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Promis entdecken WeingüterSaar statt Sylt

Im hintersten Winkel von Rheinland-Pfalz investieren gelernte Winzer und finanzkräftige Investoren dem Reiz der altehrwürdigen Weingüter an der Saar. Was ist so verlockend an den eigenen Reben?Diana Fröhlich 16.06.2017 - 12:24 Uhr Artikel anhören

Die Landschaft an der Saar macht den Unterschied beim Weingenuss.

Foto: Handelsblatt

Kanzem. Anna Reimann schüttelt Hände. Viele Hände. Die groß gewachsene, schlanke Frau lächelt, während sie die Gäste begrüßt. Einige kennt sie bereits.

Sie kommen aus dem Dorf und sind neugierig darauf, endlich zu sehen, was Reimanns Vater, der Wirtschaftsanwalt und frühere Deutsche-Bank-Aufsichtsrat Georg Thoma, zusammen mit dem Berliner Architekten Max Dudler und weiteren Experten aus dem ehemaligen Gutshaus des Klosters Wadgassen, das später dem Priesterseminar Trier gehörte, gemacht hat. Im Jahr 1740 wurde das barocke Gebäude, gelegen an einem Seitenarm der Saar, errichtet, in diesen Tagen wird „Cantzheim“ als Gästehaus und Weingut eröffnet.

Was da zählt, ist vor allem der erste Eindruck. Der von Anna Reimann, der ihres Vaters – und der von Cantzheim. Das imposante Gebäude am Ortseingang von Kanzem ist samt Veranstaltungsräumen, Gewölbekeller, Remise und angelegtem Garten das neueste Schmuckkästchen an der Saar.

Die Reihe derer, die in den vergangenen Jahren beschlossen haben, ein altes Gutshaus oder ein Weingut an der Saar zu kaufen, es zu renovieren, neu zu eröffnen oder die Tradition der Familie bewusst weiterzuführen, wird immer länger. Darauf stehen die Namen gelernter Winzer wie Anna Reimann oder der Ururenkel des Gründers der Brauerei Bitburger, Roman Niewodniczanski.

Darunter sind auch finanzkräftige Investoren wie Fernsehmoderator Günther Jauch und der frühere Sal.-Oppenheim-Gesellschafter Hans Maret. Sie alle stehen für eine neue (Wein-)Generation in Rheinland-Pfalz – auch wenn die Protagonisten selbst nicht immer die Allerjüngsten sind. Saar statt Sylt, Riesling statt Bordeaux.

Längst haben sich die Neuen unter die Einheimischen gemischt, tauschen Erfahrungen aus, manchmal sogar ganze Weinberge. Sie besuchen Dorffeste, holen sich Rat und führen die alteingesessenen Winzer durch ihre Keller – und umgekehrt. Längst akzeptiert man sich, ja, respektiert sich.

Es scheint, als hätten die Neuen die ganze Region aus ihrem weinseligen Schlaf geholt. Das erinnert unweigerlich an die Insel Sylt, die der Unternehmenserbe Gunter Sachs Ende der 1960er-Jahre für sich entdeckte – und die sich durch ihn vom verschlafenen Eiland zum „place to be“ wandelte.

Anna Reimann, eine studierte Önologin, die sich zunächst in Weihenstephan zur Gartenbauingenieurin hat ausbilden lassen und dann in Chile, Frankreich und Neuseeland Weinbauerfahrungen gesammelt hat, wird ihren ersten eigenen Jahrgang im Rahmen der „Tage der Architektur Rheinland-Pfalz“ präsentieren. Bereits vor zehn Tagen hat sie mit ihrem Vater die Orangerie eingeweiht.

Etwa 70 Zuhörer waren da gekommen, um einem Gespräch zwischen der Schriftstellerin Husch Josten und der TV-Moderatorin Bettina Böttinger zu lauschen. Es war die Mischung aus anwesender Prominenz und Neugier, die die Menschen nach Cantzheim führte.

Und trotz aller Freude über den gelungenen Einstand wissen alle Beteiligten, dass eine solche Veranstaltung ein Erfolg ist, aber erst der Anfang sein darf.

Ein Kulturort in der alten Remise

Vor ziemlich genau zehn Jahren hat Reimanns Vater Georg Thoma aus „Liebe zur Architektur“, wie er heute rückblickend sagt, das Haus gekauft. „Die ästhetische Wirkung des Hauses an der Saar vor der Steillage des Kanzemer Altenbergs hat mich schon immer fasziniert“, sagt er.

Thoma ist in Trier geboren, etwa 15 Kilometer von Kanzem entfernt, sein Vater war Architekt. Von Anfang an wollte er Haus, Remise und Orangerie als Gästehaus nutzen und daraus einen „Kulturort für Musik, Literatur, Architektur, Genuss und Geselligkeit“ machen.

