Mobiles Bezahlen: Apple Pay ist gestartet – Wer den Service in Deutschland nutzen kann
Der iPhone-Hersteller bringt sein Bezahlsystem Apple Pay in Deutschland an den Start.
Foto: AFPFrankfurt/München. Seit Monaten wird über den Start von Apple Pay in Deutschland spekuliert. Mit dem heutigen Tag ist es soweit. Vier Jahre nach dem Start des iPhone-Bezahldienstes in den USA ist der Service seit Dienstag auch in Deutschland verfügbar. Der Konzern schaltete die Funktion am Morgen frei.
Die Kassentechnik muss dafür kontaktloses Bezahlen unterstützen – rund 820.000 Terminals in Deutschland wurden bereits entsprechend umgerüstet. Außerdem kann man mit Apple Pay ähnlich wie etwa über den Dienst Paypal auch in Online-Shops bezahlen. Branchenexperten erwarten von Apple Pay in Deutschland wichtige Impulse für das Bezahlen mit dem Smartphone.
Nikolas Beutin, Partner der Unternehmensberatung PWC, glaubt, dass der Marktstart von Apple Pay „zumindest ein wichtiger Baustein für das mobile Bezahlen in Deutschland“ ist und erwartet für 2019 den Durchbruch für das Mobile Payment. In einer Studie, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, kommt er zu dem Ergebnis, dass bereits 46 Prozent der unter 30-jährigen Deutschen mobil gezahlt haben oder dies sogar regelmäßig tun. Quer durch alle Altersgruppen seien es 25 Prozent. Und in fünf Jahren wollen 57 Prozent aller Deutschen Zahlungen mobil abwickeln.
Apple-Managerin Jennifer Bailey, Vice President des Technologiekonzerns und verantwortlich für Apple Pay, verbreitete am Dienstag Begeisterung: „Wir freuen uns, Apple Pay heute nach Deutschland zu bringen, um eine einfachere, schnellere, sicherere und vertraulichere Bezahlmöglichkeit mit iPhone und Apple Watch zu bieten“, erklärte sie. „Wir glauben, dass die Verbraucher die Schnelligkeit und den Komfort beim Verwenden von Apple Pay lieben werden.“ Apple Pay sei nun weltweit in 27 Märkten mit mehr als 5.200 Bankpartnern aktiv.
Apple-Chef Tim Cook hatte Ende Juli angekündigt, Apple Pay solle „später in diesem Jahr“ in Deutschland starten. Anfang November ließ der Tech-Konzern die Botschaft folgen, dass es „bald“ losgehe. Zuletzt war der Dienst auch in den europäischen Nachbarländern Frankreich, Schweiz und Belgien gestartet.
Zum Auftakt bieten folgende deutsche Banken ihren Kunden Apple Pay an: Deutsche Bank, Hypo-Vereinsbank, die Onlinebank Comdirect sowie die Hanseatic Bank und die Digitalbanken N26, Bunq und Fidor. Zudem können Kunden über die Wirecard-App „Boon“ den Dienst nutzen. Die Fidor-Bank ist darüber hinaus mit ihrem O2-Banking-Angebot vertreten.
Die Nutzer benötigen eine Kreditkarte eines Finanzdienstleisters, der mit Apple kooperiert. Außerdem brauchen sie ein iPhone ab der Version „iPhone SE“ beziehungsweise „iPhone 6“ oder eine Apple Watch.
Den Bezahldienst können Apple-Nutzer in der Wallet-App aktivieren. Über den blauen Plus-Button (oben rechts) fügen sie eine neue Kredit- oder Debitkarte hinzu und wählen das kartenherausgebende Institut aus. Per Kamera-Scan oder manuell können danach die Karteninfos hinzugefügt werden. Ist eine Karte auf einem iPhone hinterlegt, lässt sich diese anschließend auch auf die Apple Watch übertragen.
