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Cent-Münzen unerwünschtKleve kämpft gegen das Kleingeld

Die Kleinstadt Kleve am Niederrhein hat genug von Cent-Münzen. Ab Februar wollen sie einige Händler nicht mehr annehmen. Kann das funktionieren? Prominenter Zuspruch kommt gar vom Deutsche-Bank-Chef John Cryan.Matthias Streit 22.01.2016 - 19:56 Uhr Artikel anhören

„Wij doen het nu net als u!“ – Wir machen das jetzt wie ihr – steht auf den Aufstellern an der Kasse.

Foto: Matthias Streit

Kleve. In der Klever Einkaufsmeile „Große Straße“ spricht man niederländisch. Aus den Menschengruppen, die in die Schaufenster der Bäcker, Optiker, und Bekleidungsläden schauen, dringt immer wieder der für deutsche Ohren meist hart klingende niederländische Sprachdialekt. Vor Weihnachten kamen sie sogar in Busladungen. Alles nur, um hier, in der 50.000-Einwohner-Stadt unweit der deutsch-niederländischen Grenze einkaufen zu gehen. Die Klever Händler schätzen, dass ein Drittel ihrer Kunden Niederländer sind.

Für die Klever Händler sind sie „Hartelijk welkom!“ – herzlich willkommene Gäste also. Und schon bald dürften sie sich noch willkommener fühlen. Denn ab 1. Februar 2016 wollen einige Klever Geschäfte die Ein- und Zwei-Cent-Münzen verbannen. „Wij doen het nu net als u!“ – Wir machen das jetzt wie ihr – steht auf den Aufstellern an der Kasse. Denn in den Niederlanden verzichten die Geschäfte landesweit schon seit 2004 auf das Kleinstgeld, die Ein- und Zwei-Cent-Münzen.

Klaus Fischer und Ute Marks bewerben die Anti-Kleingeld-Aktion in Kleve.

Foto: Matthias Streit

Die Klever Händler wollen mit dem Vorstoß Geld und Zeit sparen. „Der Hauptgrund sind für uns die zunehmenden Gebühren, die beim Kauf und der Einzahlung der Münzen bei der Bank fällig werden“, sagt Klaus Fischer. Er ist der Filialleiter des Herrenbekleidungshauses Alexander. Fischer zählt zu den Pionieren, die die Initiative vorantreiben. Der Wert der Münzen stehe in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, den sie verursachen.

So müssen Händler wie Privatkunden seit 2015 etwa bei der Volksbank und der Sparkasse in Kleve Gebühren für die Einzahlung von Münzen zahlen. Grund seien unter anderem neue Vorschriften zur Prüfung der Echtheit des Geldes sowie verschärfte Normen bei der Rückgabe von Münzen an die Bundesbank.

Hinzu kommt die Logistik, wenn die Banken das Münzgeld in die nächste Bundesbankfiliale schaffen müssen. „Allein die Logistik kostet uns 600.000 Euro im Jahr. Wir gehen davon aus, dass wir mit den Gebühren knapp zehn Prozent der Gesamtkosten wieder einspielen können“, erklärt ein Sprecher der Sparkasse Kleve auf Anfrage.

Einige Händler in der Kleinstadt wollen keine kleinen Cent-Münzen mehr annehmen.

Foto: Matthias Streit

Von weniger Münzen könnten also auch die Banken profitieren. Das Konzept der Klever funktioniert ganz simpel, nach dem sogenannten kaufmännischen Runden: Bei allen Beträgen, die auf 1 oder 2 enden, werde auf den darunter liegenden Betrag gerundet. Bei jenen, die auf 3 oder 4 enden auf den nächsthöheren Fünf-Cent-Betrag. Kostet ein Einkauf also 11,22 Euro, werden nur 11,20 fällig. Kostet er jedoch 11,23 Euro, kostet er künftig 11,25 Euro. Gelingt das Experiment, könnte dies der Anfang vom Ende des Kleinstgeldes sein. Etwas vergleichbares gibt es in Deutschland noch nicht. Kleve ist ein Einzelfall.

