Glosse: Warum die Grünen Globuli jetzt blöd finden

Die Grünen sind Fundamentalisten. Und sie sind Verbotspartei. Das sind die Vorwürfe, die sich die Grünen regelmäßig anhören dürfen. Aber geht das überhaupt? Gleichzeitig?
Beim Bundesparteitag am Freitagabend ging das nicht. Denn da hat die grüne Basis entschieden, dass Krankenkassen homöopathische Mittel nicht mehr erstatten sollen. Verbot!
Es ist eine neue Position für die Grünen. Und eine, die in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist. Da ist erst die Tatsache, dass die Grünen Homöopathie eigentlich einmal ziemlich gut fanden, auch wenn diese Fundi-Zeiten lange her sind. Jetzt haben sie genau die Gegenposition eingenommen.
Dann ist da die Tatsache, dass das Erstattungsverbot für Homöopathie gegen den Willen des Bundesvorstands durchgesetzt wurde – obwohl der größtenteils auch dafür ist.
Das Thema ins Rollen gebracht hatte überhaupt erst der Kreisverband Tempelhof-Schöneberg aus Berlin, der einen Antrag zum Erstattungsverbot vorlegte. „Wissenschaft statt Wünschelrute“, dazu müssten sich die Grünen endlich bekennen, rief Nina Freund vom Kreisverband den Delegierten entgegen. Eine Rede, die bei manchen Delegierten spürbar besser anschlug als jede Bachblüte.
Kann Spuren von Habeck enthalten
Bei den Grünen läuft es so, dass beim Parteitag neben vier Leitanträgen des Vorstands jedes Parteimitglied Anträge einreichen kann. Über die stimmt dann die Basis ab, die zehn Anträge mit den meisten Stimmen schaffen es ebenfalls auf die Tagesordnung.
Diesmal eben auch die Homöopathie – zum Leidwesen des Vorstands. Der will den Parteitag schließlich nutzen, um die Grünen wieder nach vorn zu bringen, um ihre Relevanz zu demonstrieren. Klimaschutz, Steuern, Ukraine. Und sich nicht der Gefahr hinzugeben, das von Themen überstrahlen zu lassen, die in der Bevölkerung nur homöopathische Dosen an Menschen interessieren. Aber die Basis wollte da zumindest an dieser Stelle nicht mitmachen.
Und dann ist da die Tatsache, dass das Thema Homöopathie 2020 eigentlich geklärt schien. Damals hatte der Vorstand um den damaligen Co-Parteichef Robert Habeck festgelegt: Die Grünen halten die Erstattung für okay, wenn diese nicht aus den Pflichtbeiträgen, sondern aus Zusatzbeiträgen finanziert wird. Damit schien das Thema lange Zeit befriedet. Bis jetzt.
Mit dem Antrag aus Tempelhof-Schöneberg, der das „Macht doch“ in ein „Lasst es sein“ wandelt, weckte man natürlich auch die Fundis wieder auf. Denn ein paar davon gibt es bei den Grünen schließlich schon noch. Und so hatte die meisten Redebeiträge zu dem Tagesordnungspunkt ein Herr, der leidenschaftlich dafür plädierte, die Grünen sollten Homöopathie aktiv fördern. Das passt erst recht nicht zum versuchten neuen Image einer modernen Partei.
Nicht zu vergessen ist auch die Tatsache, dass die Grünen im März 2026 dringend eine Wahl gewinnen wollen, die in Baden-Württemberg. Cem Özdemir soll dort das einzige Ministerpräsidentenamt verteidigen. Und der dortige Landesverband ist zeitgleich der konservativste der Grünen, aber amüsanterweise auch der Homöopathie-freundlichste. Auch, weil viele der Globuli-Hersteller im Ländle sitzen.
Unklare Dosis für Özdemir
Und so versuchte der Bundesvorstand – wie erwähnt größtenteils gegen die eigene Überzeugung – den Habeck-Kompromiss aufrechtzuerhalten. Er stellte diesen als Gegenantrag. So wie sich Hersteller von homöopathischen Mitteln deren Wirkung ausdenken müssen, musste sich Manuela Rottmann, Vorstandsmitglied und Schatzmeisterin, sich ausdenken, warum ausgerechnet der Vorstand die Tür für Homöopathie offenhalten will. Rottmanns Versuch: Es gibt in der Gesundheitsversorgung bedeutend wichtigere Dinge zu debattieren.
Das ist vermutlich so. Aber das Thema war jetzt eben gesetzt und Rottmanns Argument war offenbar zu niedrig dosiert. Und so stimmte eine deutliche Mehrheit der Delegierten unter Jubel im Saal für den Tempelhof-Schöneberg-Antrag und damit gegen die Globuli.
Auch deshalb, weil die Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta, Ärztin und bekannte Gegen-die-Grünenspitze-Bürsterin eine flammende Rede für das Erstattungsverbot hielt. Seit 2019 sei sie es gewesen, die diese Forderung im Vorfeld der Parteitage immer habe wegverhandeln müssen: „Ich habe keine Kraft mehr, dieses Thema Jahr um Jahr zu vertagen.“
Özdemir wird die neue Position seiner Partei im Wahlkampf in Baden-Württemberg erklären müssen. Wobei ihm das vielleicht gar nicht so ungelegen kommt. Der Schwabe baut seinen Wahlkampf schließlich vor allem durch Abgrenzung zur Bundespartei auf. Dafür hat er jetzt ein Thema mehr.