Autobiographie „Beifang“: Wie Steve Jobs' Tochter den Apple-Gründer entzaubert
Das Buch der lange verstoßenen Tochter fügt bedrückende neue Teile zu dem Puzzle hinzu, das zahlreiche Bücher zuvor über die dunkle Seite des Apple-Gründers angelegt haben.
Foto: Frances F. Denny/The New York TiSan Francisco . Lisa Brennan-Jobs nimmt die Leser mit auf die Reise eines heranwachsenden Teenagers im Kalifornien der 80er und 90er Jahre. Es ist eine Suche nach der Identität, dem Platz im Leben. Hin und hergerissen zwischen zwei Familien und Welten, von denen keine sie wirklich akzeptieren will oder kann, im Schatten einer übergroßen Vaterfigur, dem Apple-Mitgründer Steve Jobs, fühlt sie sich zusammengepresst auf ein Nichts. Auf ein „Small Fry“, einen unbeachteten „Beifang“, so auch der deutsche Titel der Autobiographie.
Das 381 Seiten starke Buch der heute 40-jährigen Journalistin und Autorin erscheint zu einer interessanten Zeit im Silicon Valley. Die Rolle der gottgleich verehrten Gründer und Manager wird immer stärker hinterfragt. Der Personenkult um Menschen wie Steve Jobs, Elon Musk, Jeff Bezos, Sheryl Sandberg oder Mark Zuckerberg stößt an seine Grenzen.
Die Memoiren der Lisa Brennan-Jobs sind schon deshalb für alle Steve Jobs-Verehrer und -Hasser lesenswert, weil sie ein konträres Familienbild zu der Bestsellerseller-Biographie von Walter Isaacson über Steve Jobs zeichnet. Isaacson setzt Laurene Powell Jobs, die Witwe und Verwalterin des Mythos´ Steve Jobs, und ihre drei Kinder in ein eher vorteilhaftes, fast liebevolles Licht und problematisiert die Rolle von Lisa Bennan-Jobs. In der Erinnerung des ältesten der vier Jobs-Kinder gibt es da ganz andere Bilder.
Es ist lange schon kein Geheimnis mehr, dass im brillanten Visionär Steve Jobs auch ein missgünstiger und widerwärtiger Jobs gesteckt hat, dem es Spaß gemacht hat, andere zu demütigen oder zu verletzen. Er stritt fast drei Jahre lang die Vaterschaft schlicht ab, wurde letztlich vom Staat Kalifornien verklagt und zur Zahlung von Unterhalt verurteilt. Das Buch der lange verstoßenen und ignorierten Tochter fügt bedrückende neue Teile zu dem Puzzle hinzu, das zahlreiche Bücher zuvor angelegt haben.
Das Besondere daran: Es sind die Puzzleteile eines kleinen Mädchens, nicht von Technologieexperten und Risikokapitalanlegern. Man fragt sich, ob man nach Lektüre des Buches Steve Jobs jemals wieder so sehen kann wie in den 90er und den frühen 2000er Jahren, als ihm die Welt, die mit seinen Produkten verändert hat, zu Füßen lag.
Da ist etwa die Begebenheit mit dem kleinen Haus. Lisas mittellose Mutter hatte es gefunden und den längst zu Reichtum gekommenen Steve Jobs gefragt, ob er es nicht für sie und ihre Tochter kaufen würde. Jobs sah sich das Haus an, bestätige, dass es schön sei – und kaufte es für sich selber, um mit seiner neuen Partnerin einzuziehen. Das Buch ist voll von solchen Begebenheiten, die nur sehr schwer mit Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit oder gar genialer Verschrobenheit schönzureden sind. Man kann es schlicht Sadismus nennen.
385 Dollar Unterhalt im Monat plus Krankenversicherung zahlte er gezwungenermaßen Lisas Mutter, die zwei Jobs hatte, um sich und das Baby durchzubringen. Wenige Tage nachdem der Unterhaltsvertrag unterzeichnet war, schreibt Lisa Brennan-Jobs, ging Apple an die Börse und Jobs war Hunderte Millionen Dollar reich. Er stockte den Unterhalt auf 500 Dollar auf.
