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GastkommentarEuropa sollte eine arktische Brigade nach Grönland schicken

Deutschland durchlebt einen Prozess des Erwachsenwerdens im Eiltempo. Wir können es uns nicht mehr leisten, nur folgenlos von der Seitenlinie zu kommentieren, schreibt Metin Hakverdi. 17.01.2026 - 13:59 Uhr Artikel anhören
Die Welt hat sich verändert – und mit ihr das transatlantische Verhältnis, meint Metin Hakverdi. Foto: picture alliance/dpa, Kay Nietfeld/dpa

Wie soll Deutschland mit den gewaltigen geopolitischen Herausforderungen unserer Zeit umgehen? Wir Deutschen hatten seit dem Krieg diese Fragen weitgehend den USA überlassen. Das Verhältnis zu ihnen war zwar nie ohne Reibung, aber geprägt von Wertegemeinschaft, enger Abstimmung, Sicherheit unter dem Schutzschirm der USA, gemischt mit Nostalgie von Rosinenbombern bis Reagan vor dem Brandenburger Tor.

Doch die Welt hat sich verändert – und mit ihr das transatlantische Verhältnis. Wer Trumps Washington verstehen will, muss akzeptieren: Die US-Außenpolitik setzt nun Interessen rigoros durch, strapaziert unsere Bündnisse mit territorialen Forderungen und spiegelt dazu mitunter die ideologischen Grabenkämpfe der US-Gesellschaft.

Gleichzeitig befinden wir uns in einem Dilemma: Noch können wir nicht allein für die Sicherheit in der Ukraine und in Europa sorgen, sind also auf die USA angewiesen.

Derweil denkt Europa aber weiter vor allem normativ, bleibt passiv. Auch deshalb hat die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA mit ihrer unverhohlenen Interessenpolitik und ihrem Kulturkampf gegen Europa viele Transatlantiker hierzulande in eine Krise gestürzt – und das Vertrauen der Bevölkerung in die USA gleich mit.

Ob Intervention in Venezuela oder Drohungen gegen Grönland: Unsere Debatte darüber dreht sich um Recht und Moral, nicht um pragmatische Handlungsoptionen. Interessegeleiteter Pragmatismus heißt dabei nicht, dass man einen Völkerrechtsbruch nicht als solchen klar benennen kann.

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Nicht falsch verstehen – Deutschland hat fundamentales Interesse an einer internationalen Ordnung des Rechts. Doch Recht haben und Recht bekommen sind nicht unbedingt dasselbe. Noch deutlicheres Beispiel: Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist evident völkerrechtswidrig – aber wie erreichen wir sein Ende? Wir müssen Regeln auch durchsetzen können, mit wirtschaftlicher Stärke und glaubwürdiger militärischer Fähigkeit.

Es ist seit 2022 ein Prozess des Erwachsenwerdens im Eiltempo. Wir können es uns nicht mehr leisten, nur folgenlos von der Seitenlinie zu kommentieren. Wollen wir unsere Sicherheit und unseren Wohlstand wahren? Dann müssen wir unsere Interessen klar benennen und ihnen pragmatisch Gewicht verleihen, kurz: Deutschland und Europa müssen geopolitikfähig werden. Pragmatisch Interessen zu verfolgen, bedeutet keine Abkehr von Werten oder Völkerrecht, sondern ihre Absicherung unter veränderten Bedingungen.

Protestaktion in Grönland: Den US-Ambitionen entschieden entgegentreten. Foto: Christian Klindt Soelbeck/Ritzau

Das Beispiel Grönland zeigt wie unter einem Brennglas die aktuellen Herausforderungen: völkerrechtlich glasklar, sicherheitspolitisch hochrelevant, transatlantisch heikel. Doch was ist eine kluge Reaktion? Entrüstung über territoriale Gelüste ist wohlfeil. Wir müssen stattdessen mit europäischen Partnern Sicherheit konkret gestalten.

Die Entsendung von Soldaten ist ein guter erster Schritt – aus Solidarität mit Dänemark, aber auch um der Herausforderung durch Russland und China zu begegnen. Hier muss mehr folgen, etwa eine arktische Brigade, die Abschreckung und Kooperation verbindet, oder auch die Eröffnung einer diplomatischen Präsenz, wie es Frankreich verkündet hat. Zeitgleich müssen wir weiter unsere Fähigkeiten für einen solchen „Export“ von Sicherheit stärken.

Gehen die USA auf Abstand, müssen wir selbst stärker sein, nähern sie sich an, sind wir weiter anschlussfähig und ein besserer Verbündeter.

Sicherheitspolitisch bleibt uns ohnehin nichts anderes übrig, als einen Veränderungsprozess zu gestalten: Die US-Präsenz in Europa wird reduziert werden, unsere eigenen Fähigkeiten müssen wachsen, eine Abschreckungslücke darf nicht entstehen. Das wird im Kern unabhängig davon gelten, wie es in den USA politisch weitergeht, wer dort Wahlen gewinnt.

Gehen die USA auf Abstand, müssen wir selbst stärker sein, nähern sie sich an, sind wir weiter anschlussfähig und ein besserer Verbündeter. In jedem Fall haben wir ein Interesse daran, dass dieser Prozess langsam und geordnet abläuft – wir also die USA als Partner behalten, aber zugleich selbst souveräner werden.

In der praktischen Durchführung ist dies mitunter schwierig zu vereinen: Beschaffen wir etwa militärisches Hightech-Gerät in den USA, oder entwickeln wir selbst in Europa? Teils wird hier die bloße Verfügbarkeit entscheiden, teils sollte man auch gemischte Lösungen erwägen, um das Spannungsverhältnis von Souveränität und Verbundenheit zum Ausgleich zu bringen.

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Auch Handelspolitik müssen wir geopolitisch denken und aktiv gestalten. Das Mercosur-Abkommen zeigt, dass Europa Märkte sichern und Wohlstand schaffen kann – geopolitisch folgerichtig. Zugleich ist es ein Warnsignal: Fast drei Jahrzehnte Verhandlungen sind viel zu lang. Dass am Ende große Mitgliedstaaten wie Frankreich überstimmt werden mussten, spricht dabei eher für die Handlungs- und Geopolitikfähigkeit der gerne geschmähten EU. In unserem Interesse wäre es, konsequent Treiber für mehr Abkommen mit Partnern weltweit zu sein. Wir müssen unsere Lieferketten wetterfest machen und Zugänge zu Rohstoffen sichern.

Deutschland und Europa machen bei alledem Fortschritte. Aber das Tempo reicht nicht, es „wird der Lage nicht gerecht“ (Klingbeil). Natürlich, Geopolitik lässt sich in unserer Demokratie nicht verordnen, sie braucht Rückhalt in der Bevölkerung. Vereinfachung, Abschottung und Antiamerikanismus sind das Rezept der Populisten von AfD und anderen. Sie sind aber fatal für die Interessen unseres Landes.

Geopolitikfähigkeit ist also eine Frage politischer Führung. Denn die USA warten nicht auf europäische Prozesse, China nicht auf europäische Einigkeit, die Märkte nicht auf europäische Bedenken. Wer Akteur bleiben will, muss auch handeln können. Deutschland und Europa bleiben nur handlungsfähig, wenn sie mehr interessengeleiteten Pragmatismus wagen.

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Der Autor: Metin Hakverdi ist für die SPD seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestags. Seit 2025 ist er Koordinator der Bundesregierung für die transatlantische Zusammenarbeit.

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