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RohstoffeWie sich Privatanleger mit Rohöl-Wetten verspekulieren

Seit Jahresbeginn sind die Ölpreise um 80 Prozent eingebrochen. Privatanleger haben Millionen verloren – auch wegen eines verbreiteten Missverständnisses.Jakob Blume 28.04.2020 - 17:03 Uhr

Trotz der Komplexität von Öl-Investments setzen deutsche Anleger Millionen auf steigende und fallende Ölpreise.

Foto: plainpicture/Design Pics/Eric Kulin

Frankfurt. Wenn Jannik Werner* in diesen Tagen auf den Auszug seines Onlinedepots blickt, steht dort in einer Zeile: „Restwert: vier Euro“. Der niedrige vierstellige Betrag, den Werner Anfang vergangener Woche in ein dreifach gehebeltes Zertifikat auf den WTI-Ölpreis investiert hatte, ist zu mehr als 99 Prozent verloren.

Werner hatte das Zertifikat (WKN: CL4VZN) gekauft, nachdem der Preis für Öl der Sorte US-WTI kurzzeitig unter null Dollar gerutscht war. Der Preis könne unmöglich so niedrig bleiben, so Werners Trading-Idee. Blieb er auch nicht, am Folgetag sprang der Preis für WTI-Rohöl von minus 37 Dollar zurück in den positiven Bereich. Dennoch erlitt Werner mit dem Wertpapier, das laut Beschreibung überproportional von einem Anstieg des WTI-Ölpreises profitieren sollte, einen Totalverlust. Für ihn ist der Verlust verschmerzbar. „Lektion gelernt“, sagt er.

Doch der Fall ist beispielhaft für ein grundlegendes Missverständnis, dem zahlreiche Anleger bei Investments in sogenannte Faktorzertifikate mit unbegrenzter Laufzeit sowie Exchange Traded Commodities (ETCs) auf Rohöl aufsitzen. Angesichts der jüngsten Marktverwerfungen kommt dieses Missverständnis die Anleger teuer zu stehen. Allerdings trägt auch ein Mangel an Transparenz bei manchen Produkten zu den Fehleinschätzungen bei.

Was viele Privatanleger nach der Erfahrung von Nils Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, nicht wissen: „Es gibt nicht den einen Ölpreis.“ Daher antworte er auch auf die Frage, wie man in Öl investieren könne, gerne mit dem Rat: „Lassen Sie es bleiben.“ Nauhauser ist überzeugt: „Egal welche Produkte Sie kaufen: Sie können nicht sicher davon ausgehen, von einem steigenden Ölpreis tatsächlich zu profitieren.“

In den Medien – auch im Handelsblatt – dominieren zwei Ölpreise die Schlagzeilen: die Nordseesorte Brent, der Referenzpreis für den europäischen Markt, und WTI-Öl, der wichtigste Preis für die USA. Doch diese Darstellung ist verkürzt. Denn sie spiegelt den Preis für Brent beziehungsweise WTI zur nächstmöglichen Lieferung an den Rohstoffterminbörsen wider. Es sind Preise für Öl-Futures, die den Käufer dazu verpflichten, zum Stichtag eine bestimmte Menge Öl abzunehmen.

Komplexe Finanzwetten

Auch Rohöl-ETCs und Zertifikate basieren auf Futures. Anleger zeichnen einen Anteil, das eingesammelte Geld investiert der Indexanbieter in Öl-Futures. Dahinter stehen also mitnichten physische Fässer Rohöl. „Das sind sehr komplexe Finanzprodukte, mit denen man Preise für bestimmte zukünftige Öllieferungen an einem Liefertermin handelt“, sagt Nauhauser.

Die Wertpapiere basieren im Kern auf einer Abnahmeverpflichtung für physisches Rohöl, die der Indexanbieter jedoch realistischerweise nie erfüllen wird. Er muss daher regelmäßig Futures vor Ende ihrer Laufzeit verkaufen und durch Papiere mit längerer Laufzeit ersetzen. „Die Rohstoff-Kontrakte haben immer eine Fälligkeit, weshalb die spekulativen Finanzprodukte die Kontrakte fortlaufend austauschen müssen“, erklärt Nauhauser.

