam und deutschem Management. Einen Stellenabbau werde es nicht geben – im Gegenteil.
„Nice hat uns nicht nur wegen der Technologie übernommen, sondern auch wegen unserer Leute“, sagt er. Die Expertise des Entwicklerteams und das Marktverständnis im Vertrieb seien entscheidend gewesen. Der Standort Düsseldorf soll künftig eine Schlüsselrolle spielen: „Wir sind für Nice das Sprungbrett nach Deutschland und Kontinentaleuropa.“ Eine Verdreifachung der Mitarbeiterzahl in Deutschland hält Heltewig in den kommenden Jahren für realistisch.
Barry Cooper, Präsident der Customer-Experience-Sparte von Nice, erklärt, dass der Konzern jahrelang den Markt beobachtet hätte und so auf Cognigy aufmerksam wurde. „Es gibt Hunderte Anbieter in diesem Bereich – aber wahrscheinlich nur acht oder neun, die wirklich zur Weltspitze gehören“, sagt Cooper.
Die Düsseldorfer seien ihm durch Qualität und Technologie aufgefallen. Aber Nice sehe Europa zunehmend auch als Innovationshub. Insgesamt hat Nice 22 Unternehmen übernommen, Cognigy aber sei eines der wichtigsten, so Cooper.
Auch technologisch versteht Cognigy den Zusammenschluss als Chance: Die bestehenden KI-Agenten sollen um Funktionen aus dem Nice-Portfolio erweitert werden – etwa um Kampagnenmanagement, prädiktive Analyse und tiefere Systemintegration.
Zunächst steht jedoch der Übergang im Vordergrund. Der Abschluss der Übernahme wird bis spätestens Ende 2025 erwartet. „Bis dahin arbeiten beide Unternehmen unabhängig – das ist vorgeschrieben“, erläutert Heltewig. „Aber wir bereiten alles vor, um danach direkt durchzustarten.“
Erstpublikation: 29.07.2025, 10:39 Uhr.