Kunstgewerbemuseum Berlin: Von der Krinoline bis zum Brautkleid
Kleider der 1970er- und 1980er-Jahre von Nina Ricci, Madame Grès und Yves Saint Laurent in der Modegalerie des Kunstgewerbemuseums. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Achim Kleuker
Foto: HandelsblattBerlin. Als das Berliner Kunstgewerbemuseum 1985 am Kulturforum eröffnet wurde, erntete der schon damals veraltete Gutbrod-Bau viel Kritik. Mit Recht, denn nicht nur seine ungastliche Außenfront, auch die mit unkaschiertem Sichtbeton aufwartende Innenarchitektur war nicht gerade eine ideale Hülle für eine Weltsammlung, der die triste Entourage viel von ihrem Glanz raubte. Das Museum litt nicht zuletzt wegen seiner brutalen Anmutung an Besuchermangel. Nun wird sich alles ändern.
Faltbeton in zartem Grau
Das Berliner Architekturbüro Kühn Malvezzi hat in enger dreijähriger Zusammenarbeit mit der Direktorin Sabine Thümmler das Innenleben des nüchternen Zweckbaus nach neuen musealen Standards gegliedert. Der Umbau kostete 4,45 Millionen Euro. Die Außenfassaden konnte man nicht ändern, auch nicht die niedrige Deckenhöhe. Aber der die Stimmung tötende Faltbeton wurde in zartem Grau übertüncht. Wandvitrinen lenken den Blick jetzt auf die Exponate statt auf die rohe Innenfläche. Kabinette laden zum intensiven Schauen ein. Es gibt keine Objekt-Anhäufungen, keine separierenden didaktischen Galerien mehr. Die Schaustücke erklären sich selbst in aufgelockerten Paraden.
Die Abteilungen Mittelalter und Renaissance öffnen sich im Erdgeschoss. Nie waren die Zimelien des Welfenschatzes besser ausgestellt. Um das zentral präsentierte Kuppelreliquiar gruppieren sich in einer Vielzahl von Vitrinen die kostbaren Kirchenschätze. Das Email-Medaillon mit der Personifikation einer „Operatio“ (versinnbildlicht die Wirkkraft von Heiligem Geist und menschlicher Seele ) aus der Sammlung Robert Hirsch glänzt in einer eigenen Vitrine. 1,2 Millionen Pfund mussten die Staatlichen Museen dafür im Sommer 1978 im Rahmen der Versteigerung der Kollektion Hirsch berappen.
Designergruppe "Memphis". Mailand. v.l.n.r.: Alessandro Mendini: Beistelltisch. "Papilio", 1985; Ettore "Casablanca", 1981; Martine Bedin: Lampe "Super", 1981; Michele De Lucchi: Stuhl "First" und Beistelltisch. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Achim Kleuker
Foto: HandelsblattAlles Originale - keine Remakes
Die exzeptionellen Aquamanile (Gießgefäße), die Emailarbeiten aus Limoges, die Majoliken von Valencia bis Urbino sind in stattlicher Reihung ausgebreitet. In einer abgedunkelten Vitrine entfalten osmanische Textilien ihre samtene Pracht. In üppiger Vielzahl sind die Silberpokale ausgestellt. Das 1874 für die damals unerhörte Summe von 666.000 Mark angekaufte Lüneburger Ratssilber strahlt in locker platzierten Schaukästen.
Schon im Treppenhaus kann der Besucher dank einem großzügigen Leitsystem entscheiden, wo er den Rundgang beginnt. Im Basement finden sich die Meisterstücke des Designs beginnend mit Schinkel und über Bauhaus-Klassiker und Memphis zu den zeitgenössischen Designern Ettore Sotsass, Phil Starck und Konstantin Grcic: alles Originale, keine Remakes. Eine Stuhlgalerie knüpft an bewährte Präsentationsmuster an.
Fernsehgerät HF1. Herbert Hirche (Entwurf), Stuttgart, 1958. Ausführung: Braun AG, Frankfurt/Main. Quelle: Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Saturia Linke
Foto: HandelsblattAuf der Eingangsebene führt ein langer schwarzer Gang in die Modegalerie, die den Charakter einer Nachtpromenade hat. In schwarz ummantelten, dezent ausgeleuchteten Schaukästen sind Mode und Accessoires vom Krinolinenrock bis zum dem vom Amsterdamer Modelabel Viktor & Rolf 2006 für H & M entworfenen Brautkleid aufgereiht. Den Modeschaufenstern sind kleinere Vitrinen mit Hüten, Schuhen, Handschuhen, Schmuck, Büstenhaltern und Unterwäsche gegenübergestellt.
Zu den Prachtstücken der Kollektion, die durch den Ankauf der Sammlungen Kamer und Ruf substanziell erweitert wurde, gehören ein Hauskleid mit dem ausladendem „Cul de Paris“ (1882 von dem Pariser Modeschöpfer F.C. Worth entworfen) und Abendkleider von Fortuny, Paul Poiret, Jean Patou und Yves St. Laurent.
Museum als Geschmacksbildner
Im oberen Stockwerk beginnt der Rundgang mit Objekten des Barock und Rokoko. Porzellane, als Zugnummer Paradestücke der Berliner Manufaktur, haben hier ihren chronologischen Auftritt. Sparsam aufgestellt sind Möbel der früheren Epochen. Nur die Roentgen-Manufaktur, ein Schwerpunkt der Berliner Sammlung, ist breit vertreten. Dafür gibt es eine Wand mit Bugatti-Möbeln und Jugendstil-Exemplare aller Gattungen. Dass das 1875 als Geschmacksbildner für die Kunstindustrie und das Publikum gegründete Museum schon seit 1867 auf den Weltausstellungen in Paris und Wien wichtige Stücke erwarb, wird mit einem Kabinett rekapituliert. Es vereint Objekte, die auf der Schau von 1900 erworben wurden.
Alter Kernbestand entstaubt
Der neue Auftritt des Museums rückt die Mode- und Designabteilung stark nach vorn. Das soll neues Publikum anziehen und erscheint im Sinne eines Inhalte bietenden Lifestyle-Programms legitim. Gleichzeitig wird auch der alte Kernbestand in neues, weniger angestaubtes Licht gerückt. Eine hoffentlich zukunftsträchtige Symbiose. Wer mehr die alte Präsentationsform in Periodenräumen und geschlossenen Ensembles schätzt, kann sich im schlecht besuchten Schloss Köpenick ausleben, in dem die andere Hälfte des Berliner Museumsbestandes zu bewundern ist, allen voran das berühmte Silberbüffet aus dem Berliner Stadtschloss.
Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin, geöffnet Di. bis Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa. und So. 11 bis 18 Uhr. Der Katalog „Modekunstwerke“ im Verlag Michael Imhof kostet 29,95 Euro, der Kurzführer im Verlag Prestel 9,95 Euro.