1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Coronakrise: Geldschwemme treibt Kurse nach oben

CoronakriseGeldschwemme treibt Kurse nach oben

Die Notenbanken fluten Märkte mit Billionenbeträgen. Riesige staatliche Hilfspakete kommen dazu. Die Zinsen bleiben tief. Das macht vor allem Aktien sehr attraktiv. Mit Anleihen ist dagegen nur wenig zu verdienen.Stefan Terliesner, Dirk Wohleb 23.06.2020 - 11:45 Uhr
Foto: Handelsblatt

Köln. in V, W, U oder L? Die Buchstaben veranschaulichen die entscheidende Frage für Anleger und Unternehmen. Denn ob sich die Konjunktur nach der Pandemie-Vollbremsung schnell, stotternd, langsam oder gar nicht erholt, ist wichtig für jede Investition. Bei ihren Prognosen ziehen Forscher Indikatoren wie Auftragseingang, Auslastung, Arbeitslosenquote oder Rohstoffpreise heran. Das Bild für 2020 ist düster: Die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg steht in vielen Ländern bevor. Massenarbeitslosigkeit in den USA. Absturz der Wirtschaftsleistung in Deutschland um 7 Prozent laut Internationalem Währungsfonds.

Die Nachrichten rund um die Coronakrise sind so schlecht, dass Vergleiche mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 die Runde machen. Aus Anlegersicht kommt bei den meisten Analysen eine Kennzahl zu kurz: die Geldmenge. Sie erhöht sich gerade mit nie gesehener Geschwindigkeit und wird – dies belegen Studien – insbesondere die Aktienkurse nach oben spülen. Ausdruck dieser Flut ist das explosionsartige Wachstum der aggregierten Bilanzsumme der Notenbanken von England, Japan, der Euro-Zone, den USA und der Schweiz. Die Fachleute von J.P. Morgan Asset Management erwarten für 2020 ein Anschwellen von 16 Billionen auf 24 Billionen Dollar.

Digitale Wertpapiere

Immobilienbesitzer schon ab einem Euro

Dies ist der große Unterschied zu der Krise 1929 bis 1933. Vor rund 90 Jahren ließ die schon damals bedeutende Federal Reserve Bank (Fed) Geschäftsbanken in Konkurs gehen und die Geldmenge um ein Viertel schrumpfen, was die Rezession massiv verschärfte. Fatal war auch die Einführung von Zöllen durch die USA, was das Ende der damaligen Globalisierung begünstigte. Ganz anders die Lage heute: „Die historisch einmalig großen Zuwachsraten der Geldmenge in den USA von annualisiert rund 90 Prozent sowie hohe Steigerungen in Europa, Japan und China dürften sowohl bei der Weltkonjunktur als auch an den Börsen deutlich positive Auswirkungen haben“, sagt Vermögensverwalter Jens Ehrhardt. „Dazu kommen die einmalig großen fiskalpolitischen Impulse.“

Vor diesem Hintergrund ist auch wichtig, dass der „Waffenstillstand“ im Handelskonflikt zwischen den USA und China hält. Momentan konzentrieren sich Regierungen auf die Bekämpfung der Pandemie. Die Nebenwirkungen sind enorm und werden im Verlauf des Jahres 2020 konkret. Aber schon jetzt steht fest: Die von den Behörden angeordneten Shutdowns bringen Unternehmen und Millionen von Menschen in finanzielle Nöte. Die Börse hat diese Entwicklung vorweggenommen. Als die Weltgesundheitsorganisation die Pandemie ausrief und viele Regierungen Verhaltensregeln beschlossen, kollabierten die Kurse. So verlor der Euro-Stoxx50 am 12. März 12,4 Prozent. Ein Bärenmarkt, also ein Verlust von mehr als 20 Prozent, war nach wenigen Tagen erreicht. Panik machte sich breit.

Das war in der ersten Hälfte des Monats März. In der zweiten Hälfte und im April ging es wieder steil bergauf – obwohl zu diesem Zeitpunkt die weltweite Pandemie keineswegs unter Kontrolle war. Von einem Indexstand des Dax am 18. März bei 8440 Punkten schnellte das Börsenbarometer bis Ende Mai auf rund 12.000 Punkte in die Höhe. Wer zu dieser Zeit dem Tipp von Gottfried Urban, Geschäftsführer der Urban & Kollegen Vermögensmanagement, folgte, konnte eine schöne Rendite erzielen. Aber Market Timing ist unmöglich: „Für Anleger, die einsteigen wollen, ist es sehr schwierig, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen“, schrieb er in einem am 6. April veröffentlichten Börsenkommentar. In der Regel schaffe man es nicht, am Tiefpunkt zu investieren. Aber der untere Wendepunkt sei meist erreicht, „wenn nur noch negative Nachrichten verbreitet werden und keinerlei Perspektive für Kurssteigerungen erkennbar ist.“ Das war zu Beginn des Frühjahrs der Fall.

