Kartendienst: 15 Jahre Google Maps: Wie ein Konzern die Welt virtualisiert
Google Maps ist eine von wenigen digitalen Anwendungen, die auch nach 15 Jahren nicht wegzudenken ist und noch immer weiter entwickelt wird.
Foto: AFPNew York, Düsseldorf. Wie immer weiß Google, wenn Oguz Yilmaz in einem Restaurant war und fragt ihn, wie es ihm gefallen hat. Yilmaz vergibt dieses Mal fünf Sterne: „Als Veganer einfach gut, komplett freie Auswahl zu haben“, schreibt er. Der Kölner hat dem Konzern die Standortdaten seines Smartphones freigegeben und sich auch als „Local Guide“ registriert. Er will aktiv mithelfen, Google Maps noch besser zu machen – als einer von 120 Millionen Freiwilligen weltweit.
Früher wurde die Welt in Höhenmetern und Vegetationszonen kartiert. Heute geht es um viel mehr: Google hat mit seinem Kartendienst Maps vor 15 Jahren begonnen, ein digitales Abbild der Welt zu bauen – mit Satellitenbildern, öffentlichen Daten, Fotos von Straßen, Bewegungsdaten und Eingaben wie denen von Yilmaz.
Nun steht der Schritt in eine neue Dimension bevor: Google-Chef Sundar Pichai sieht eine Zukunft, in der sein Kartendienst die Welt mit der Virtualität verknüpft: Er sieht vegetarische Menüs im Sichtfeld von Menschen aufploppen, wenn sie an Restaurants vorbeilaufen, sagte er in einem Interview zum Geburtstag des Kartendienstes.
Auf den Daten lassen sich Geschäftsmodelle aufbauen und Technologien entwickeln. Auf jährlich bis zu 1,8 Milliarden Dollar schätzt das Beratungsunternehmen McKinsey das Marktvolumen für hochauflösende Karten bis 2030. Der Umsatz mit damit verbundenen Service-Dienstleistungen werde im gleichen Zeitraum 1,5 Milliarden Dollar erreichen. Ein enorm wichtiger Markt, den Google beherrscht und ganz vereinnahmen könnte.
Google weiß heute so gut wie alles über fast jeden Ort der Welt. Wer in Köln-Kalk per Smartphone ein veganes Restaurant sucht, erfährt nun, wie er zu Trash Chic kommt und dass es dort „am Abend etwas dauern kann“, wie Yilmaz berichtet. Das Lokal hat 4,6 von 5 Sternen im Schnitt der bald 700 Bewertungen. Um 20 Uhr ist es am stärksten besucht. In der Regel verbringen Menschen dort 1 bis 2,5 Stunden.
Google verknüpft solche Informationen über Orte mit den Daten der Nutzer. Analysten schätzen, dass mehr als eine Milliarde Menschen mindestens einmal im Monat auf Maps zugreifen. Die Kombination aus persönlichen und allgemeinen Daten ist die Grundlage der meisten Geschäftsmodelle und Lösungen im 21. Jahrhundert.
Das Smartphone ändert alles
Google Maps ist eine von wenigen digitalen Anwendungen, die auch nach 15 Jahren nicht wegzudenken ist und noch immer weiter entwickelt wird. Angefangen hatte alles mit drei Unternehmen, die Google sich zusammenkaufte: ein Satellitenbilderdienst, eine Firma, die digitale Karten und Routenanweisungen entwickelt hat und ein Start-up, das Verkehrsdaten erfasst. Google fasste die Fähigkeiten der drei Unternehmen in einer Anwendung zusammen und kreierte daraus 2005 Google Maps – damals noch für den Desktop-PC.
In den ersten Tagen beschäftigten sich die Entwickler mit der Frage, wo sie den Drucken-Button platzieren sollen, damit Nutzer die Wegbeschreibung mitnehmen konnten. Als der Kartendienst am 28. November 2007 erstmals als App auf ein Smartphone kam, war der Drucker-Button bald vergessen.
Für die Nutzer wurden ihre Smartphones ab diesem Zeitpunkt zum Navigationsgerät. Atlanten und mobile Navis von TomTom und Garmin brauchte keiner mehr. Die größere Revolution erlebte allerdings zunächst nur Google: Die Geodaten ließen sich mit den Bewegungsdaten der GPS-Sensoren in den Smartphones verknüpfen.