Google Pay, der Bezahldienst von Google, war bereits Ende Juni gestartet. Google Pay können unter anderem Kunden von Commerzbank und Comdirect nutzen. Zudem sind Sparkassen und Volksbanken sowie die Deutsche Bank mit eigenen Lösungen fürs smarte Bezahlen am Markt – allerdings bisher nur auf Android-Smartphones, weil sie auf iPhones nicht auf den NFC-Funkchip zugreifen können.
Ein sehr spezieller Markt
Das mobile Bezahlen steckt in Deutschland wie in vielen anderen Ländern noch in den Kinderschuhen. Die meisten Deutschen zahlen an der Ladenkasse ganz klassisch: Bargeld kam zuletzt bei drei Vierteln der Einkäufe zum Einsatz. Kreditkarten sind zudem relativ wenig verbreitet. Laut einer Bundesbank-Studie besitzen nur 36 Prozent der Verbraucher eine Kreditkarte – und nutzen diese obendrein vergleichsweise selten.
Bei Kartenzahlungen kommt meist die Girocard zum Einsatz. Diese in einen Smartphone-Bezahldienst zu integrieren, bedeutet für die Banken mehr Aufwand. Zum Start in Deutschland können daher lediglich Kredit- und Debitkarten in Apple Pay eingebunden werden. Im kommenden Jahr soll nach Angabe der HVB aber auch die Girocard folgen.
Inzwischen werden Kreditkarten hierzulande an sehr vielen Orten akzeptiert. Den Anstoß dazu gab die Politik. Ende 2015 hatte die Europäische Union beschlossen, das sogenannte „Interbankentgelt“ bei Kartenzahlungen zu deckeln und damit deutlich zu kürzen.
Die Gebühr darf nun bei Girocards nicht mehr als 0,2 Prozent der Zahlungssumme betragen. Bei Kreditkarten ist der Betrag auf 0,3 Prozent der gesamten Zahlung gedeckelt; zuvor waren es zum Teil mehrere Prozent. Nach dem Inkrafttreten der Regulierung änderten auch die Pfennigfuchser der deutschen Wirtschaft – darunter die viel genutzten Discounter wie Aldi, Lidl und Penny – ihren Kurs und akzeptierten auch Kreditkarten.
Inzwischen ist auch die Umrüstung auf Terminals, die kontaktloses Bezahlen per NFC-Funk unterstützen, weit fortgeschritten. Damit ist Deutschland für den Start eines Dienstes wie Apple Pay besser gerüstet als viele andere Länder.
Die Comdirect Bank, die seit Sommer den ähnlich funktionierenden Konkurrenzdienst Google Pay anbietet, ist zufrieden damit, wie er bei den Kunden ankommt. „Mehr als die Hälfte der registrierten Kunden bei Google Pay nutzt den Dienst regelmäßig – also mindestens fünf Mal im Monat“, sagt Bankchef Arno Walter. Zugleich werde der Service häufiger im Laden als bei Online-Zahlungen eingesetzt.
„Ich glaube schon, dass sich das mobile Bezahlen auch im Bargeldland Deutschland etablieren wird“, zeigt sich Walter zuversichtlich. Man habe in den vergangenen Monaten gemerkt, dass die Apple-Kunden sehr auf den Start des iPhone-Bezahldienstes gewartet hätten.
Für die Banken bedeutet Bezahlen per Smartphone auch mehr Sicherheit: Bei Google Pay kenne er bisher keinen einzigen Betrugsfall, sagt der Bankchef. Die Comdirect Bank plant, auch die Girocard in Google Pay und Apple Pay zu integrieren, es sei aber ein komplexer Prozess.
Globaler Vorreiter beim mobilen Bezahlen ist China. Die Bezahl-Apps Alipay und WeChat Pay aus dem Reich der Mitte zählen 520 Millionen beziehungsweise 900 Millionen Nutzer.
Mit Material von dpa.