In der aktuellen Marktsituation, in der länger laufende Futures teurer sind als kurz laufende Terminkontrakte, „Contango“ genannt, fallen beim Wechsel auf den längerfristigen Future, dem sogenannten „Rollen“, Verluste an. Diese verstärken die Verluste, die Anleger mit Öl-Investments einfahren können.

So hat der US Oil Fund, der größte amerikanische Indexfonds für WTI-Öl, seit Auflage 2006 insgesamt 97 Prozent an Wert verloren. WTI-Öl notiert derzeit knapp 80 Prozent unterhalb des Niveaus von 2006. Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, sagt, die Preisentwicklung beim US Oil Fund „ist der beste Beweis, dass ‚kaufen und liegen lassen‘ als Strategie bei Rohöl nicht funktioniert“.

Trotz dieser Komplexität setzen deutsche Anleger Millionen auf steigende und fallende Ölpreise. Daten der Börse Stuttgart zufolge, des größten Handelsplatzes für Zertifikate, haben sie seit Anfang April Wertpapiere auf Rohöl mit einem Volumen von über 120 Millionen Euro gehandelt. Allein an dem Montag, als die Ölpreise unter null rutschten, betrug das Handelsvolumen von Wertpapieren auf der Basis von WTI-Öl acht Millionen Euro. Das ist neunmal mehr als noch Anfang April.

Gut ein Viertel floss in sogenannte „Anlageprodukte“. Dazu zählt die Börse Stuttgart ETCs und Zertifikate, die den WTI-Ölpreis eins zu eins abbilden sollen. Drei Viertel des Betrags investierten die Anleger in Hebelprodukte, die überproportional von steigenden oder fallenden Ölpreisen profitieren.

Was die Komplexität der Produkte zusätzlich erhöht: Oft ist erst auf den zweiten Blick erkennbar, auf welchem Future-Kontrakt sie basieren. Das hat mitunter fatale Auswirkungen, wie Anleger Werner erfahren musste.

Mangelnde Transparenz

Zwar erholte sich der Preis für WTI-Öl nach dem Sturz unter null wieder deutlich. Werner lag mit seinem Trading-Szenario also richtig. Doch die Preiserholung entfiel lediglich auf den Mai-Future, der vergangene Woche auslief. Der Juni-Future, auf dem das von ihm gekaufte Zertifikat der französischen Großbank Société Générale basierte, fiel im Chaos an den Terminmärkten um mehr als 30 Prozent. Bei einem dreifachen Hebel bedeutet das: Totalverlust.

Auf der Website der Société-Générale-Zertifikatetochter hätte Werner sehen können, dass sein Wertpapier auf dem Juni-Future basiert. Doch selbst dann hätten wohl nur wenige Privatanleger das Risiko erkannt, dass sich Mai- und Juni-Kontrakt extrem gegenläufig entwickeln können.

Bei anderen Anbietern ist es mitunter noch komplizierter herauszufinden, welche Basiswerte dem Produkt zugrunde liegen. So erfahren die Anleger des „WisdomTree WTI Crude Oil“ (ISIN: DE000A0KRJX4), der immerhin eine knappe Milliarde Euro verwaltet, auf der Website des Vermögensverwalters, dass das Produkt den „Bloomberg WTI Crude Oil Subindex Total Return“ nachbildet.

Auf Nachfrage schickt WisdomTree einen englischsprachigen Anlegerleitfaden, in dem eine Excel-Liste verlinkt ist. Daraus geht hervor, dass das Papier auf dem Juli-Kontrakt basiert. Allerdings hatte Bloomberg Ende vergangener Woche angekündigt, dass die Öl-Indizes des Finanzinformationsdienstes ab Anfang Mai in den September-Kontrakt wechseln.

Eine Ankündigung, die den durchschnittlichen Privatanleger in Deutschland kaum erreichen dürfte – obwohl sie dramatische Auswirkungen haben kann: Denn aktuell liegt der Preis für den September-Kontrakt knapp 30 Prozent über dem des Juli-Kontrakts. 30 Prozent beträgt damit auch der Verlust, der Anlegern entstehen kann, wenn der Bloomberg-Index in den September-Future wechselt und der WisdomTree-ETC diese Bewegung nachbildet, wie der Vermögensverwalter in seinem Anlegerleitfaden selbst warnt.