Seine Tochter Anna Reimann, 41, beschloss dann vor zwei Jahren, mit ihrem Mann an genau diesem Ort ein Weingut zu gründen. Letzteres ist ein Start-up – in den Weinbergen stecken die Ersparnisse des Paares. Zusammen mit ihren beiden Kindern leben sie bereits auf dem Gut. Es sind gleich mehrere Herzen, die für Cantzheim schlagen – woraus sich wiederum geschäftliche Synergien ergeben.

Die prominente Nachbarschaft ist schon ein Stück weiter als das Start-up. Zumindest für ein paar Wochen im Jahr wohnt Günther Jauch nun direkt neben Anna und Stephan Reimann. Der Talkmaster und seine Frau Thea hatten im Jahr 2010 das Weingut von Othegraven von der damaligen Besitzerin Heidi Kegel übernommen, im Übrigen eine Großtante von Anna Reimann.

Auch der frühere Deutsche-Bank-Aufsichtsrat hat an der Saar investiert und möchte dort einen „Kulturort für Musik, Literatur, Architektur, Genuss und Geselligkeit“ schaffen.

Foto: Pressefoto

Hinter dem Gut, das unter Denkmalschutz steht, erhebt sich majestätisch die Steillage Kanzemer Altenberg. Der Herrlichkeit zum Trotz stand es zum Verkauf. Nun war Jauchs Großmutter eine geborene von Othegraven. Und Nachfahre Jauch, der Winzer-Laie, wollte damals nicht, dass das Weingut in fremde Hände gerät.

Von Othegraven, seit 1805 in Familienbesitz, hat eine große Tradition – die Weine wurden früher an den Höfen des europäischen Hochadels getrunken. Jauch hat für die Pflege der Trauben und für das Geschäft Profis engagiert, er selbst ist vor Ort, wenn es seine Zeit erlaubt.

Und doch profitiert das Gut, der Ort Kanzem und die gesamte Weinregion von der Aura des prominenten Eigentümers. Gerade in den Sommer- und Herbstmonaten ist Jauch häufiger in Kanzem zu sehen – er lernt am lebenden Objekt.

Es sind diese scheinbaren Zufälle, die geografische Nähe, die Nachbarschaft; die Tatsache, dass man sich zum Teil seit vielen Jahren kennt, dass man auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet und doch in Konkurrenz zueinander steht – all das hat aus einer Gegend, in der seit 2000 Jahren Wein angebaut wird und die bereits mehrmals gute Zeiten erlebt hat, einen kleinen Hotspot der Weinszene werden lassen.

Gehörigen Anteil daran hat, Luftlinie keine zwei Kilometer von den Gütern der Reimanns und Jauchs entfernt, auch Roman Niewodniczanski. Im Örtchen Wiltingen, unweit seiner Heimat in der Eifel, kaufte der Bitburger-Spross bereits im Jahr 2000 ein damals marodes Weingut.

Sein Ziel war es, aus van Volxem einen der besten Rieslingerzeuger Deutschlands zu machen. Zu Beginn gab es durchaus Menschen, die den Mann mit dem Pferdeschwanz belächelten. Menschen, die ihm, dem „reichen Erben“, den Erfolg nicht zutrauten, die Vorbehalte hatten und hinter vorgehaltener Hand über ihn und seine Ideen redeten.

Das Gebiet gilt als „kühle Schwester der Mosel“.

Foto: Handelsblatt
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So werden Sie zum Weinkenner

Doch Niewodniczanskis Mühe hat sich längst gelohnt. Das Genuss-Magazin „Falstaff“ hat „Niewo“, wie er an der Saar genannt wird, als „Winzer des Jahres 2012“ ausgezeichnet. Auf seinem Erfolg ausruhen will er sich nicht. Derzeit entsteht auf 6800 Quadratmetern seine neue Weinmanufaktur, die Eröffnung ist für 2018 geplant.

Oder Hans Maret. Der frühere Sal.-Oppenheim-Gesellschafter hat sich mit dem Weingut Reverchon in Konz-Filzen – ebenfalls neben Kanzem gelegen – einen Traum erfüllt. Wie auch der Wirtschaftsanwalt Georg Thoma ist Maret, heute 66 Jahre alt, ein gebürtiger Trierer, die beiden kennen sich schon lange.

„Ich wollte dieses Weingut wiederbeleben, das ich seit meiner Kindheit kenne“, sagt Maret, der Reverchon 2007 übernahm. Damals sei das Gut in einem schlimmen Zustand gewesen, regelrecht eine Ruine, berichtet er. Der Wiederaufbau des Betriebs, die Renovierung, der Umbau der Ferienwohnungen habe viel Geld gekostet.
Doch Maret, der heute noch zur Führung der Beteiligungsgesellschaft Triton gehört, wollte etwas Eigenes erschaffen. Etwas aufbauen, das nachhaltig ist.

Wenn er bei seinen eigenen Veranstaltungen durch seinen Garten geht, wenn er Gästen zeigt, wie sie bei ihm feiern können, mit dem Grillplatz am Fuße des Weinbergs, dann ist auch Stolz dabei. Maret hat es vorerst geschafft: Sein Sekt wird im Schloss Bellevue in Berlin ausgeschenkt.