In der Eurozone selbst gibt es allerdings Vorreiter. Und die sitzen – oder besser: saßen – sogar an oberster Stelle. 2013 erklärte der damalige Währungskommissar Olli Rehn dem Kleingeld den Krieg. „Die Herstellung von Ein- und Zwei-Eurocent-Münzen ist eindeutig ein erhebliches Verlustgeschäft für das Euro-Währungsgebiet“, urteilte damals die EU-Kommission. Der Kostenpunkt seit Einführung des Euro im Jahr 2002: 1,4 Milliarden Euro.

Immer mehr Experten fordern die Abschaffung des Bargelds. Dies könnte die Kriminalität eindämmen, lautet ihr Argument. Doch dadurch würde der Bürger zum gläsernen Menschen, warnt Bert Rürup in seinem Videoblog.

Es verwundert nicht, dass ausgerechnet der Finne Rehn mit dieser Forderung aufwartete: Finnland gehörte zwar zu den ersten Ländern, die den Euro einführten. Seitdem aber kämpft das Land gegen das Kleinstgeld. Schon damals, im Jahr 2002, prägte das Land 1- und 2-Cent-Münzen nur in sehr geringer Auflage, weil es die EZB verlangte. Heute gibt es die Münzen in Finnland praktisch nicht. Im Handel werden Beträge auf Fünf-Cent-Beträge gerundet.

2004 folgten die Niederlande dem skandinavischen Beispiel. Damals hat das Nachbarland Deutschlands die Ein- und Zwei-Cent-Münzen größtenteils aus dem Handel verbannt. Ebenso wird in Belgien Verfahren. Das jüngste Mitglied im Kreis der Kleinstmünzen-Hasser: Irland. Seine Zentralbank gab Ende Oktober 2015 bekannt, künftig Beträge zu runden. Begründung: Die Herstellungskosten der Münzen seien schlicht zu teuer. Eine Ein-Cent-Münze koste etwa 1,65 Cent, eine Zwei-Cent-Münze 1,94 Cent.

Im Bundesfinanzministerium zieht man eine andere Bilanz, zumindest teilweise. Unterm Strich stehe mit der Produktion des Münzgeldes ein Gewinn. Der hält sich laut einem Bericht des Finanzministeriums in den letzten Jahren konstant bei 300 Millionen Euro. Daraus geht allerdings nicht hervor, welche Münzen daran welchen Anteil haben. Das Bundesfinanzministerium erklärt dazu: „In Deutschland liegen die aktuellen Herstellungskosten für eine 1-Cent-Münze über dem Nennwert, bei der 2-Cent-Münze liegen sie darunter.“ Zu den genauen Kosten möchte sich das Ministerium jedoch nicht äußern und beruft sich auf Vertraulichkeit.

Geldschein-Verbot

Wo der „Krieg gegen das Bargeld“ tobt

Bevor es in der Niederlande zur flächendeckenden Rundungsregel kam, gab es einen Pilotversuch in der Kleinstadt Woerden nahe Utrecht. Der lief erfolgreich. 83 Prozent der Konsumenten sprach sich für das Runden aus. Daraufhin empfahl ein Gremium aus Vertretern der Zentralbank, des Einzelhandels, Banken und Verbraucherzentralen eine landesweite Regelung.

Wenn alles gut läuft, könnte Kleve das Woerden Deutschlands werden. Modehändler Fischer jedenfalls würde das freuen. „Ich sehe Kleve schon als eine Pilotstadt. Wir möchten mit der Aktion gern eine Initialzündung auslösen.“

Richtig gezündet hat die Idee aber selbst am Niederrhein noch nicht. Rund 800 Händler hat das Klever City Netzwerk (KCN) angeschrieben. Der KCN selbst ist ein Verein von Händlern, der als Werbering dienen soll. „Zwischen 20 und 30 positive Rückmeldungen haben wir schon“, sagt die Vorsitzendes des Netzwerks, Ute Marks.