Als Grund für das außerplanmäßige Rollen des Terminkontrakts nennt Bloomberg die Sondersituation an den Terminmärkten. Wegen des Einbruchs der Ölnachfrage in der Coronakrise sowie der weltweit vollen Öllager sind die Differenzen zwischen den einzelnen Future-Kontrakten so hoch wie noch nie.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Der WTI-Ölpreis muss zwischen Mai und August um mehr als 30 Prozent steigen, damit Anleger keinen Verlust mit einem ETC machen, das auf dem Bloomberg-Index basiert. Von einer Eins-zu-eins-Nachbildung des Rohölpreises sind diese Produkte also im derzeitigen Marktumfeld weit entfernt.

Verbraucherschützer Nauhauser kritisiert mangelnde Transparenz bei einigen ETCs: „Das kann den Anbietern noch rechtlich um die Ohren fliegen“, glaubt er. Möglicherweise könnten sich schon bald Gerichte mit der Frage auseinandersetzen, ob die Anleger im Einzelfall ausreichend informiert waren. Denn, so Nauhauser: „Das geltende Recht verlangt, dass Verbraucher die Basiswerte erkennen können müssen, wenn die Produkte auf einen Referenzindex verweisen.“

WisdomTree erklärt, man arbeite hart daran, den Investoren bestmögliche Informationen zur Verfügung zu stellen. Doch der Vermögensverwalter hat bereits erste Konsequenzen aus dem Chaos am Ölmarkt gezogen. Ende vergangener Woche hat der Vermögensverwalter die Ausgabe neuer Anteilsscheine für zwei auch in Deutschland erhältliche börsengehandelte Indexprodukte gestoppt. Ein zweifach gehebelter Indexfonds auf WTI-Öl (WKN: A2BDEB) sowie ein Short-Indexfonds auf WTI (WKN: A0V9XY) sind davon betroffen.

Schwarze Schwäne am Ölmarkt

Grund dafür sei unter anderem, dass sich das „Risiko für signifikante Verluste“ deutlich erhöht habe und die Wertentwicklung der Produkte angesichts der volatilen Märkte „bei einer Haltedauer von länger als einem Tag deutlich schlechter ausfallen kann als die Erträge auf den zugrunde liegenden Märkten“. WisdomTree weist zusätzlich darauf hin, dass der Wert der Öl-Indexfonds, anders als die Ölpreise selbst, nicht unter null fallen kann.

Der Anbieter warnt nun explizit vor den eigenen Produkten: Es seien erhebliche Risiken mit dem Kauf von börsengehandelten Indexprodukten verbunden, bei denen die Ausgabe neuer Anteile ausgesetzt ist. Denn der Marktmechanismus, der dazu führt, dass Wertpapier und Basiswert im Einklang stehen, sei unterbrochen. Auch die Inhaber dieser Wertpapiere müssen sich darauf einstellen, dass der Wert der Indexprodukte erheblich vom Basiswert abweichen kann. Allerdings sagt WisdomTree zu, die Wertpapiere jederzeit zurückzunehmen.

Die Wertentwicklung von Rohöl ist selbst für Experten notorisch schwer zu prognostizieren – zumal das vergangene halbe Jahr praktisch im Acht-Wochen-Takt von „Schwarzen Schwänen“, also unvorhersehbaren Ereignissen, geprägt war: vom Raketenangriff auf die saudischen Produktionsanlagen über eine Eskalation am Persischen Golf bis hin zum Kollaps der Opec-Gespräche und zur Corona-Pandemie. Im Zuge dessen dürften sich zahlreiche Anleger die Finger verbrannt haben. Am Dienstag ging es schon wieder deutlich nach unten.

Hinzu kommt: Die Öl-Indexfonds werden in diesen Tagen selbst zum preistreibenden Faktor, die das Chaos an den Terminmärkten noch verstärken. Am Montag kündigte der US Oil Fund an, sich in den kommenden Tagen vollständig aus dem Juni-WTI-Future zurückzuziehen. Der Juni-Future, der gleichzeitig der aktuelle Referenzpreis für US-Öl ist, fiel seit Wochenbeginn um 35 Prozent.

Der durch den Indexfonds ausgelöste Verkaufsdruck habe zu dem Preissturz beigetragen, ist Coba-Experte Weinberg überzeugt. Die Annahme, Rohöl werde immer gebraucht, und daher sei das Risiko bei Öl-Investments gering – sie war noch nie so trügerisch.
*Name geändert

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