Emissionen: Deutschland ist nur noch „Mittelmaß“ beim Klimaschutz
Berlin. Deutschland ist im ersten Regierungsjahr von Union und SPD bei den Klimaschutzbemühungen zurückgefallen. Das zeigt der Klimaschutz-Index (KSI) 2026 der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch und der Denkfabrik New Climate Institute. Sie veröffentlichten den Bericht am Dienstag auf der Weltklimakonferenz im brasilianischen Belém.
Mit Platz 22 liege Deutschland auf der „schwächsten Platzierung seit sechs Jahren“, heißt es in dem Bericht. Das Land sei in den meisten Kategorien „ins Mittelmaß“ abgerutscht. Knapp die Hälfte der EU-Staaten liegt nun vor Deutschland. In dem Ranking vergleichen die Autoren seit 2005 jährlich die Klimaschutzbemühungen von 63 Ländern und der EU. Zusammen stehen diese Länder für mehr als 90 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen.
Deutschlands Platzierung begründet Co-Autor Jan Burck von Germanwatch mit Rückschritten in Teilen der Klimapolitik, dem starken Fokus auf Gas und der Tatsache, dass in den Sektoren Verkehr und Gebäude noch immer Maßnahmen zur Emissionssenkung fehlen. In diesen Sektoren werden die Klimaschutzziele der Bundesregierung seit Jahren überschritten. „Mit dem Klimaschutzprogramm muss die Bundesregierung in den kommenden Wochen entscheidende Weichen stellen, um wieder auf Kurs zu kommen“, sagte Burck dem Handelsblatt.
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) will noch in diesem Jahr ein neues Klimaschutzprogramm vorlegen. Dieses soll effektive Maßnahmen für den Klimaschutz im Gebäude- und Verkehrssektor bis 2030 enthalten.
Die Bundesregierung ringt seit Monaten um ihren klimapolitischen Kurs. Teilen der Union geht der Klimaschutz zu weit. Sie wollen die Klimaziele zeitlich weiter in die Zukunft schieben. Einzelne klimapolitische Maßnahmen wurden korrigiert.
So nahm die Bundesregierung die von der Ampelregierung beschlossene Agrardieselvergütung für Landwirte zurück. Vergangene Woche einigte sich der Koalitionsausschuss darauf, ab Juli 2026 die Ticketsteuer im Luftverkehr zu senken.
„Petrostaaten unter sich“
Insgesamt zeigt der KSI zwar, dass die globale Staatengemeinschaft beim Schutz des Klimas vorankommt. „Fortschritte sind über die Jahre unübersehbar“, sagt Co-Autorin Thea Uhlich von Germanwatch. Sie nennt dabei sinkende globale Emissionen pro Kopf, massiv wachsende Kapazitäten bei den erneuerbaren Energien sowie Investitionen in Elektrifizierung.
Doch das Bild ist uneinheitlich. Die Vereinigten Staaten haben sich mit ihrem Präsidenten Donald Trump mit dem Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen von ambitioniertem Klimaschutz verabschiedet. Die USA sind im Ranking Drittletzter – knapp hinter Russland und nur vor Saudi-Arabien und dem Iran. „Damit sind die größten Petrostaaten unter sich“, heißt es in der Auswertung.
Den KSI-Report haben in diesem Jahr rund 450 Autoren unterstützt. Sie bewerteten und gewichteten vier Kategorien:
- Emissionsniveau und -trend (40 Prozent)
- Ausbau der erneuerbaren Energien (20 Prozent)
- Energieverbrauch (20 Prozent)
- Klimapolitik (20 Prozent)
Kein Land tut genug – die ersten drei Plätze bleiben unbesetzt
Dänemark steht im fünften Jahr in Folge an der Spitze des Rankings, allerdings auch nur auf Platz vier. Die ersten drei Plätze bleiben symbolisch frei, da insgesamt keines der Länder genug tue, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Dazu müssten sie die Erderwärmung langfristig auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten begrenzen.
Auch innerhalb der Europäischen Union zeigt sich ein uneinheitliches Bild. Die EU als Ganzes verschlechtert sich um einen Platz auf Rang 20. Zehn EU-Länder liegen vor Deutschland, 16 dahinter. Bulgarien auf Rang 51 ist das EU-Land mit der schwächsten Leistung.
Bei den größten Industrie- und Schwellenländern der Welt, den G20-Staaten, zeigt sich laut dem Bericht ein „besorgniserregendes Bild“: Zwar gebe es mit Großbritannien ein G20-Land in der Spitzengruppe. Es seien aber auch zehn G20-Staaten im untersten Bereich des Rankings eingestuft. Das sei besonders gravierend, da die G20 für mehr als drei Viertel der globalen Emissionen verantwortlich seien.
Burck sagte: „Wir haben eine Gruppe der Petrostaaten, die das fossile Zeitalter um jeden Preis fortsetzen will: arabische Staaten, die USA, Russland, teilweise auch Kanada und Australien. Die Mehrheit der G20 will das nicht – dennoch sind nicht alle entschieden genug beim Abbau der Emissionen, dem Ausbau der Erneuerbaren sowie Elektrifizierung und progressiver Klimapolitik.“
Emissionshöhepunkt in China bald erreicht?
Der weltgrößte CO2-Emittent China verharrt noch im hinteren Bereich – trotz eines laut dem Bericht „beispiellosen chinesischen Booms bei E-Autos, Akkus und erneuerbaren Energien“. Die schlechte Platzierung liegt an der Höhe der Emissionen und der Energienutzung. So wird in China noch sehr viel Kohle verbrannt.
Niklas Höhne, Wissenschaftler und Gründer des New Climate Institute, sagte: „Wir sehen klare Anzeichen, dass der Emissionshöhepunkt in China bald erreicht sein könnte.“ Es sei nun entscheidend, dass China nicht nur weiter schnell grüne Technologien ausbaue, sondern auch aus den fossilen Energien aussteige. „Das passiert bisher zu wenig.“