Um mehr Händler zu überzeugen, benötige es noch viel Aufklärungsarbeit. Einige Bäcker etwa fürchten, nun jedes ihrer Brötchen aufrunden zu müssen – was Marks entschieden zurückweist. „Dabei geht es nur um die Endsumme auf dem Kassenbon, und auch nur bei der Barzahlung“, stellt Marks klar. Sie ist überzeugt, dass sie in den kommenden Wochen noch viele Skeptiker umstimmen kann. In den nächsten Tagen hat sie viele Termine mit unentschlossenen Händlern.

Doch so groß wie das Verlangen nach weniger Kleingeld ist, so hehr scheint das Ziel. In Deutschland bestimmt das Bundesfinanzministerium über die Emission oder die Einstellung bestimmter Münzen. Die Herren der Münzen erklären auf Anfrage zwar noch nichts von dem niederrheinischen Vorhaben zu wissen. Dennoch kommt aus Berlin eine klare Absage: „Ein solches Vorhaben hätte im Übrigen auch keine Aussicht auf Erfolg“, schreibt eine Sprecherin per Mail. Schließlich sei die Abschaffung von Münzen auf kommunaler Ebene rechtlich nicht möglich. Die Stückelung der Münzen sei mit der EG-Verordnung Nummer 957/98 im Jahre 1998 bestimmt worden. „Die acht Münzen (1 Cent bis 2 Euro) sind damit in allen Euro-Teilnehmerländern gleichermaßen gesetzliches Zahlungsmittel“, erklärt das Bundesfinanzministerium. Eine Abschaffung könne nur auf europäischer Ebene entschieden werden.

Solang sich die Eurozone aber nicht auf die Abschaffung der Münzen einigt, sind die Händler also auf den guten Willen ihrer Kunden angewiesen. Auf Ein- und Zwei-Cent-Münzen zu verzichten, fußt aktuell nur auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Das heißt konkret: Geschäfte müssen theoretisch die Ein- und Zwei-Cent-Münzen annehmen. Das gilt übrigens für Länder wie Finnland oder die Niederlanden. Vor einem ähnlichen Problem stehen die Klever Händler. Sollte ein Kunde doch auf den Cent beharren, nehme er ihn natürlich an, sagt Fischer. „Ich wäre ja ein schlechter Händler, wenn ich das nicht täte.“

Ob sich der Verzicht auf das Kleinstgeld lohnt, ist in Deutschland umstritten. Die Mitglieder des Spitzenverbandes des Einzelhandels – immerhin 400.000 selbstständige Unternehmen – haben sich sich mehrheitlich gegen den Verzicht auf Ein- und Zwei-Cent-Münzen ausgesprochen, erklärt Ulrich Binnebößel. Er ist beim HDE Geschäftsführer des Arbeitskreises Bargeldlogistik. Für einige Sparten sieht er Probleme im Wettbewerb: „Für Lebensmittelmärkte macht es im Wettbewerb beispielsweise einen Unterschied, ob die Milch 53 oder 58 Cent kostet“, sagt der HDE-Funktionär.

So sieht es offenbar auch der Edeka Schroff in Kleve. Der Supermarkt werde vorerst nicht an der Rundungs-Aktion teilnehmen. Der stellvertretende Filialleiter, Detlev Sinke, erklärt: „Wir haben immer noch viele konservative Kunden, die auch den Cent noch haben möchten.“ Prinzipiell schaue man aber gespannt auf das Projekt.