Google Maps trägt wesentlich zur Bewertung bei
Kürzlich wurde Google an der Börse mit einer Billion US-Dollar bewertet. Es gehört zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Und der Anteil von Google Maps daran ist nicht zu unterschätzen: Ohne die Geodaten wären die Ergebnisse der zentralen Suchmaschine niemals so gut.
Was die Menschen bei Google eingeben, ist zwar ein Geheimnis des Konzerns. Doch es wird davon ausgegangen, dass 46 Prozent der Suchanfragen einen lokalen Bezug haben. Wenn die Nutzer Kneipen, Supermärkte oder Badeseen suchen, suchen sie diese in ihrer Nähe. Sinnvolle Ergebnisse kann ihnen die Suchmaschine nur liefern, wenn sie ihre Standortdaten mit Suchergebnissen verknüpft.
Entsprechend groß feiert Google den Maps-Geburtstag. Journalisten hat der Konzern nach New York eingeladen, um alte und neue Funktionen des Kartendienstes auf einer digitalen Weltreise zu erleben. Am Stand von New Orleans zeigt ein Jazz-Fan, wie man die besten Musiklokale findet und mit seinen Freunden teilt. In Tokio lernen sie von Google Maps, wie sie die Hoteladresse auf Japanisch aussprechen.
Während Google Maps Privatnutzern das Leben leichter macht, geraten Unternehmen immer mehr in die Abhängigkeit. Wer auf Google Maps nicht zu finden ist, ist für viele Menschen gar nicht da.
Laut Google nutzen wöchentlich mehr als fünf Millionen aktive Webseiten und Apps die Produkte von Google Maps. Firmen binden etwa Google-Karten in ihre Webseiten ein, damit Besucher sie finden.
Jeden Monat verknüpfe Google Maps mehr als neun Milliarden Mal Nutzer mit Unternehmen: Drei Milliarden Nutzer ließen sich zu Unternehmen navigieren, eine Milliarde wähle aus Maps die Nummer eines Unternehmens, um dort anzurufen. Und die Abhängigkeit geht weit über Auffindbarkeit und Bewertungen hinaus.
In einer Studie des IT-Beratungsunternehmens Strategy Analytics schreiben die Autoren, dass Ortungsdienste wie Google Maps ein Kernelement sind, um neuartige Mobilitätsangebote wie das Carsharing anbieten zu können. Der US-Fahrdienst Lyft beispielsweise nutzt Karten von Google.
Bei der Google-Maps-Geburtstagsweltreise in New York erklärt eine junge Dame neben einem gemalten Yellow-Cab, wie die App den Verkehr auch für den kommenden Tag voraussagen kann und dass sie demnächst die U-Bahn-Passagiere auch darüber informiert, wie warm oder kalt es in den Wagons ist, ob es Sicherheitspersonal an Bord gibt, einen Zugang für Rollstühle oder wie in Japan einen extra Wagen für Frauen. Viele dieser Informationen holt sich Google von den Nutzern, die zum Beispiel Google Maps mitteilen, ob sie Security an Bord sehen oder wie sie die Temperatur empfinden.
Den Kartendienst gibt es seit 15 Jahren.
Foto: dpa
Die Verkehrsmittel der Zukunft wie Roboterautos und Flugtaxis wären ohne Ortungs- und Bewegungsdaten nicht denkbar. „Die Daten sind nicht nur die Grundlage für die Navigation, sondern auch für Dienste wie Stauwarner, Gefahrenmeldungen und in Zukunft auch für das autonome Fahren“, sagt McKinsey-Partner Kersten Heineke, der bei dem Beratungsunternehmen für Mobilitätsthemen zuständig ist. „Kartendienste sind die Basis für eine ganze Reihe an neuen Anwendungen.“ Google sitzt somit am Hebel von zahlreichen technologischen Innovationen.
Andere Unternehmen haben das jedoch erst kommen sehen, als Google mit „Android Auto“ 2015 ins Cockpit eingestiegen ist. Autofahrer konnten mit diesem Dienst ihr Smartphone mit dem Infotainmentsystem des Fahrzeugs verbinden und Google Maps statt eingebauter Navigationsgeräte nutzen.