Die Autorin beschreibt dieses ewige Wechselbad der Gefühle eines Kindes, das geliebt werden will. Im einen Moment bekommt es ein wenig Zuneigung, im nächsten eine kalte Dusche. Die heillos überforderte alleinerziehende Mutter, Jobs frühere High-School-Freundin Chrisann Brennan, hatte zeitweilig große Problem mit sich und ihrer Tochter, wurde depressiv und gewalttätig.
Schließlich nahm Jobs die halbwüchsige Lisa aus der Sozialhilfewelt mit in seine reiche Welt, wo sie mehrere Jahre in der Familie lebte. Wie sie später herausfand, geschah das aber nur, weil die Schule damit gedroht hatte sonst das Jugendamt zu informieren, schreibt sie. Es drohte ein Skandal.
Doch statt endlich als Tochter in ihrer Familie anzukommen, wurde sie eher zu einem Dienstmädchen. Sie beschreibt, wie sie abends das Geschirr mit der Hand abwaschen musste, weil der Geschirrspüler nicht repariert wurde, dass sie keine Heizung in ihrem Zimmer hatte. Und sie erinnert sich an eine Geburtstagsparty für die Halbschwester Eve. Ein Gast fragte Lisa, wer sie denn sei und Eve antwortete: „Das ist meines Vaters Fehltritt.“
Als die Familie zu einer mondänen Hochzeitsfeier ins Napa Valley aufbrach, erhoffte sie sich einen Blick in die Welt der Reichen und Schönen. Aber im Hotel angekommen bekam sie die Mitteilung, sie sei nur mitgenommen worden, um auf den kleinen Bruder aufzupassen. Der Rest der Familie ging ohne sie. Sie mäanderte zwischen Steve Jobs’ Haus und ihrer Mutter hin und her, einmal weigerte Jobs sich schlicht, ihr Schulgeld zu bezahlen. Nachbarn, heißt es in dem Buch weiter, sprangen ein und zahlten die Gebühren.
Andererseits erinnert sie sich an Zeiten, in denen ihr Vater lustig, charmant und liebevoll zu sein schien. Als sie klein war, fuhr er mit seinem Porsche vor ihrer ärmlichen Behausung vor und sie sind Rollschuh gefahren, gewandert, haben gelacht. Später durfte sie auch auf Urlaube der „anderen“ Familie mit. Aber nichts davon weckt beim Leser den Eindruck, dass der Mann, den wildfremde Menschen als Weltveränderer vergöttern und als ihren Mentor oder Vater bezeichnen, wirklich über das hinausgegangen ist, was man von jedem Vater erwarten würde.
Laurene Powell Jobs, die Halbgeschwister und Jobs Schwester Mona Simpson haben erwartungsgemäß eine etwas andere Sicht der Dinge. Der „portraitierte Steve ist nicht der Ehemann und Vater, den wir erlebt haben“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme. Das unterscheide sich „dramatisch“ von den Erinnerungen der Familie an diese Zeit. In Interviews in jüngster Zeit versuchte Brennan-Jobs den Eindruck entgegenzutreten, dass ihr Buch so etwas wie eine Generalabrechnung mit ihrem Vater sei. Doch es ist schwer, das anders zu lesen.
Lisa Brennan-Jobs wollte die Welt einmal wissen lassen, wie sie, das verstoßene kleine Mädchen, dessen Existenz Jobs sogar zeitweise von der offiziellen Apple-Biographie strich – diese Zeit und ihn erlebt hat. Auf dem Sterbebett habe er sich tränenreich bei ihr entschuldigt, berichtet sie am Ende. Aber da war es zu spät, um sie davon abzuhalten, ihre traumatische Kindheit und Jugend mit einem der berühmtesten Väter der Welt in einem sehr lesenswerten Buch aufzuarbeiten.
Nur eines kann oder will sie nicht beantworten. Am Schluss bleibt der Leser ratlos zurück und fragt sich, wie und warum Steve Jobs so wurde, wie er war. Sie wird es wohl selbst auch nicht wissen.
Lisa Brennan-Jobs: Beifang, Berlin Verlag, 384 Seiten, 22 Euro