Gerade bei Handelsketten gibt es Probleme. Sie müssten individuelle Rundungsregeln einzelner Geschäfte mit Bereichsleitungen absprechen. „Wir könnten auch Schwierigkeiten wegen Kassendifferenzen bekommen“, sagt Andrea Falk, Filialleiterin von Thalia in Kleve. Die Kasse selbst bräuchte ein Softwareupdate. Erst wenn mehrere Städte teilnehmen würden, könnte auch das Klever Geschäft in das Runden einsteigen. Andere Großhändler, wie etwa Saturn, zweifeln, ob sich mit der Maßnahme überhaupt Geld sparen lässt. Schließlich müsste auch ohne Ein- und Zwei-Cent-Münzen noch Wechselgeld bei Banken gekauft werden.

Ganz ähnlich sieht das auch Frankt Horst. Er ist Leiter des Forschungsbereich Inventurdifferenzen und Sicherheit des handelsnahen EHI Retail Institute. „Es lässt sich vielleicht etwas Zeit bei einzelnen Prozessschritten einsparen. Ganze Prozesse fallen deshalb aber nicht weg“, sagt Horst.

Im Auftrag der Bundesbank hat er sich in einer Studie mit dem Wegfall von Ein- und Zwei-Cent-Münzen beschäftigt. Fazit: „Bei bundesweitem kaufmännischen Runden wären 26 Prozent weniger Münzen im Umlauf“, sagt Horst. Für jeden Bareinkauf gebe es statt 2,68 Münzen im Schnitt nur noch 1,98 Münzen als Rückgeld. An prallen Portemonnaies würde das offenbar wenig ändern. Denn, so erklärt es Horst, es käme zu Verschiebungseffekten. Am Ende wäre der Bedarf an Fünf-Cent-Münzen um 23 Prozent höher – bei kaufmännischem Runden.

Wenn es nach dem Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele geht, sollte sich an dem aktuellen System auch nichts verändern. „Die deutsche Bevölkerung hat nach unseren Untersuchungen eine positive Einstellung zu Kleinmünzen“, sagte Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele im Herbst 2015. Vier Jahre zuvor hat die Bundesbank zuletzt eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Deren Ergebnis: Gerade einmal 39 Prozent der Bevölkerung sprächen sich für die Abschaffung von Ein- und Zwei-Cent-Münzen aus, 59 Prozent seien dagegen. Viele Menschen treibt offenbar die Sorge, dass sich der Handel mit Aufrunden unrechtmäßig auf die Kosten der Konsumenten bereichert.

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Laut einer Umfrage von myMarktforschung aus dem Sommer 2015 halte es die Mehrheit der Deutschen aber schon mit den Klever Händlern: 53 Prozent der 1000 Befragten hatten sich dafür ausgesprochen, die Ein- und Zwei-Cent-Münzen abzuschaffen. Gerade einmal ein gutes Viertel hatte das abgelehnt.

Einzelhandelsvertreter Binnebößel hält dagegen: „Es macht wenig Sinn, eine Zahlungsmöglichkeit einzuschränken. Stattdessen sollte der Gesetzgeber die Möglichkeit unbarer Zahlungen, also etwa mit Kreditkarten, stärker fördern“, sagt Binnebößel vom HDE. Unrecht ist auch der Klever Vorreiterin Marks diese Idee nicht: „Die Ein- und Zwei-Cent-Münzen abzuschaffen ist ja schon nur ein Zwischenschritt hin zu einem bargeldlosen Handel.“

Das scheint heute noch in ferner Zukunft zu liegen. Doch ganz unrealistisch ist es nicht. In Skandinavien oder den Niederlanden werden auch kleine Beträge häufig nur noch mit Karte bezahlt. Bei jungen Menschen erfreut sich bargeldloses Bezahlen per Smartphone steigender Beliebtheit. Und nun bekommt Kleve sogar prominente Unterstützung von Deutschlands größtem Geldhaus. Auf dem Weltwirtschaftsgipfel erklärte der Co-Chef der Deutschen Bank, John Cryan, am Mittwoch: „In zehn Jahren wird Bargeld wahrscheinlich nicht mehr existieren. Es ist einfach schrecklich ineffizient.“

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