Nach Schieflagen bei Carillion, Steinhoff & Co.: Auf dem Markt für Schuldscheindarlehen drohen weitere Einschläge
Noch werden die Geldgeber fündig auf der Suche nach Emissionen mit einem ausgewogenen Verhältnis von Rendite zum Risiko.
Foto: Getty ImagesDüsseldorf. Es war ein Paukenschlag für den Schuldscheinmarkt. Die Schieflage des britischen Baukonzerns Carillion und die Bilanzmanipulationen beim Möbelproduzenten Steinhoff haben der Erfolgsstory, die das Finanzierungssegment in Deutschland in den vergangenen Jahren erlebt hat, einen Stimmungsdämpfer verpasst.
Doch trotz der beiden Unfälle war 2017 für den Schuldscheinmarkt hierzulande erneut ein Rekordjahr. Das meldeten jüngst die Experten der DZ Bank. Insgesamt wurden nach ihrer Zählung zwischen Januar und Dezember vergangenen Jahres 136 Schuldscheindarlehen mit einem Gesamtvolumen von rund 27,4 Milliarden Euro emittiert. Im Vorjahreszeitraum waren es 108 Schuldscheindarlehen im Gesamtvolumen von 25,4 Milliarden Euro.
Für das laufende Jahr erwarten die DZ-Analysten etwa ein Ergebnis wie 2017. „Das Produkt liegt aktuell einfach im Trend. Auch gegenüber dem klassischen Konsortialkredit holen Schuldscheindarlehen immer mehr auf“, sagt Mark Bussmann, Leiter des Bereichs Treasury & Markets bei der HSH Nordbank.
Aufsehen erregten 2017 besonders die drei Megaemissionen des Gabelstaplerherstellers Kion, der Supermarktkette Kaufland und des Medizintechnik- und Gesundheitsunternehmens Fresenius. Alle drei nahmen durch ihre Transaktionen jeweils rund eine Milliarde Euro an frischem Kapital auf. Die Ausnahme sind solche Megadeals längst nicht mehr, die Regel aber auch nicht. Vergleichsweise bescheiden ging etwa der Intralogistikanbieter Jungheinrich vor: Die Hamburger liehen sich im Oktober vergangenen Jahres rund 100 Millionen Euro per Schuldschein.
Neben Großkonzernen sind in Deutschland seit jeher Mittelständler die Hauptemittenten von Schuldscheindarlehen. Das durchschnittliche Einzeltransaktionsvolumen bewegte sich 2017 nach Berechnungen der DZ Bank im Bereich zwischen 120 und 130 Millionen Euro. Sechs von zehn Emittenten sind nach Angaben der DZ Bank nicht am Kapitalmarkt notiert.
Nachfrage treibt den Markt
Zum Boom trägt auch die große Nachfrage von Investoren bei. Neben den klassischen Käufern von Schuldscheindarlehen - Sparkassen, Genossenschaftsbanken sowie Geschäftsbanken aus dem In- und Ausland - sind das vermehrt auch Pensionsfonds und Versicherungskonzerne. Sie alle suchen im Niedrigzinsumfeld nach renditeträchtigeren Anlagealternativen für ihr Kapital.
Noch werden die Geldgeber fündig auf der Suche nach Emissionen mit einem ausgewogenen Verhältnis von Rendite zum Risiko. Sebastian Zank, Analyst bei der Ratingagentur Scope, sieht jedoch Gewitterwolken aufziehen und hält die Ausfälle bei Carillion und Steinhoff nicht zwingend für Einzelfälle: „Wir dürfen uns nichts vormachen - es wird in den nächsten Jahren weitere Einschläge geben.“
Der Analyst verweist auf die nüchternen Zahlen: „Aktuell sind lediglich fünf von über 500 Unternehmen, die in den vergangenen zehn Jahren einen Schuldschein ausgegeben haben, ausgefallen. Die Ausfallrate wird allein schon deshalb nicht so niedrig bleiben, weil die Qualität am Schuldscheinmarkt aus unserer Sicht im Lauf der letzten Jahre verwässert worden ist.“
Eine ähnlich dramatische Entwicklung wie einst bei den Mittelstandsanleihen scheint zwar unwahrscheinlich. Zur Belastungsprobe für den Markt wird es aber kommen, wenn sich das konjunkturelle Klima verschlechtert. „Es wird sich zeigen, wie die Unternehmen performen werden, wenn sich die Konjunktur abschwächt oder das Zinsniveau wieder steigen sollte“, sagt Analyst Zank.
2017 hatten rund 68 Prozent der Unternehmen, die Schuldscheindarlehen emittierten, Investment-Grade. Doch allmählich erhöht sich der Anteil von Firmen, die mit mäßigen Bilanz- und Gewinnzahlen auf den Zug im Schuldscheinmarkt aufspringen. Das Plus eines Schuldscheindarlehens ist, dass es sich im Gegensatz etwa zu der Emission einer Anleihe auch ohne externes Rating am Markt platzieren lässt. Das gelingt im Moment vergleichsweise leicht. Doch die derzeit immer noch gute Stimmung könnte schnell kippen.
Solide Mittelständler werden wohl aber auch weiterhin problemlos Finanziers finden. „Die Unternehmensstory muss passen, und die Firmen müssen über einen gewissen Reifegrad verfügen“, nennt Bettina Streiter, Schuldscheinexpertin bei der DZ Bank, zwei Voraussetzungen, damit eine Emission schnell und problemlos platziert werden kann.
Um sich von potenziellen schwarzen Schafen abzuheben, sollten solide Emittenten vor allem mit Offenheit punkten. Dazu gehört auch, dass die Emittenten vor und besonders nach der Platzierung des Darlehens einen engen Draht zu ihren Geldgebern halten.