Der enthemmte Einsatz der Gelddruckmaschine weckt Zweifel an der Solidität von Währungen und erzeugt Angst vor zukünftiger Inflation.
Heinz-Werner Rapp, Gründer und Leiter des FERI Cognitive Finance Institute

Dann setzte die Hausse ein. Aus Sicht eines Aktienanlegers bildeten die Börsenindizes fast vollständig den Buchstaben V – bis Ende Mai zumindest. Als Kurstreiber erwies sich die Ankündigung der oben erwähnten Geldschwemme. Denn in Windeseile schnürten die Notenbanken sowie die Regierungen der vom Virus heimgesuchten Länder gigantische Hilfspakete. „Die Staaten der Welt pumpen rund drei Billionen Euro in die Volkswirtschaften in Form direkter Unterstützungsmaßnahmen. Das wird wie ein gigantisches Konjunkturprogramm wirken“, meint Uwe Eilers, Vorstand der FV Frankfurter Vermögen. Hinzu kämen Kredite und Bürgschaften in Höhe von mehreren Billionen Euro. Und die Notenbanken stellten erhebliche Beträge zur Verfügung, um weitere Anleihen zu kaufen und damit die Zinsen auf Jahre auf dem historisch niedrigen Niveau zu belassen. „Somit können sich Staaten und Unternehmen dauerhaft zu enorm niedrigen Zinsen finanzieren“, betont Eilers.

Tatsächlich ist es auch in dieser Krise richtig, sich an den Zentralbanken zu orientieren. Führend ist hier die Fed. Ihr folgen meistens die anderen Institute, darunter die Europäische Zentralbank (EZB) – und alle drucken Geld. Das ist natürlich bildlich gesprochen, weil Geld heute fast nur Zahlen auf Konten bedeutet. Aber ob man es Quantitative Easing oder Anleihekaufprogramm nennt, de facto schaffen Fed, EZB und die anderen Häuser neues Geld. Sie kaufen ihrem eigenen Staat – oder im Fall der EZB Mitgliedern der Euro-Zone – Schuldscheine ab. Die Regierungen dieser Länder drucken diese Papiere einfach. Anschließend emittieren sie die Anleihen mit dem Versprechen auf Zinsen und Rückzahlung. Willige Käufer sind die Notenbanken. Ein Großteil der frischen Mittel fließt in den Aktienmarkt und spült die Kurse hoch.

Von der Flut profitieren nicht nur Aktien, sondern auch Immobilien, Gold und Private Equity. Das Edelmetall markiert gerade bei 1600 Euro ein Allzeithoch. In der US-Währung gemessen kostete Gold im Mai rund 1700 Dollar. Beobachter der Geldschwemme sprechen von einer „Everything Bubble“, die fast alle Vermögenswerte umfasse.

Unternehmensstrategie

Den Weg für die Zukunft finden

Im Grunde sorgen die großen Notenbanken seit 20 Jahren für reichlich Liquidität. Damals platzte die Internetblase an den Börsen, und kurz darauf zerstörten Terroristen das World Trade Center in New York. In der Folge leitete der Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, eine expansive Geldpolitik ein, die unter seinen Nachfolgern immer extremer wurde. All das könnte eines Tages für starken Inflationsdruck sorgen, sagt Heinz-Werner Rapp, Gründer und Leiter des FERI Cognitive Finance Institute: „Der enthemmte Einsatz der Gelddruckmaschine weckt Zweifel an der Solidität von Währungen und erzeugt Angst vor zukünftiger Inflation.“ Er rechnet damit, dass Notenbanken in Zukunft die Höhe und die Struktur der Zinsen am Kapitalmarkt gezielt kontrollieren. „Faktisch bedeutet dies ein striktes Einfrieren der Marktzinsen auf sehr tiefen Niveaus“, so Rapp.

EZB kauft Anleihen im großen Stil

Obwohl die EZB laut Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union keine Staatsfinanzierung betreiben darf, kauft sie in großem Stil Schuldscheine von EU-Ländern auf. Zwischen März und Dezember 2020 will sie Anleihen sowie andere Wertpapiere im Umfang von 1,1 Billionen Euro erwerben. Selbst diese Beträge genügten der EZB nicht: Am 30. April betonte sie, dass die Programme APP und PEPP „so lange wie nötig laufen werden“ und das Volumen noch erhöht werden kann.

Völlig enthemmt agiert die Fed. Als Folge der Ankäufe von Anleihen sprang ihre Bilanzsumme von 4,2 Billionen Dollar Anfang März auf 6,5 Billionen Dollar Ende April – das ist ein Zuwachs von rund 50 Prozent innerhalb von nur acht Wochen. Der alte Satz „don‘t fight the Fed“ erscheint für Investoren heute richtiger denn je. „Die Kurse werden in ein bis zwei Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich höher stehen“, meint Vermögensmanager Urban. Voraussetzung sei, dass die Menschheit die Pandemie in den Griff bekommt.

Ergänzt werden muss auch, dass die Kurse nach der Rally wieder deutlich fallen könnten. In der ersten Maihälfte sah es bereits danach aus. Aus dem sich zuvor herausgebildeten Buchstaben V könnte also ein W werden. Auf jeden Fall brauchen Aktienanleger starke Nerven. Auf Dauer winkt als Lohn eine hohe Rendite. Anleger müssen die Märkte im Blick haben: „An den Börsen könnte eine ausgesprochene Spekulationswelle auf uns zukommen“, sagt Jens Ehrhardt. Aus seiner Sicht wäre es aber falsch, die Geldschwemme einzudämmen oder die Steuern zu erhöhen. Denn sonst droht eine weltweite Depression.

Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt