Private Equity: Investoren suchen Übernahmeziele für eine Billion Dollar
Milliardenschwere Übernahmen rücken wieder in den Bereich des Möglichen.
Foto: Photographer's Choice/Getty ImagesFrankfurt. Millionäre und Milliardäre haben den Termin fest eingeplant. Jeweils Ende Februar hat die Private-Equity-Branche auf der „Super-Return“-Konferenz ihr Stelldichein in Berlin. Dann finden im Interconti-Hotel und in anderen Luxusherbergen rund um den Zoologischen Garten im Minutentakt Treffen zwischen Investoren, Beteiligungsmanagern, Beratern und Rechtsanwälten statt.
Den rund 2500 Teilnehmern geht es um die weltweit lukrativsten Deals und die höchsten Renditen. Eine Zahl bewegt die Beteiligungsgesellschaften dabei so stark wie keine andere: eine Billion Dollar. Das ist die Summe, die in den Geldtöpfen der Finanzinvestoren liegt und noch nicht investiert ist.
Dieses sogenannte „dry powder“, die Feuerkraft der Finanzinvestoren, wächst seit Jahren kontinuierlich. Im Jahr 2000 war der Betrag mit 214 Milliarden Dollar noch vergleichsweise klein, aber schon 2012 hatte er sich verdreifacht. Mit dem Überschreiten der Billionen-Dollar-Grenze erreichen die Private-Equity-Manager eine neue Dimension.
„Die Wachstumsraten sind erstaunlich, und sie zeigen den anhaltenden Appetit der institutionellen Investoren auf Beteiligungskapital“, sagt Christopher Elvin, Private-Equity-Experte beim Analysehaus Preqin. Das Geld gilt es jetzt zu investieren. Bereits heute sind in den USA rund 15 Prozent der Firmen mit Private Equity finanziert. In Deutschland befinden sich etwa acht Prozent der Unternehmen im Besitz von Beteiligungshäusern, schätzt der Firmenberater Boston Consulting Group (BCG).
Unattraktive Zinspapiere
Die extrem niedrigen Zinsen haben den globalen Boom für Private Equity seit Jahren befeuert, weil Staatsanleihen und andere Zinspapiere kaum noch etwas abwerfen. Längst ist Private Equity eine Branche der Superlative geworden. Pensionskassen, Stiftungen und Versorgungswerke geben den Beteiligungsfonds immer mehr Finanzmittel an die Hand. Und die Finanzinvestoren kaufen damit Unternehmen oder stecken es in Infrastrukturprojekte.
Nirgendwo außerhalb der öffentlichen Märkte für Aktien und Anleihen hat sich so viel Kapital angesammelt. Weltweit beträgt das verwaltete Vermögen der Branche knapp 2,4 Billionen Dollar, wie Preqin errechnet hat.
Über eine halbe Billion Dollar wurde allein im Jahr 2016 an die Investoren ausgeschüttet. Die Rendite von Private Equity lag in den vergangenen zehn Jahren nach den Berechnungen von Preqin im Schnitt doppelt so hoch wie bei börsennotierten Aktien, auch wenn Leitindizes wie der Dax lange von Rekord zu Rekord eilten.
Größtes Problem für die erfolgsverwöhnten Finanzinvestoren ist der Mangel an attraktiven Übernahmezielen. „Die Manager der Private-Equity-Fonds würden gerne mehr Unternehmen kaufen. Die Zahl der Unternehmen, die das Potenzial haben, die hohen Renditeerwartungen zu erfüllen, ist allerdings begrenzt“, sagt Detlef Mackewicz vom Investmentberater Mackewicz & Partner. In der Folge steigen die Preise für die wenigen Angebote im Markt in schwindelerregende Höhen.
Zwar gebe es derzeit in Europa eine lange Kaufliste von etwa 25 größeren Unternehmen, die einen neuen Eigentümer suchten, sagt Ekkehard Franzke, Partner bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney.
Doch für sie werden teils stolze Preise aufgerufen. Oftmals liege der Multiplikator zum operativen Gewinn (Ebitda) – dem Maßstab der Branche – im zweistelligen Bereich. „Das gab es bislang selten und zeigt, wie viel Geld Anlage sucht“, ergänzt Franzke. Der Markt für Private Equity sei bei den Bewertungen nicht mehr weit entfernt vom Höhepunkt kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise vor gut zehn Jahren.
Das schreckt selbst die Spieler innerhalb der Branche auf. Erinnerung an die Finanzkrise 2008 werden wach. Bei einer Umfrage des Beraters Roland Berger bei über 2 500 Experten für Private Equity in Europa stellen über 93 Prozent der Befragten eine gewisse Überbewertung bei den Unternehmenspreisen fest.
