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Start-upsWie junge Firmen die Kreislaufwirtschaft vorantreiben

Gutes tun und Geld verdienen, lautet die Idee vieler Start-ups in der Kreislaufwirtschaft. Sie stellen etablierte Geschäftsprozesse infrage – und trimmen die Industrie auf Nachhaltigkeit.Volker Kühn 25.11.2025 - 11:16 Uhr Artikel anhören
Traceless-Gründerin Lamp (r.): Kampf gegen Plastikmüll mit Biokunststoff aus natürlichen Polymeren. Foto: picture alliance/dpa

Oldenburg. Kurz vor dem Bachelor-Abschluss rutschte Anne Lamp in eine Sinnkrise. Nicht weil sie fürchtete, keinen Job zu finden – als Verfahrenstechnikerin wäre sie bei Verpackungsherstellern oder in der Chemieindustrie eine gefragte Frau gewesen. Sondern weil sie mit vielen potenziellen Jobs haderte. „Ich wollte nicht dazu beitragen, das Müllproblem weiter zu vergrößern“, sagt Lamp. Herstellen, verbrauchen, wegwerfen, mit diesem Dreiklang, der das kurze Leben der meisten Produkte beschreibt, wollte sie sich nicht abfinden.

Auf der Suche nach einer Alternative stieß die Hamburgerin auf ein Wirtschaftsmodell, das ein deutscher Chemiker und ein US-Architekt in den Neunzigerjahren entwickelt hatten. Nach deren Überzeugung müssen alle Produkte so gestaltet sein, dass sie sich nach Gebrauch vollständig recyceln oder biologisch abbauen lassen. Statt als Abfall zu enden, kehren sie in neuer Form immer wieder in den Kreislauf zurück. „Cradle to Cradle“ nannten sie ihr Modell, „von der Wiege zu Wiege“.

Lamp war begeistert. Als sie später promovierte, konzentrierte sie sich auf den Bereich, in dem die Nebenwirkungen des klassischen Wirtschaftsmodells am deutlichsten sichtbar sind: die Plastikverschmutzung. Ihr Ziel war ein Herstellungsverfahren für umweltschonende Kunststoffalternativen.

Selbst wenn das Material in den Ozean gelangte, sollte es dort keinen Schaden anrichten, sondern sich in seine natürlichen Bestandteile zersetzen. Zwar gab es bereits biobasiertes oder biologisch abbaubares Plastik, doch das gleicht chemisch meist herkömmlichem Plastik und verrottet nur unter industriellen Bedingungen – oder gar nicht. Im Biomüll sind Bioplastiktüten daher paradoxerweise sogar verboten.

Plastikersatz aus der Bäckerei

Lamp setzte dagegen auf natürliche Polymere: Moleküle, die die Natur selbst hergestellt hat und die sie auch wieder abbauen kann. Gewinnen lassen sie sich aus Reststoffen der Getreideverarbeitung. Im Kompost löst sich das Material schon nach wenigen Wochen auf. Lamp entwickelte ein Verfahren, um aus Granulat Folien, feste Materialien oder hauchdünne Papierbeschichtungen herzustellen.

2020 wagte sie mit ihrem Wissen den Schritt in die Selbstständigkeit. Gemeinsam mit einer Partnerin gründete sie Traceless Materials. Fünf Jahre später sind aus zwei Angestellten hundert geworden. Zu den Partnern und Kunden zählen Firmen wie der Verpackungsmittelhersteller Mondi und der Versandhändler Otto.

Investoren steckten einen zweistelligen Millionenbetrag in das Start-up, und in einer früheren Großbäckerei in Hamburg eröffnet demnächst eine Produktion für mehrere Tausend Tonnen Plastikersatz pro Jahr. Das mag wenig sein im Vergleich zur globalen Plastikflut, doch Traceless setzt damit ein Ausrufezeichen in der Kunststoffindustrie.

Der Gedanke, Produkte weiterzuverwenden, statt sie wegzuwerfen, setzt sich nur zögerlich durch. Wie beschwerlich der Weg in Deutschland war, dokumentieren die Namen der Gesetze, die den Umgang mit Dingen regeln, die vermeintlich nicht mehr gebraucht werden: Auf das „Gesetz über die Beseitigung von Abfall“ (1972) folgten das „Gesetz über der Vermeidung und Entsorgung von Abfällen“ (1986), das „Gesetz zur Vermeidung, Verwertung und Beseitigung von Abfällen“ (1994) und schließlich das „Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen Bewirtschaftung von Abfällen“ (2012).