Die Hilfsbereitschaft untereinander sei recht hoch, sagt Anna Reimann. Die Winzer und die Investoren wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind, wenn sie erfolgreich sein wollen. Wenn sie die Saar und ihre Weine wieder zu einer starken Marke machen wollen.

Plaudern mit den Promis

So wird es bei den künftigen Veranstaltungen von Cantzheim auch Wein der Konkurrenz geben, nicht nur den des eigenen Weinguts. Und wer eine größere Verkostung plant, der schickt seine Übernachtungsgäste gerne mal in die Weingüter, die sie auch unterbringen können.

Zudem plant man gemeinsame Veranstaltungen, der „Saar Riesling Sommer“ immer im August, an dem renommierte Saar-Weingüter ihre Türen und Keller öffnen, ist so eine. Da reizt es die Besucher durchaus, mit dem prominenten Besitzer über den neuesten Jahrgang zu plaudern und ein Glas gemeinsam zu verkosten.

Im Fachhandel aber, gibt Hans Maret zu bedenken, da muss sich jeder alleine durchsetzen. Doch gute Konkurrenz ist auch gut für das eigene Geschäft.
Was ihn und Günther Jauch allerdings von Anna Reimann und Roman Niewodniczanski unterscheidet: Die beiden Erstgenannten sind keine ausgebildeten Winzer – aber sie beschäftigen welche. Wein verkaufen, das ist nicht ihr Hauptberuf – aber sie nehmen die Aufgabe ernst.

Es geht um mehr als nur darum, ein Weingut zu besitzen, es zu einem Statussymbol zu machen. Es geht ihnen um das Produkt. Und: Sie müssen mit dem Verkauf von Wein nicht ihren Lebensunterhalt finanzieren – aber es soll schon irgendwann einträglich sein. Das ist es, was am Ende alle eint.

12.000 Euro für eine Flasche

Wie sich guter Wein in Geld umsetzen lässt, das hat Egon Müller schon mehrfach eindrucksvoll vorgemacht. Das Weingut, ebenfalls wie van Volxem auch in Wiltingen beheimatet, wird seit vier Generationen von einem Egon Müller geleitet, der legendäre, unter Weinkennern regelrecht verehrte Scharzhofberg wurde schon von den Römern als Weinberg angelegt.

Heute wird hier der teuerste Weißwein der Welt angebaut. Vor ein paar Jahren wurde eine Flasche Trockenbeerenauslese für 12 .000 Euro versteigert.

Es ist wohl Egon Müller, der zurückhaltende, aber umso erfolgreichere Winzer, der die Region mit seinem Namen seit Jahrzehnten geprägt hat wie kaum ein anderer – heute aber streben längst auch andere nach Größerem. Auch Roman Niewodniczanski hat sich am Scharzhofberg eingekauft.

Und Max von Kunow. Er ist selbst erst Ende 30, hat aber schon vor ein paar Jahren in siebter Generation das Weingut seiner Eltern, von Hövel, in Oberemmel – Wiltingens Nachbardorf – übernommen.

Max von Kunow produziert gemeinsam mit der luxemburgischen Sterneköchin Léa Linster unter der Marke CrossMosel Wein, er keltert Trauben für koscheren Wein – und er ist ein Cousin vierten Grades von Günther Jauch. Als Max von Kunow vor zwei Jahren in seinem Heimatort den Fastnachtsprinzen gab, da feierte das Ehepaar Jauch am Straßenrand mit.

Was macht das recht kleine Anbaugebiet, das sich gerade mal über 30 Kilometer erstreckt und in dem vor allem Rieslingweine angebaut werden, eigentlich so attraktiv? Zum einen das Klima.

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Die höher gelegene Saar ist die „kühle Schwester der Mosel“, niedrigere Temperaturen verzögern den Reifeprozess der Trauben bis in den späten Herbst hinein. Die Weine sind besonders lange lagerfähig, haben wenig Alkohol. Zum anderen sind es die zum Teil extremen Steillagen, die den Weinanbau reizvoll machen. Trauben müssen per Hand gelesen werden.

Unheimlich viel getan habe sich hier in den vergangenen Jahren, sagen die Reimanns, sagt Hans Maret. Die Weinbauern wissen, dass das Image, das sich die Region erarbeitet hat, auch auf der Prominenz von Jauch und dem Können des Bitburger-Erbens Niewodniczanski beruht. Und dass sich darauf aufbauen lässt. Schon seit fast 20 Jahren hegt Anna Reimann den Traum, in dieser Region ihren eigenen Wein anzubauen und auszuschenken.
Erste Erfahrungen in einem deutschen Weingut sammelte sie bei Markus Molitor an der Mosel. 2015 bekam der Winzer in der Ausgabe des „Gault & Millau WeinGuide Deutschland“ vier von fünf Trauben. Molitor hat sich neben seinem Weingut in Bernkastel-Wehlen an der Mosel längst ein zweites Standbein aufgebaut – natürlich an der Saar.

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