Weil heute hohe Preise für Firmen und Konzernteile bezahlt werden, wird das die künftigen Renditen drücken. Die Nettoverzinsung dürfte im Durchschnitt eher zwischen neun und 13 Prozent liegen anstatt des historischen Mittelwerts von elf bis 16 Prozent, glaubt Jürgen Diegruber, Partner bei der schweizerischen Partners Group.
Die sinkenden Renditen seien auch Ergebnis des zunehmenden Wettbewerbs – neben den klassischen Private-Equity-Fonds suchen heute auch Staatsfonds, Pensionskassen und reiche Familien nach Möglichkeiten, sich direkt bei Unternehmen zu engagieren. „Die kontinuierliche Überrendite ist der Hauptgrund, warum seit Jahrzehnten immer mehr institutionelles Geld in die Private-Equity-Fonds fließt. Allerdings lag die Outperformance im Vergleich zu den Aktienbörsen in Europa zuletzt nur noch bei knapp neun Prozentpunkten und damit nicht mehr im zweistelligen Bereich“, sagt Michael Brigl, Partner bei BCG.
Mit dem Anlagedruck rücken auch große milliardenschwere Übernahmen wieder in den Bereich des Möglichen. Einen Anfang hat der US-Investor Blackstone gemacht, der für die Mehrheit am Finanzdatengeschäft von Thomson Reuters gut 17 Milliarden Dollar auf den Tisch legt.
Davon nimmt Blackstone allein 14 Milliarden Dollar an Fremdfinanzierung auf, was dem übernommenen Geschäft aufgebürdet wird. Das lässt Unternehmen oftmals unter der Schuldenlast ächzen. Wolfgang Fink, Co-Deutschlandchef bei der Investmentbank Goldman Sachs, will ein Comeback der Megadeals in den Bereichen Pharma, Technologie oder in der Medienindustrie nicht ausschließen.
Er rechnet auch mit „vielfältigeren Kombinationen“ bei den Kaufinteressenten, etwa zwischen strategischen Bietern, Private-Equity-Fonds oder Staatsfonds. Deals in der Größenordnung von zehn und mehr Milliarden Euro werden weltweit in den nächsten Monaten möglich, urteilt Berater Franzke.
Mit vereinten Kräften hoffen der Finanzinvestor Apollo Global Management, der holländische Pensionsfonds PGGM und Lanxess, eine Großübernahme zu stemmen und im Bieterwettkampf um das Spezialchemiegeschäft von Akzo Nobel zu siegen. Hier geht es Finanzkreisen zufolge um ein Volumen von rund zehn Milliarden Euro. PGGM gilt dabei als Co-Investor. Mit bei der Auktion für den Amsterdamer Konzern dabei sind zudem die Apollo-Rivalen Advent International, Bain Capital, Carlyle Group und Hal Investments, wie es in Kreisen von Finanzinvestoren heißt.
Ebenfalls zum Verkauf steht der Energie- und Messdienstleister Techem, der aktuell dem australischen Infrastrukturinvestor Macquarie gehört. Hier will der Singapurer Staatsfonds GIC gemeinsame Sache mit dem Finanzinvestor CVC und dem kanadischen Pensionsfonds CPPIB machen.
GIC hat die Seiten gewechselt, da die Singpurer ursprünglich zusammen mit den beiden kanadischen Pensionsfonds Ontario Teachers Pension Plan und der Caisse de Depot et Placement du Quebec bieten wollten. Unter den Bietern sollen sich Finanzkreisen zufolge auch die Partners Group, Silver Lake, Cinven sowie ein strategischer chinesischer Investor befinden. Es wird damit gerechnet, dass wie im Fall des Techem-Konkurrenten Ista ein Preis von mindestens 4,5 Milliarden Euro erzielt werden kann.
Das alles zu finanzieren ist kein Problem, da die Feuerkraft der Branche mit insgesamt einer Billion Dollar gewaltig ist. Aber auch die einzelnen Fonds wachsen und wachsen. Wie viel Geld die Finanzinvestoren unterbringen müssen, zeigt das Beispiel EQT, hinter dem die schwedische Industriellenfamilie Wallenberg steht.
Der europäische Finanzinvestor hat am Freitag einen neuen Beteiligungsfonds für Firmenkäufe, den EQT VIII, mit knapp elf Milliarden Dollar eingeworben. „Dazu sind die Finanzierungsbedingungen so gut wie nie zuvor“, betont Japhet Wünsch von Raymond James European Advisory. Und die Konditionen der privaten Kreditfonds unterscheiden sich kaum noch von denen der Banken.