Plötzlich wurde einer ganzen Industrie bewusst, dass eine Suchmaschine Daten aus ihren Fahrzeugen abgreifen könnte, die sie für künftige Entwicklungen selbst benötigen würden. Wenige Monate später kauften Audi, BMW und Daimler den Kartendienst Here des strauchelnden Handyriesen Nokia. Fast drei Milliarden Euro war ihnen der Dienst wert.
Die Einstiegshürden in den Kartenmarkt seien immens, sagt McKinsey-Experte Heineke. „Es ist ein großes Anfangsinvestment nötig, um Karten zu erstellen, danach folgen hohe laufende Kosten, um die Karten aktuell zu halten und zu erweitern.“ Apple hat nach eigenen Angaben für die Entwicklung und Verbesserung von Apple Maps mehrere Milliarden Dollar ausgegeben.
Mit dem Einzug von Künstlicher Intelligenz vervielfacht sich die Geschwindigkeit noch, mit der Google Maps sich entwickelt. Inzwischen zeichnen Algorithmen automatisiert die Grundrisse von Gebäuden in Karten ein. „2019 haben wir mit Maschinellem Lernen so viele Gebäude zu Maps hinzugefügt wie in den gesamten zehn Jahren zuvor“, berichtete Google-CEO Sundar Pichai jüngst den Analysten bei der Bekanntgabe von Alphabets Jahreszahlen.
Here als Schlüssel zur Unabhängigkeit
Was Google mit seinem GEO-Datenschatz noch alles vorhat, lässt sich nur teilweise erahnen. Im Forschungslabor X der Google-Mutter Alphabet arbeiten Mitarbeiter von Waymo an selbstfahrenden Autos und Menschen bei Wing an autonomen Drohnen. Und Google-Gründer Larry Page investiert in das Start-up Kitty Hawk, das als erstes semi-autonome Flugtaxen in die Luft bringen will. Ob diese Visionen jemals umgesetzt werden können, ist ungewiss.
Here ist für die Autokonzerne der Schlüssel zur Unabhängigkeit. „Wenn Sie mit Google sprechen, erhalten Sie die Möglichkeit, Google-Produkte zu nutzen – was letzten Endes Google hilft, sein eigenes werbebasiertes Geschäft weiterzuentwickeln“, sagt Giovanni Lanfranchi, CTO von Here. Dem Kartenkonsortium hingegen gehe es nicht darum eigene Endkundenbeziehungen zu monetarisieren.
Den Privatkundenmarkt hat Google längst gewonnen. Here versucht gar nicht erst, auf diesem Feld gegen den Silicon-Valley-Riesen anzutreten. Das Kartenkonsortium hat es auf Industriekunden abgesehen, vor allem aus dem Transport- und Logistikbereich.
Und da gibt es noch eine Chance: „Bei Smartphones ist Google Maps führend, bei Autokarten sieht es anders aus“, sagt auch Experte Heineke. „Privatkunden nutzen für die Navigation oft Google Maps, Automobilunternehmen greifen aktuell auf Here und TomTom zurück.“
Here bietet eigenen Aussagen zufolge Kunden, Partnern und Entwicklern Zugang zu den Produkten, die wiederum damit ihr eigenes Geschäft weiterentwickeln können. Künftig könnten auch die Nachverfolgung von Waren und die Paketlieferung per Drohne mit dem Kartendienst von Here ermöglicht werden. Wer das Duell um den B2B-Markt gewinnt, ist noch nicht entschieden.
Für Google gibt es dennoch allen Grund, sich zu feiern. Den Markt für Lösungen für Privatkunden führt der Konzern unangefochten an. Zum Beispiel mit der neuesten Funktion Live View: Ein Blick durch die Kamera zeigt Nutzern, in welcher Richtung sich ein bestimmter Ort befindet, damit sie sich nicht dreimal im Kreis und ein paar Schritte in eine Richtung bewegen müssen, bis sie sich auf der Karte orientieren können. Die Funktion wird möglich mit Künstlicher Intelligenz, die die Realität mit hinterlegten Bildern abgleicht.
Währenddessen hat ein Berliner Künstler weltweit Gelächter ausgelöst: Mit einem Bollerwagen, gefüllt mit 99 Smartphones, ist er über eine Brücke gelaufen und will damit bei Google Maps einen Stau simuliert haben. Die Botschaft: Das digitale Abbild der Welt von Google entspricht nicht immer der Realität.
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