Schwieriges Umfeld

Inzwischen aber haben etliche Start-ups das Thema für sich entdeckt. Zwar ist Nachhaltigkeit angesichts von Krisen und Konflikten kein Selbstläufer wie noch vor einigen Jahren, als die Fridays-for-Future-Bewegung die Massen mobilisierte. Doch gerade die Vielzahl der Krisen unterstreicht die Bedeutung der Kreislaufwirtschaft, denn sie verspricht eine Antwort darauf: Wer bereits im Umlauf befindliche Materialien zurückgewinnt, ist ein Stück weit gefeit gegen unterbrochene Lieferketten, muss weniger Rohstoffe auf dem Markt nachkaufen und verkleinert auch den CO2-Fußabdruck seiner Produktpalette, braucht also weniger Emissionsrechte.

„Kreislaufwirtschaft ist nicht nur ökologisch und ökonomisch sinnvoll, sondern darüber hinaus sicherheitspolitisch hochrelevant“, sagt Nora Sophie Griefahn, geschäftsführende Vorständin von Cradle to Cradle NGO, einer Organisation, die sich die Förderung einer zirkulären Wirtschaft auf die Fahne geschrieben hat.

Für eine zukunftsfähige Abfallwirtschaft müssen wir eine solide Datengrundlage schaffen.
Benedict von Spankeren
Wasteer-Gründer

Beispiele für junge Unternehmen mit zirkulären Geschäftsmodellen finden sich in nahezu allen Branchen. Magnotherm aus Darmstadt etwa entwickelt Kühlgeräte, die mit einem Magnetfeld arbeiten und ohne toxische Kühlmittel auskommen. Triqbric aus Tübingen produziert Holzblöcke, die sich wie Lego-Steine zusammensetzen lassen. Daraus entstehen ganze Häuser, die sich bei Bedarf ab- und andernorts neu aufbauen lassen.

Brain of Materials aus Mönchengladbach hat eine Datenbank für zirkuläre Materialien aus verschiedenen Branchen aufgebaut, um Materialströme zu optimieren. Polycare aus Suhl stellt betonartige Baustoffe aus industriellen Nebenprodukten wie Schlacke her. Cylib aus Aachen recycelt Lithium-Ionen-Batterien und gewinnt wertvolle Rohstoffe zurück. Das aus der RWTH hervorgegangene Unternehmen zählt drei Jahre nach der Gründung mit seiner chemikaliensparsamen Technologie zu Europas führenden Batterierecyclern.

Risikoschutz und Einnahmequelle: Wie Kreislaufwirtschaft Unternehmen stärker macht
Ausgangslage
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Auch der Sektor, den die Kreislaufwirtschaft im Idealfall eines Tages überflüssig macht, zieht zirkuläre Start-ups an: die Abfallwirtschaft. Wasteer aus Berlin etwa hat eine Software entwickelt, die mithilfe von Kameras, Sensoren und Künstlicher Intelligenz die Abfallströme analysiert, die Tag für Tag lastwagenweise in Müllverbrennungsanlagen ankommen. Zwar sind wertvolle Inhaltsstoffe dann längst aussortiert. Doch auch diese „Reste der Reste“, wie Wasteer-Gründer Benedict von Spankeren sie nennt, verdienen einen genauen Blick. Denn oft werden darin Stoffe entsorgt, die nicht hineingehören – weil sie beispielsweise in der Brennkammer explodieren könnten oder weil sie aus Umweltschutzgründen anders behandelt werden müssten.

Hervorgegangen ist Wasteer aus einer Initiative des Abfallverwerters EEW. Das Unternehmen war bis dahin vor allem in der linearen Wirtschaft tätig. Man sei sich aber klar gewesen, dass man den Wandel hin zu einer Kreislaufwirtschaft aktiv unterstützten müsse, sagt Philipp Böhm, Geschäftsführer der hauseigenen Start-up-Schmiede NEEW Ventures. Unternehmen, in die man zu diesem Zweck hätte investieren können, gab es allerdings kaum. „Also haben wir beschlossen, selbst welche zu entwickeln.“

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Die Rahmenbedingungen für junge Unternehmen bezeichnet er allerdings als schwierig, vor allem in der Abfallwirtschaft. Schon die Definition von Abfall sei eine Hürde, ebenso die Produkthaftung, also die Frage, wann aus einem Abfall ein neues Produkt werden darf. Noch seien die Gesetze allzu oft für die lineare Welt gemacht.

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